Das Programm für 2018

Es passt zeitlich optimal: Ende 2017 begann meinem Drang zur Politisierung die Puste auszugehen. Ich nahm Zuflucht bei Gedichten. Sie halfen mir durch den Winter – und nun kommt die Sonne wieder häufiger bis in mein Zimmer und ich beginne, wie in jedem Jahr um diese Zeit, meiner Lesesehnsucht neuen Stoff zu beschaffen.

Das ist 2018 besonders ernst, denn es stehen einige Veränderungen an, die Stützen brauchen. Wobei ich mir dann dachte: Welche Stützen sind besser dafür geeignet, sich an ihnen aufzurichten als solche, die Aufrichten notwendigerweise einfordern? Die das entfachen, was es überhaupt möglich macht, ein breiteres (selbstredend nur intellektuelles, nicht physisches) Rückgrat zu formen. Die Riege der heute sogenannten „Klassiker“, von denen ich auch im letzten Jahr einige unter politischen Aspekten gelesen habe, schienen mir nicht auszureichen.

Also habe ich eine neue Leseliste erstellt. In diese Leseliste werfe ich mich hinein – und „Worte des Widerstands“ werden 2018 Worte sein, die ich anhand der Erlebnisse mit den größten Büchern der Welt noch finden werde. Wie viele es sein werden, weiß ich noch nicht. Aber es geht schon bald los, denn zwei der erst einmal vierzig Bücher habe ich schon gelesen.

Das Programm für 2018 ist der Versuch eines Programms, über das nichts mehr hinauszugehen scheint – und der Versuch, darüber hinauszugehen.

Unentdeckt

Was in der Dichtung wäre das noch Unentdeckte? Ich bin versucht zu sagen: Eine Gestalt in genau ihrem richtigen Zustand, welcher der einer zu starken Dehnung ist, als dass sie sich so halten könnte – und sie atmet gerade ein. Zu fassen wäre etwa der Regen als Ganzes, im Fallen verlängert, die Tropfen, die zu Schlieren in der Luft werden, damit sie sich so auf den Fensterscheiben abbilden können, wie es sein muss – damit gesagt werden kann: Draußen regnet es.

Das wäre gebannte Dynamik ohne jede Option der Weiterentwicklung.

Regen

Auf dem ersten Blick zerschellt
In Kürze die Welt
Eines stillen, runden Flusses.
Die Luft eist.
Kristalle wachsen um den nächsten Lidschlag.
Ein Atemzug macht die
Scheibe transparent – erneut.

Veröffentlicht in Lyrik

Natur und Geschichte

Jeder dichtende Mensch denkt nach über sich selbst. Man sagt: Das liegt in der Natur der Sache. Nun ist dies aber eine Feststellung, die so allzu selbstverständlich klingt, dass sie doch ein Affront sein kann, den es gilt zu hinterfragen – denn liegt es nicht auch in der Natur der Sache, zu fragen, auf welche Natur und auf welche Sache hier aus dem tiefsten Grund der Psyche, der scheinbar klaren Logik gezeigt wird?

So will man denn hinabtauchen und suchen nach dem, was dem Dichter seine Natur ist und was seine Sache und wird feststellen, dass dabei um einiges schneller auf Grund gestoßen wird, als einem instinktiv lieb ist: Denn die Sprache haftet uns allzu sehr am Alltag, es mangelt ihr stark an Natur und Geschichte.

Ich habe vor kurzem einen Vortrag darüber gehört, wie der Alltag als Gegenstandsbereich in die Literatur eingezogen ist. Das war im 18. Jahrhundert. Kernstadt dieser Entwicklung war Paris, wo die Vorboten der Revolution auf die Leute mit Kleidung zum Wärmen wiesen und nicht mehr auf die Leute mit Kleidung zum Schauen. Der Mensch nebenan wurde zum Schatz des Wissens über das Leben—und der König im Umkehrschluss dafür immer weniger zum Vorbild.

In einer Revolution gehört sich eine solche Dynamik. Aber die Französische Revolution ist, da sind sich wohl alle einig, nicht mehr das prägende Ereignis unserer Tage. Die Frage ist: Wieso werden Könige dann immer noch vernachlässigt?

