Unentdeckt

Was in der Dichtung wäre das noch Unentdeckte? Ich bin versucht zu sagen: Eine Gestalt in genau ihrem richtigen Zustand, welcher der einer zu starken Dehnung ist, als dass sie sich so halten könnte – und sie atmet gerade ein. Zu fassen wäre etwa der Regen als Ganzes, im Fallen verlängert, die Tropfen, die zu Schlieren in der Luft werden, damit sie sich so auf den Fensterscheiben abbilden können, wie es sein muss – damit gesagt werden kann: Draußen regnet es.

Das wäre gebannte Dynamik ohne jede Option der Weiterentwicklung.

Regen

Auf dem ersten Blick zerschellt
In Kürze die Welt
Eines stillen, runden Flusses.
Die Luft eist.
Kristalle wachsen um den nächsten Lidschlag.
Ein Atemzug macht die
Scheibe transparent – erneut.

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Poesi: Der erste Pressespiegel

Gestern feierte Poesi, meine erste App, ihren ersten Monat im App Store und im Google Play Store. Nicht nur haben viele Menschen mein Angebot wahrgenommen, mich mit einem Kauf finanziell zu unterstützen – danke an alle, die das eventuell lesen! – sondern ich habe auch Zuschriften von vielen interessierten LeserInnen erhalten, die wertvolle Vorschläge zur Zukunft der App eingesandt haben. Ich bin bereits daran, diese zu sondieren und erste von ihnen umzusetzen.

Auch Pressevertreter, Verleger und neue Freunde von Poesi haben zu dem Erfolg beigetragen mit ihren Artikeln, Posts und Empfehlungen. Folgende Artikel möchte ich dabei besonders herausheben:

So viel Resonanz! Ich bin bestärkt – und freue mich auf die nächsten Monate!

Poesi: Mein persönliches Lieblingsgedicht

Der Start von Poesi, nachdem er am Montag und Dienstag doch kurz auf der Kippe stand, lässt sich jetzt tatsächlich extrem gut an! Daher bin ich damit auch voll okkupiert und möchte gerade nur ein wenig von dem ganzen Trubel, den so eine Veröffentlichung mit sich bringt, distanzieren – und zwar mit einem meiner aktuellen Lieblingsgedichte, die ich ohne die App nicht kennengelernt hätte.

Es ist von Ernst Stadler und heißt

Winteranfang

Die Platanen sind schon entlaubt. Nebel fließen. Wenn die Sonne einmal durch den Panzer grauer Wolken sticht,
Spiegeln ihr die tausend Pfützen ein gebleichtes runzliges Gesicht.
Alle Geräusche sind schärfer. Den ganzen Tag über hört man in den Fabriken die Maschinen gehn –
So tönt durch die Ebenen der langen Stunden mein Herz und mag nicht stille stehn
Und treibt die Gedanken wie surrende Räder hin und her,
Und ist wie eine Mühle mit windgedrehten Flügeln, aber ihre Kammern sind leer:
Sie redet irre Worte in den Abend und schlägt das Kreuz. Schon schlafen die Winde ein. Bald wird es schnei’n,
Dann fällt wie Sternenregen weißer Friede aus den Wolken und wickelt alles ein.

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Nicanor Parra: „Parra Poesie“

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Ich bin davon überzeugt, dass es möglich ist, Bücher mit verschiedenen Sinnen zu erfassen, je nachdem für welchen sie am besten geeignet sind. Dazu gehören reale wie imaginierte Sinne: Bücher können gefühlt werden, gesehen, geträumt – und auch gerochen werden.

Wenn sich ein Buch vor allem der Nase als eindrucksvoll zu verstehen gibt, rangiert sein Geruch in derselben Varianz wie es die Natur, etwa eine Berggegend oder ein Strand, tut: Innerhalb des ihm eigenen Wirkkreis deutet es auf diesem Wege vieles an, entscheidet sich aber nicht für eine Intensität oder gar Qualität.

Wer in etwa versteht was ich meine, dürfte auch begreifen, warum die Lyrik am ehesten eine literarische Form des Geruches werden kann: Sie ist unbeständig aber dennoch immer Ausdruck einer Einheit. In ihrer gedrängten Macht – so zumindest in ihren besten Momenten – drückt sie all das aus, was sich dem Menschen sich generell nur andeutungsweise zeigt: Liebe, Existenz, Nicht-Sein, Wahrheit.

Wenn ich nun darüber nachdenke, was die Neuübersetzung von vier Gedichten und einigen lyrischen Artefactos – poetischen Aphorismen – von Nicanor Parra, die unter dem Titel „Parra Poesie“ in der PalmArtPress erschienen sind, an Gerüchen von sich geben, so ist eine einzelne mögliche Antwort schon vielgestaltig. Weiterlesen „Nicanor Parra: „Parra Poesie““

Der Lyrik eine Bresche

Diese Petition habe ich gerade unterschrieben.

Ich mache so etwas selten – aber dieser Utopie sehe ich mich doch als sehr verbunden an:

Veröffentlichung eines Gedichtes einer heutigen Lyrikerin oder eines zeitgenössischen Dichters je Ausgabe einer Zeitschrift oder Zeitung – wöchentlich ein solches Gedicht auf den Internet- und Social Media Angeboten der Zeitung oder Zeitschrift.

Es war einmal gute Tradition, in jeder Ausgabe eines Feuilleton wenigstens ein Gedicht einer aktuellen Poetin oder eines jungen Poeten zu präsentieren, meist mit einem kleinen Rahmen darum und dem Verweis auf den Band, in dem das Werk erschien. Im Feuilleton selbst wurde nicht nur Belletristik und Sachbuch besprochen, es gab auch immer wenigstens einen Gedichtband. Es gibt keinen wirklichen Grund, an dieser Tradition nicht wieder anzuknüpfen.

So ist es.


Außerdem werde ich bis Freitag jeden Tag einen Schritt gehen, um informierter über die politischen Ereignisse in diesem Land zu sein. Der erste: Ich habe den YouTube-Kanal von phoenix abonniert und erhalte bei jedem Upload jetzt eine Mail, die ich bearbeiten muss. Das sind zwar sehr viele insgesamt – aber, wie Obama so schön sagt: „Democracy is messy.“