Natur und Geschichte

Jeder dichtende Mensch denkt nach über sich selbst. Man sagt: Das liegt in der Natur der Sache. Nun ist dies aber eine Feststellung, die so allzu selbstverständlich klingt, dass sie doch ein Affront sein kann, den es gilt zu hinterfragen – denn liegt es nicht auch in der Natur der Sache, zu fragen, auf welche Natur und auf welche Sache hier aus dem tiefsten Grund der Psyche, der scheinbar klaren Logik gezeigt wird?

So will man denn hinabtauchen und suchen nach dem, was dem Dichter seine Natur ist und was seine Sache und wird feststellen, dass dabei um einiges schneller auf Grund gestoßen wird, als einem instinktiv lieb ist: Denn die Sprache haftet uns allzu sehr am Alltag, es mangelt ihr stark an Natur und Geschichte.

Ich habe vor kurzem einen Vortrag darüber gehört, wie der Alltag als Gegenstandsbereich in die Literatur eingezogen ist. Das war im 18. Jahrhundert. Kernstadt dieser Entwicklung war Paris, wo die Vorboten der Revolution auf die Leute mit Kleidung zum Wärmen wiesen und nicht mehr auf die Leute mit Kleidung zum Schauen. Der Mensch nebenan wurde zum Schatz des Wissens über das Leben—und der König im Umkehrschluss dafür immer weniger zum Vorbild.

In einer Revolution gehört sich eine solche Dynamik. Aber die Französische Revolution ist, da sind sich wohl alle einig, nicht mehr das prägende Ereignis unserer Tage. Die Frage ist: Wieso werden Könige dann immer noch vernachlässigt?

Sie ist nicht politisch gemeint. Sie ist auch nicht ästhetisch gemeint, sie ist eine ethische Frage – die der Selbstrettung des Künstlers in Zeiten des Alltags, der Ökonomie, des Überflusses im Privaten und Beruflichen dient.

Die Erklärung als Antwort auf diese Frage läge auch dem Dichter auf der Hand, wenn er nur endlich wieder in der Lage wäre, die Hand, mit der er schreibt, für eine andere anzusehen und nicht als pervertiert eingesperrtes, dienstbares Instrument seiner Augen, von denen er – oder, ja, sie – im schlimmsten Fall auch noch glaubt, dass sie den Schatz der Welt so filtern, wie ihn die Hand braucht, um daraus ein Gedicht zu formen. Wenn der Dichtende endlich beginnt, daran zu zweifeln, dass seine Hand eine geführte ist. Wenn er wieder sieht, dass nichts anderes führt als das geführte.

Eine Ansicht, die nicht mit dem Alltag vereinbar ist. Hier ist alles durch mich geführt und Ergebnis eines vorherigen Ereignisses. Schönheit existiert hier nur im kurzen Augenblick oder der sentimentalen Erinnerung, die sich ausbreitet, wie auf einem Büffet, das Ansehnliche zum Verzehr bereit, als neues Ereignis wiederum, von dem das ganze Spiel aus weitergeht. Freunde dieses Spiels des Alltags greifen in diesen Tagen zum Beschreiben ebendieses Vorgangs zu Ironie, verzerren das Bild satirisch, um zu zeigen, wie belanglos es ist, darüber nachzudenken, wie Schönheit im Augenblick entsteht. Sie tun dies im Dienst dessen, was sie bearbeiten, und somit suchen sie nicht, sie verhalten sich zu Aufgefundenem und alles ist passiv—was nicht dasselbe ist, wie im Akt des Hingebens führen lassen.

Daher sage ich: Da wo die Könige sind in unserer Zeit, dort schlummert die Wirklichkeit der Aktivität: Im Dunkeln. In der Abwesenheit der Könige, in ihrem Dunkel, wird deutlich, was dem Alltag unentdeckt bleibt: Geschichte. Keine Geschichten, keine Dynamik der Veränderung oder gar starre Erinnerung an Unwiderrufliches, sondern eine einzige Idee, aufgeteilt in viele Stimmen—

Schnee

Es zählt die eine Flocke den Rest,
Verzählt sich um und um,
Verdreht den Sturm,
Ein willentlich verzweifelter Versuch;
Vulkanverglühte Steine lodern, sie landet nie, und so
Geht die Rechnung auf:
Die Unzählbarkeit verwischt, weil die ein oder andere von ihnen
Den Staub der Pyramiden streicht,
Ganz unentdeckt gar schmilzt, wie alles hinter—
Ihr Grab atmet leise den nächsten Traum.
In diesem und jedem wohnt ein König, der woanders liegt.

Der Eingang zur Geschichte als einzige Idee ist eine Schwelle mit spitzen Nägeln und der Geist sieht sich durch sie mit der Aufgabe betraut, danach zu tasten, bei welchem der Nägel der Zweifel am größten ist, beim Tritt auf ihn nicht bloß zu sterben, sondern den härtesten Verlust zu erleiden, den der Individualität, die sich Dinge einbildet, anstatt sie auszubilden. Der Schrei beim ersten Schritt in die Geschichte wird zu ihrer leidenschaftlichsten Persönlichkeit.

Wie in den besten Gedichten von Hölderlin sollte beim Schreiben diese Persönlichkeit der Titel des Gedichts sein und in ihm selbst schon ruhen, alles haben was sie braucht. Was dann im Folgenden des Schreibens bleibt, ist Autonomie einer neuen Geschichte, die sich nicht ausgestaltet, sondern entfaltet darstellt. Der König, das absolut Andere, hilft als Konzept nicht nur als Objekt der geringsten, aber dennoch notwendig intensiven Sehnsucht, dieser Autonomie einen Ausgangspunkt zu etablieren, sondern wirkt auch als anonymer Urheber der Idee der Geschichte in ihrem Zusammenhalt. Was man von ihm nicht sagen kann, ist kein Thema mehr—es ist ja schon vorab gelungen.

Kurzum, die neue Poetik von Geschichte als Idee: Was uns nichts angeht, ist nicht das, was keinen Reiz auf uns ausübt. Was uns nichts angeht ist das, was nicht kommen muss, um da zu sein.

Natur ist das Ganze dessen, was nicht kommen muss um da zu sein—und somit in der Welt des Alltäglichen nicht das, was im Detail betrachtet werden kann, wenn man nur richtig hinsieht, sondern vielmehr das Unerreichbare, was den Alltag und sein Gegenstück eigentlich erst möglich macht. Das Entfalten der Geschichte kann zerstückelt oder organisch geschehen, das Wichtige dabei ist so oder so, den Willen des Blicks zur Natur zu beweisen. Das Gedicht wird damit zum logischen Faktor eines Gedankenprozesses, der zum Ziel hat, die Gewissheit einer Zugehörigkeit zu etwas zu erlangen, das es nicht gibt, sondern das bloß ist.

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