Sie ist nicht politisch gemeint. Sie ist auch nicht ästhetisch gemeint, sie ist eine ethische Frage – die der Selbstrettung des Künstlers in Zeiten des Alltags, der Ökonomie, des Überflusses im Privaten und Beruflichen dient.

Die Erklärung als Antwort auf diese Frage läge auch dem Dichter auf der Hand, wenn er nur endlich wieder in der Lage wäre, die Hand, mit der er schreibt, für eine andere anzusehen und nicht als pervertiert eingesperrtes, dienstbares Instrument seiner Augen, von denen er – oder, ja, sie – im schlimmsten Fall auch noch glaubt, dass sie den Schatz der Welt so filtern, wie ihn die Hand braucht, um daraus ein Gedicht zu formen. Wenn der Dichtende endlich beginnt, daran zu zweifeln, dass seine Hand eine geführte ist. Wenn er wieder sieht, dass nichts anderes führt als das geführte.

Eine Ansicht, die nicht mit dem Alltag vereinbar ist. Hier ist alles durch mich geführt und Ergebnis eines vorherigen Ereignisses. Schönheit existiert hier nur im kurzen Augenblick oder der sentimentalen Erinnerung, die sich ausbreitet, wie auf einem Büffet, das Ansehnliche zum Verzehr bereit, als neues Ereignis wiederum, von dem das ganze Spiel aus weitergeht. Freunde dieses Spiels des Alltags greifen in diesen Tagen zum Beschreiben ebendieses Vorgangs zu Ironie, verzerren das Bild satirisch, um zu zeigen, wie belanglos es ist, darüber nachzudenken, wie Schönheit im Augenblick entsteht. Sie tun dies im Dienst dessen, was sie bearbeiten, und somit suchen sie nicht, sie verhalten sich zu Aufgefundenem und alles ist passiv—was nicht dasselbe ist, wie im Akt des Hingebens führen lassen.

Daher sage ich: Da wo die Könige sind in unserer Zeit, dort schlummert die Wirklichkeit der Aktivität: Im Dunkeln. In der Abwesenheit der Könige, in ihrem Dunkel, wird deutlich, was dem Alltag unentdeckt bleibt: Geschichte. Keine Geschichten, keine Dynamik der Veränderung oder gar starre Erinnerung an Unwiderrufliches, sondern eine einzige Idee, aufgeteilt in viele Stimmen—

Schnee

Es zählt die eine Flocke den Rest,
Verzählt sich um und um,
Verdreht den Sturm,
Ein willentlich verzweifelter Versuch;
Vulkanverglühte Steine lodern, sie landet nie, und so
Geht die Rechnung auf:
Die Unzählbarkeit verwischt, weil die ein oder andere von ihnen
Den Staub der Pyramiden streicht,
Ganz unentdeckt gar schmilzt, wie alles hinter—
Ihr Grab atmet leise den nächsten Traum.
In diesem und jedem wohnt ein König, der woanders liegt.

Der Eingang zur Geschichte als einzige Idee ist eine Schwelle mit spitzen Nägeln und der Geist sieht sich durch sie mit der Aufgabe betraut, danach zu tasten, bei welchem der Nägel der Zweifel am größten ist, beim Tritt auf ihn nicht bloß zu sterben, sondern den härtesten Verlust zu erleiden, den der Individualität, die sich Dinge einbildet, anstatt sie auszubilden. Der Schrei beim ersten Schritt in die Geschichte wird zu ihrer leidenschaftlichsten Persönlichkeit.

Wie in den besten Gedichten von Hölderlin sollte beim Schreiben diese Persönlichkeit der Titel des Gedichts sein und in ihm selbst schon ruhen, alles haben was sie braucht. Was dann im Folgenden des Schreibens bleibt, ist Autonomie einer neuen Geschichte, die sich nicht ausgestaltet, sondern entfaltet darstellt. Der König, das absolut Andere, hilft als Konzept nicht nur als Objekt der geringsten, aber dennoch notwendig intensiven Sehnsucht, dieser Autonomie einen Ausgangspunkt zu etablieren, sondern wirkt auch als anonymer Urheber der Idee der Geschichte in ihrem Zusammenhalt. Was man von ihm nicht sagen kann, ist kein Thema mehr—es ist ja schon vorab gelungen.

