Hesiod: Theogonie

Das erste Buch der Leseliste ist die Theogonie von Hesiod. Sie wurde vor über 2700 Jahren geschrieben, vom ersten sich selbst namentlich in sein Werk einschreibenden Schrifsteller der abendländischen Geschichte.

Drei Abschnitte habe ich zu ihr geplant: Zunächst gebe ich eine knappe Antwort auf die Frage, warum das Buch überhaupt gelesen werden sollte, dann eine ebenfalls knappe Inhaltsangabe um schlussendlich dann einige Thesen bzw. Denkanstöße zum Buch zu geben, die nach der Lektüre bei der Perspektivierung helfen können. So kommen, hoffentlich, alle auf ihre Kosten.

Ob das Schema auch in den weiteren Texten zur Leseliste beibehalten wird, wird sich zeigen. Ganz unten sind außerdem  bibliographische Angaben zur mir vorliegenden Ausgabe zu finden. Und los geht’s.

Warum die Theogonie lesen?

Die griechische Kultur ist bestimmt vom Fatum, übergeordnetem Schicksal, und die Theogonie beschreibt, wie dieses Fatum in die Welt gekommen ist. Sie ist außerdem die komprimierteste Einführung in die griechische Mythologie und vermag sie geschichtlich (in Stammbäumen der Götter), systematisch (in klar abgegrenzten Abschnitten und Themenbereichen), heldenhaft (es gibt großartige Kampfszenen) und in all ihrer Unübersichtlichkeit (ich habe jetzt schon wieder fast alle Namen wieder vergessen) darstellen. Ich empfand beim Lesen für das Verständnis all dieser Punkte den Kommentar von Otto Schönberger in der heute noch erhältlichen Reclam-Ausgabe für sehr hilfreich.

Inhaltsangabe

Der Dichter – Hesiod selbst – sitzt (vermutlich als Hirte) am Berg Helikon und ruft die neun Musen an. Er will von der Entstehung der Götter singen und fleht um ihren Beistand bei dieser Aufgabe. Offenbar wird ihm dieser gewährt, denn er schreibt weiter, zunächst von der Schaffung der Erde (Gaia) und des Himmels (Uranos) aus dem Chaos.

Sie haben Kinder, die Titanen, von denen Kronos das für den Fortgang wichtigste ist. Dieser entmannt seinen Vater, um die Herrschaft zu erlangen. Aus dem verstümmelten Glied, das er achtlos ins Meer wirft, wird Aphrodite geboren. Kronos isst im Verlauf seines Lebens all seine Kinder, bis auf Zeus, der vor ihm versteckt wird. Als dieser wenige Monate später erwachsen ist, ruft er die verleugneten Verwandten von Kronos, allen voran die Kyklopen und Hundertarmigen, auf den Plan und stachelt sie zum Krieg gegen Kronos und die Titaten an.

Diesen Kampf gewinnt Zeus und gründet den Olymp als Sitz der Götter. Er nimmt seine erste Tochter Metis, die Göttin des Scharfsinns und des Wissens in sich auf, sodass er nicht auch von seinem Kind gestürzt werden kann und die ewig freie und gerechte Herrschaft der olympischen Götter, von denen Zeus viele im Anschluss zeugt, beginnt.

Die Theogonie: Vier Denkanstöße

1.   Dreischritt, Dreisatz, These–Antithese–Synthese, Dreifaltigkeit: Bei allem Alltagsgebrauch der Zahlen ist es leicht, den Blick fürs Eingängige von Symmetrie und logischer Harmonie zu verlieren. Dabei ist das Muster der Dreiteilung das einfachste Mittel, sich eine Grundstruktur aller Dinge vorzustellen, von der ausgehend mit Halt, aber doch zwingend differenziert ausgegangen werden muss. Bereits der erste schreibende Zeuge der Geschichte, Hesiod, kannte sie: Seine Götter, die die Welt erschaffen, kämpfen drei Generationen lang, dann erst kommt der Ausgleich und der Frieden.

2.   Vor dem Dreischritt gibt es aber noch etwas: Chaos. Das teilt sich durch zwei, in zwei Untrennbare, Gaia (Erde) und Uranos (Himmel). Ein Kraftakt, der gleich mächtig bleibt, ganz gleich ob das Chaos als Nichts oder als wirres Durcheinander aller Materie gedeutet wird: In der Mitte steht nun etwas, das ein Anfang sein kann.

3.   Den ersten Anfang dieses Etwas lassen sich die Götter nicht nehmen, mehr noch, sie können sich ihn gar nicht nehmen lassen, denn zu zweit sind Gaia und Uranos nichts mehr als eine unbestimmte Einheit: Es fehlen Land, Wasser, Bäume, Leben, Winde – und Hesiod versetzt sich spielend in die Position der Macht, dies erscheinen zu lassen. Danach ist es so, wie er gesagt hat – und ändert sich auch nicht, es ist nicht bloß geschaffen, sondern absolut hingestellt.

4.   Die in der Welt werkelnden Mächte scheinen omnipotent zu sein, der wilde Kronos und der so zeugungswillige Zeus rauben einem den Atem – da fällt urplötzlich auf, dass die Theogonie vieles ist, aber keine Biologie. Kein Lebewesen und auch kein Gott vegetiert, nichts wird als Lebensunterhalt gefressen, naturhaft verarbeitet oder stirbt gar als Materie. Wem das klar wird, der weiß nach der Lektüre der Theogonie, was Mythologie für das Leben auch bedeutet: Unbedeutsamkeit gegenüber der Urbedeutung, die ihre Prinzipien nicht offenbart, weil sie dann keine Ur-Bedeutung mehr wäre.


Vorliegende Ausgabe: Hesiod: Theogonie. Griechisch/Deutsch. Hg. und übers. von Otto Schönberger. Stuttgart: Reclam, 2016. (hier bestellen)

Alternative Übersetzungen gibt es von Albert von Schirnding und Raoul Schrott.

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