Patrick Boucheron: „Gebannte Angst. Siena 1338“

Was kommen einem nicht alles für Gedanken angesichts von Kunstwerken. Auf jeden Fall viel zu viele, um sie irgendwie zu organisieren, aber doch immer auch irgendwie so zusammenhängend, dass man meint, sie in Eines fassen zu können.Wagte man es, den als neues Buch des Wolff Verlags auf Deutsch erschienenen Essay von Patrick Boucheron in seinem Daherkommen anders als mit dieser Diskrepanz zu fassen, so würde er, personalisiert gesprochen, einfach mit geradem Rückgrat, etwas verächtlich zur Seite schielend, an einem vorbeimarschieren.

Aber auch dieses Vorbeimarschieren angesichts der Ignoranz des Lesers könnte diesem etwas beibringen: Haltung etwa oder ohne zu Zögern die Perspektive zu wechseln – und insbesondere einen Weg, viele konträren Dinge in Einklang zu bringen, sogar auf mehreren Ebenen, die da wären: Geschichtliches Wissen, Kulturtheorie, Epochenunterschiede, Wahrnehmungsschemata, Staatsphilosophie, Gesellschaftsstrukturen, Kunstanschauung, Sprachkritik.

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Kurzum: All das ist Thema dieses Buchs, mindestens, all das will es schaffen. Die Frage ist: Geht das? Vorab schonmal gesagt: Nein. Aber das macht nichts.

Boucheron, Historiker von Beruf, versucht, anhand eines einflussreichen Gemäldes all die genannten Themenfelder abzudecken, ihre geschichtliche Lage darzustellen, die sie im 14. Jahrhundert hatten. Dieses Gemälde ist eigentlich ein Fresko – und noch eigentlicher ein Freskenzyklus: die Allegorie der guten und schlechten Regierung, ein Werk, das Ambrogio Lorenzetti 1338 an die Wände des sogenannten Friedenssaal des Rathauses von Siena gebracht hat.

Die Hauptthese des Essays: Das Fresko ist ein politisches Statement der besonderen Art.

Besonders, da es zu einem kritischen Zeitpunkt der Geschichte der Stadt angebracht wurde. 1338 herrschte in Siena der sogenannte Rat der Neun, eine Form der kommunalen Verwaltung, die von neun regelmäßig wechselnden Leitern der Verwaltung organisiert wurde. Sie sah in der neuen Herrschaftsform der Signoria eine Bedrohung und wollte den Bürgern mit Lorenzettis Arbeit die Vorteile der derzeitigen Regierung aufzeigen.

Drei Wände, unendliche Allegorie(n)

Diese Arbeit erstreckt sich in genanntem Saal über drei Wände – ein beeindruckendes Schauspiel – und ist dabei in drei Teilen aufgespannt. Links und rechts sind fiktive Stadtansichten mit Elementen von Siena zu sehen: Die eine Ansicht, die Effekte der schlechten Regierung, ist düster und voller Missgunst sowie Allegorien schlechter Eigenschaften wie der Zwietracht. Die andere zeigt Effekte der guten Regierung und bietet ein freudiges Schauspiel voller Tänzer, Musik und Gemeinwohl. Frontal, zwischen diesen Wänden, ist außerdem noch ein allegorisches Schauspiel zu sehen, etwa mit Darstellung des Friedens und der Eintracht sowie Rittern einer guten Stadt, die ihre Herrschaftssitze einer Macht ausstrahlenden Führungsgestalt darbieten.

Eine vielgestaltige Ansicht, die Boucheron mit den eingangs genannten diversen wissenschaftlichen Blickwinkeln und Verknüpfungen zwischen diesen deuten will – mit einem frischen Blick, der unverstellt und ohne kunstgeschichtliche Voreingenommenheit wirken und das Bild in erklärenden Worten gestalten will.

