Gerhard Meier: Ob die Granatbäume blühen

Eine kleiner Versuch über einen großen Text einen Autors von sonst noch größeren Texten.

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Fülle mit 40 Seiten zu erzeugen ist so schwierig, wie es, wenn es richtig gemacht wurde, leicht erscheint. Gilt für Lyrik, gilt für Prosa. Gilt aber nicht für Gerhard Meier, denn der braucht für die höchste Wirkung nur drei bis vier Absätze.

Bei dieser Prosa von einem Sog zu sprechen wäre übertrieben hinsichtlich des Effekts und untertrieben hinsichtlich der Tragweite ihres Stils. Letzteres darf hier wörtlich genommen werden: Meier trägt einen weit, ohne dass man es bemerkt. In diesem konkreten Text mal in Nietzsches Sils-Maria, mal nach Solothurn und mal nach Paris – und immer wieder mitten in seine persönlichste Trauer.

Zeugin des im Titel geborgenen Granatbaums seiner Liebe ist seine Frau, Dorli, die kurz vor der Jahrtausendwende an ALS verstarb. Meier ist in diesem Jahr nun auch zehn Jahre tot, aber beide sind auf diesen Seiten noch da, präsent – der Sprecher holt seine Frau und Meier selbst quasi zu sich zurück, um sich zu zeigen, wie er immer noch ist und nicht bloß zu Lebzeiten war.

Weil er weiß, dass vieles Kitsch ist, was er über diese seine innigste Liebe schreibt, macht Meier diesen Kitsch lakonisch, indem er ihn musikalisch stilisiert. Leitmotivkaskaden vermengen sich zu einem echten Stimmungsbild.

Wen das reizt, darf mit den Granatbäumen anfangen, Gerhard Meier zu lesen, aber sollte dann auch nicht bei ihnen stehenbleiben. Sie sind ein intimes Erinnerungsbuch voller Schmerz, Trauer und Einsamkeit, das einlädt, sie hinter sich zu lassen und in das hier abgeschlossene Leben, in Meiers Romanen (Land der Winde!) breiter und noch voller dargestellt, als ein dadurch erst echt reales hineinzugehen, auf dass es Teil von einem wird.


Gerhard Meier: Ob die Granatbäume blühen. Basel: Zytglogge, 2017.

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