Kurzum, die neue Poetik von Geschichte als Idee: Was uns nichts angeht, ist nicht das, was keinen Reiz auf uns ausübt. Was uns nichts angeht ist das, was nicht kommen muss, um da zu sein.

Natur ist das Ganze dessen, was nicht kommen muss um da zu sein—und somit in der Welt des Alltäglichen nicht das, was im Detail betrachtet werden kann, wenn man nur richtig hinsieht, sondern vielmehr das Unerreichbare, was den Alltag und sein Gegenstück eigentlich erst möglich macht. Das Entfalten der Geschichte kann zerstückelt oder organisch geschehen, das Wichtige dabei ist so oder so, den Willen des Blicks zur Natur zu beweisen. Das Gedicht wird damit zum logischen Faktor eines Gedankenprozesses, der zum Ziel hat, die Gewissheit einer Zugehörigkeit zu etwas zu erlangen, das es nicht gibt, sondern das bloß ist.

Patrick Boucheron: „Gebannte Angst. Siena 1338“

Was kommen einem nicht alles für Gedanken angesichts von Kunstwerken. Auf jeden Fall viel zu viele, um sie irgendwie zu organisieren, aber doch immer auch irgendwie so zusammenhängend, dass man meint, sie in Eines fassen zu können. Weiterlesen „Patrick Boucheron: „Gebannte Angst. Siena 1338““

Deine Stele

Das ZfpS schlägt (wieder einmal) gedankenmächtig zurück:

Mittwoch früh, 6 Uhr, Bornhagen (Thüringen): Der Lärm von Betonpumpen reißt den AfD-Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke aus dem Schlaf. Sein 500 Jahre altes Pfarrhaus bebt. Als er zum Fenster stürmt, traut er seinen Augen nicht: Direkt vor seinem Haus entsteht ein Ableger des Denkmals für die ermordeten Juden Europas, das Höcke im Januar als ”Denkmal der Schande” bezeichnet hatte. Der ehemalige Geschichtslehrer zittert. Seit heute früh um 6 Uhr wird zurückgedacht.

Hier kann gespendet werden. Warum das tatsächlich ein Akt des Widerstands ist, ist etwa darin ersichtlich, wie Alexander Gauland im Bundestag redet.

Poesi: Der erste Pressespiegel

Gestern feierte Poesi, meine erste App, ihren ersten Monat im App Store und im Google Play Store. Nicht nur haben viele Menschen mein Angebot wahrgenommen, mich mit einem Kauf finanziell zu unterstützen – danke an alle, die das eventuell lesen! – sondern ich habe auch Zuschriften von vielen interessierten LeserInnen erhalten, die wertvolle Vorschläge zur Zukunft der App eingesandt haben. Ich bin bereits daran, diese zu sondieren und erste von ihnen umzusetzen.

Auch Pressevertreter, Verleger und neue Freunde von Poesi haben zu dem Erfolg beigetragen mit ihren Artikeln, Posts und Empfehlungen. Folgende Artikel möchte ich dabei besonders herausheben:

So viel Resonanz! Ich bin bestärkt – und freue mich auf die nächsten Monate!

„Alles andere steht in meinem Roman“: Briefwechsel von Wolfgang Hildesheimer

Was könnte es als Einstieg in einen neuen Lebensabschnitt dieses Blog geben, als ein Buch, für das sich kaum jemand interessiert – aber das völlig zu unrecht?

hildesheimer-briefe-1

Die alternative Kraft meiner hiesiegen Versuche setzt sich ab sofort ein bescheideneres Ziel: Aufmerksamkeit für Bücher generieren, die eine solche verdient hätten, doch nie bekommen werden. Das ist schon ziemlich viel Widerstand – und, wie ich mittlerweile verstanden habe, höchst politisch.

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