Das klappt auch zu großen Teilen, nur leider nicht durchweg gleichwertig. Ich will erklären wieso, doch muss dafür vorab noch zwei Dinge betonen. Erstens: Boucheron schreibt über die „politische Kraft der Bilder“, er versucht, Lorenzettis Fresko in seinen ambivalenten Bezügen und Wirkungsrichtungen politisch zu aktualisieren. Gut ist, dass er dabei keine persönliche Agenda verfolgt. Zwar werden aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen mit beleuchtet, aber immer indem sie – gekonnt überspitzt und manchmal auch provokant – während der Reise durch die Kunst und Politik des 14. Jahrhunderts immer wieder wie beläufig ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden – aber nie um sie bloß niederzumachen, sondern um sie zu problematisieren. So geschieht es etwa mit der modernen Idee der Wissenschaftlichkeit oder den Aspekt der Vereinheitlichung nationaler Sprachen durch die Globalisierung.

Zweitens: Das Buch ist hervorragend übersetzt. Beileibe jeder kunstgeschichtlicher Text – mal abgesehen von denen der Gombrichs, Burckhardts oder Haskells – hat einen derart eigenen Ton und Fluss und schon gar nicht können solche Erzeugnisse bereitwillig in einer anderen Sprache dargestellt werden.

Was mich aber leider auch direkt zurück zum Hauptkritikpunkt bringt, der nicht verschwiegen werden darf: So spannend sich der Anfang und der erste Hauptteil bis etwas zur hundertsten Seite lesen, desto mehr zerfasert Boucherons Argumentation im zweiten Teil bis kurz vorm Epilog, wo sie dann etwas Fassung zurückgewinnt.

Verzettelung statt Flanieren

Es ist auch leicht erklärt wieso: Er schweift in diesem Abschnitt nicht mehr durch seine Kenntnis, sondern beginnt damit, kleinteilige, fast schon kleinmütige Diskussionen um kunstgeschichtliche Positionen mit zitierten Kollegen (oder eher Feinden?) auszufechten. Das steht dem pathetischen Stil des Beginns, der versucht, über die Wissenschaft in eine gemeinnützliche Deutung hinauszugehen, leider einfach nicht an.

Umso skurriler wird es dann, wenn inmitten dieses Teils dann auch noch plötzlich etwas geschieht, was zuvor fast wie ein Sakrileg schien, nämlich eine Bildbeschreibung. Lag die Stärke von Boucherons Essay doch bis zu diesem Punkt darin, dass er mühelos zwischen für das Ganze stehenden Details und faszinierenden Dokumentfunden aus der Zeit Lorenzettis wechseln konnte, so ist es fast schon mitleidsvoll zu verfolgen, wie er sich bemüht, mit holprigen Nacherzählungen und Schwärmereien das Fresko für seine Abschlussthese zurechtzustutzen.

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Schaden tut das dem Gesamteindruck aber zum Glück nicht. Das ist auch kaum möglich angesichts des Wissens, dass hinter Boucherons Leichtfüßig-(am Ende fast schon Leichtsinnig-?)keit steckt.

Pate für diese Kenntnis steht der umfangreiche Apparat am Ende, der nicht nur mit einer eindrucksvollen und für jeden am 14. Jahrhundert bzw. an der Renaissance Interessierten und/ oder darüber Forschenden wertvollen Literaturverzeichnis daherkommt, sondern auch akkuraten Lagetafeln zum Aufbaus des Fresko-Raums sowie mehrsprachige Inschriftenverzeichnisse liefert, die dem Text im Werk Lorenzettis den gebührenden Respekt zollen.

Überdies ist das Buch tadellos gedruckt und für die Fülle an Wissen, das es transportiert, unheimlich preiswert. Es ist, trotz der nicht wegzuschmeichelnden Mängel, hervorragend, dass es diesen Text jetzt auch auf Deutsch zu lesen gibt.


Für 14,90 kann „Gebannte Angst. Siena 1338“ beim Wolff Verlag bestellt werden.

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