Vergil: Aeneis

Zwei Dinge bestimmen Vergils Epos durchweg: Gewalt und Leidenschaft.

Diese beiden Begriffe sind dabei aber gar nicht so eng miteinander verbunden, wie es vielleicht scheint: Ein Krieger kann, das vermittelt die Aeneis jedenfalls mir, bei Gelegenheit durchaus leidenschaftlich sein, aber gewalttätig ist er notwendigerweise.

So hebt Vergil Krieg und Streit zu etwas Herrlichem empor, ohne dass es uns heute (durchgehend) als Verherrlichung erscheint. Die Aeneis ist eine Erzählung von Rohheit und Charakterbildung in Einem, zwei sich ausschließende Elemente, die sich aber dennoch verbinden, in Aeneas am allermeisten. Sie zeigt Brutales ungeschönt und lässt Ethisches miterleben, beides immer sauber voneinander getrennt.

Was bedeutet das für die Geschichte von Aeneas? Es bedeutet, dass von Anfang an deutlich wird, welch eine außergewöhnliche Gestalt er ist, er wird heldenhaft genannt, aber als Held erscheint er bei weitem nicht immer.

Hier einige der wichtigen Handlungselementen, bei denen er es tut:

  • die Rettung seines Vaters Anchises und seines Sohns Iulus aus Troia
  • die leidende Gefasstheit, mit der er den Tod seiner Frau in den Flammen Troias akzeptiert
  • die Weise, in der er diese schrecklichen Begebenheiten in Karthago erzählt
  • der Gang in die Unterwelt zu seinem verstorbenen Vater
  • als er seinen Steuermann Palinurus beweint (passend dazu hier noch eine Buchempfehlung)

Und hier die wichtigsten beiden, bei denen er es nicht tut:

  • im Umgang mit Dido, als er Karthago verlässt
  • in der Schlacht gegenüber allen, die er tötet, auch im Endkampf gegen Turnus

Letzterer Punkt scheint gegen das Verständnis römischen Heldentums laufen und das mag auch sein. Aber der Begriff des Helden hat sich in den letzten 2000 Jahren deutlich verändert und vor allem so sehr erweitert, dass Aeneas in diesen Situationen eher engstirnig erscheint.

Der Dramatik der Erzählung, die packend wie sonst was ist – immer noch! – schadet das aber nicht, denn es gibt einen Scheidepunkt, bei dem Aeneas beides auf einmal ist, heldenhaft und nicht heldenhaft zugleich: das Finale des Endkampfes. Turnus, Aeneas’ Erzfeind um Land und Gattin, ist deutlich geschwächt und wird eigentlich sicher sterben, als Aeneas versucht ist, Gnade über sein Leben walten zu lassen – eigentlich etwas sehr heroisches. Dann aber entdeckt er, dass Turnus Kampfmittel des Aeneas verbündeten, weil Sohn dessen Gastgebers seienden, Pallas zur Schau trägt, da er ihn getötet hat. Er gerät in Rage und bringt Turnus um.

So ist Aeneas am Ende seines Heldenwegs vollkommen geworden – indem er seine Persönlichkeit gespalten hat.


Zugrundegelegte Ausgabe: Vergil, Aeneis. Reclam, 2012. (hier bestellen)

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