Cicero: De re publica

Warum die Geschichte der Menschheit, würdevoll ausgelegt, auch immer eine von Staaten sein sollte, das erklärt Cicero mit Stil.

Marcus Tullius Cicero, das habe ich wieder (endlich wieder) nach vormaliger, kompletter Lateinunterrichtsamnesie gelernt, war 63 v. Chr. römischer Konsul. Alles im Detail stellt der herausragende YouTube-Kanal „Historia Civilis“ nach:

Vier Jahre später war Cäsar Konsul. Nur noch zehn weitere Jahre vergingen danach, bis ebender den Rubikon überschritt und Rom in einen Bürgerkrieg stürzte und die Republik, der Cicero mit „De re publica“ ein Liebesgeständnis mit widerständigem Impetus anerbietet.

Außer Altphilologen, Rom-Freaks, Schülern und ein paar Studenten wissen wohl nicht mehr viele, dass Rom nach Romulus angeblich sieben Könige hatte. Danach erst wurde es die Republik, welche Cicero in diesem Buch verteidigt, mit der Stimme des Hannibal-Besiegers Scipio Africanus. Bevor es darum geht, deshalb hier noch einen Hinweis auf einen hervorragenden Video-Überblick über die römische Geschichte.

Deren Großteil wird auch im Buch dargestellt, dass in einem Latein geschrieben ist, das so fest wie elastisch ist. Ein wirklich wunderbarer Stil. Nur eine Kostprobe:

Itaque nulla alia in civitate, nisi in qua populi potestas summa est, ullum domicilium libertas habet; qua quidem certe nihil potest esse dulcius, et quae, si aequa non est, ne libertas quidem est.

Daher hat die Freiheit nur in dem Staate Raum, in welchem das Volk die höchste Macht hat. Gewiss kann es nichts Köstlicheres geben als die Freiheit – und wenn sie nicht gleichmäßig verteilt ist, so ist sie überhaupt keine Freiheit.

Das sind griechische Ideale und in ihrer Wirkung auf Cicero und ihrer daraus folgenden philosophisch-literarischen Ausgestaltung das wunderbarste an seiner Schrift. Diese ist im Grunde noch ein platonischer Dialog, der in der Form aver so charakteristisch umgestaltet wurde, dass er allein repräsentativ für „römische Literatur“ stehen zu können scheint und sie zugleich zu einer ersten „Weltliteratur“ macht.

Selbst am wirksamsten des nur fragmentarisch erhaltenen Traktats „De re publica“ war ihr sechstes Buch, auch bekannt als der „Traum Scipios“. Er hat einen eigenen, lesbaren Wikipedia-Artikel, ist aber selbst leserisch noch verdaulicher.

Der Traum Scipios ist mehr als „nur“, was er auf der Oberfläche ist: Eine Kosmologie, die mit dem Schicksal der römischen Republik verknüpft wird (Scipio hat eine Vision seines Vaters, der ihn über seinen und Roms Ruhm aufklärt). Er hat vor allem eine fabel-hafte Qualität, kann für viele Welterklärungsmodelle, auch Religionen wie die christliche geradestehen. Er macht „De re publica“ zu einem vollständigen, zunächst lehrreichen, dann etwas langatmigen, aber ebenfalls differenzierten Gespräch über die Frage nach (und irgendwie auch Unmöglichkeit von) idealen, ewigen Staatssystemen und einer Traumlandschaft, die inspiriert.

Als solche leistet sie zweierlei: Sie bildet ein festes Bindeglied zwischen griechischer und römisch-christlicher Geschichte und beweist, wie sehr Philosophie von Einbildungskraft abhängt. Damit trifft mich „De re publica“ ins Herz.

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