„Alles andere steht in meinem Roman“: Briefwechsel von Wolfgang Hildesheimer

Was könnte es als Einstieg in einen neuen Lebensabschnitt dieses Blog geben, als ein Buch, für das sich kaum jemand interessiert – aber das völlig zu unrecht?

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Die alternative Kraft meiner hiesiegen Versuche setzt sich ab sofort ein bescheideneres Ziel: Aufmerksamkeit für Bücher generieren, die eine solche verdient hätten, doch nie bekommen werden. Das ist schon ziemlich viel Widerstand – und, wie ich mittlerweile verstanden habe, höchst politisch.

Ebenso politisch ist es auch, nicht ständig über die eigenen Entscheidungen zu reden, sondern zur Tat zu schreiten – also auf: Wolfgang Hildesheimer.

Ein Schriftsteller, mit dessen Werk ich kaum vertraut bin, aber dessen Bücher Tynset (das einvernehmlich durch die Kritiker und seinem Verleger Unseld zum Hauptwerk erklärt wurde) und Marbot haben meinen Eindruck von der deutschen Nachkriegsliteratur weitflächig geprägt. Er hat außerdem eine Mozart-Biografie geschrieben – und sonst auch ein bemerkenswertes Leben geführt, über das folgender Beitrag konkreter informiert, als ich es könnte:

Über die Briefe von und an Hildesheimer, die Stephan Braese mit immer hilfreichen Kommentaren – wie es sein sollte immer direkt hinter die jeweiligen Transkriptionen gesetzt – für den Suhrkamp Verlag ediert hat, will ich auch viel lieber reden.

Gehen wir dabei vom Herzstück aus, nicht der Reihe nach, das wäre bei knapp 500 Seiten und 12 BriefparterInnen (plus Einzelzusätze, darunter Schreiben an Max Frisch oder Walter Boehlich) doch eindeutig zu viel. Der Kern des Bandes und die wichtigste Lektüre, die er bietet, ist –wie bei eigentlich jedem Suhrkamp-Autor – die Korrespondenz mit Siegfried Unseld.

Der legendäre Buchmacher zeigt sich auch im Umgang mit dem enorm selbstbewussten und zugleich humorvollen Hildesheimer von seine eloquentesten, sichersten und finanziell freigiebig-selbstverständlichsten Weise. Nirgends zeigt außerdem der Autor Hildesheimer seinen Schreibprozess und somit seine künstlerischen Anliegen – die er außer in Büchern auch in Gemälden und Collagen unterzubringen suchte – als in diesen Briefen

Persönlicher wird es aber an anderen Stellen, insbesondere im Dialog mit Hans Magnus Enzensberger und – auf eine gänzlich andere Art – in Hildesheimers Umgang mit der 25 Jahre älteren Djuna Barnes, über deren von ihm übersetzten Roman Nachtgewächs ich jetzt, angeregt durch die (englisch abgedruckten) Briefe der beiden sitze und zeitnah auch hier schreiben will.

Während Enzensberger (meist hme in den Anreden) wie ein Jugendfreund wirkt, geht Hildesheimer mit Djuna Barnes hart ins Gericht – indem er auf ihre Briefe nicht antwortet, sie in Bezug auf seine Übersetzung ihres Versdramas The Antiphon im Dunkeln lässt, sie tatsächlich immer wieder einfach grausam hinhält.

So viel zum Inhalt konkret, mehr ist nicht möglich, außer unsinnig aus einem großen Kontext heraus zu zitieren. Daher die FragE: Was bleibt außerdem von diesem Buch, das, nur nebenbei, nicht wirklich gering bepreist ist?

  • Viel Detailwissen um die Geschichte der BRD
  • Rauschhafte Züge des Lesens beim Verfolgen der Fragen und Antworten, die oft auch wie das sprichwörtliche Spiel waren
  • Erinnerungen an Überraschungen, die auch mal durch Zäsuren in der Auswahl hervorgerufen wurden
  • Die Geschichte eines für die Deportation norwegischer Juden verantwortlichen SS-Oberstumbannführers, der es nach dem Krieg schaffte, unter einem neuem Namen in hoher Position bei einem juristischen Fachverlag unterzukommen
  • Ein hervorragendes Namensregister am Ende des Buchs, über das jeder abgedruckte Briefwechsel verfügen sollte – aber leider nicht jeder verfügt
  • Die Gewissheit darüber, dass ich Hildesheimer erst dann kennen werde, wenn ich mindestens zwei, besser sogar drei seiner Dramen gelesen habe
  • Der wunderbare Klappentext-Satz: „Wolfgang Hildesheimer dachte dialogisch“, der so simpel, wie einschlagend wirkt, dass er die gesamte Lektüre bestimmen kann

Zudem nähert man sich natürlich auch den Briefpartnern an, von denen gerade spätere Generationen wie die meine oftmals wenig bis gar nicht gehört hat. Darunter fallen etwa Gerhard Szcezesny, offenbar eine Legende der deutschen Rundfunk-Geschichte, oder Hugh Christopher Holme (kein Wikipedia-Artikel auffindbar). Letzterer übersetzte vieles von Hildesheimer ins Englische und dürfte ihn, den Dolmetscher bei den Nürnberger Prozessen bestimmt auch durch seine Tätigkeit als englischer Korrespondent zur Zeit des dritten Reiches interessiert haben dürfte.

Es wäre, wie wahrscheinlich bemerkt werden kann, noch vieles mehr zu sagen – aber das wird hier genauso wenige geschehen, wie es in (den) Briefen geschieht. Briefe sind eben nicht nur retrospektiv, sondern auch im ersten Augenblick ihrer ersten Lektüre, nur Bruchteile von Leben – die gerade im 20. Jahrhundert sowieso nie vollständig waren. Das gilt auch trotz seiner bestechenden Geistesgewandtheit Hildesheimer, für diesen Sohn eines Juden, der Briefe als er selbst schrieb, sich aber dadurch so genau portraitiert, wie es wenige können.


„Alles andere steht in meinem Roman“ – zwölf Briefwechsel mit Wolfgang Hildesheimer – ist als gebundenes Buch, herausgegeben von Stephan Braese, im Suhrkamp Verlag erschienen. Der Band, dessen Macher 2016 (das 100. Geburtsjahr des 1992 verstorbenen Schriftstellers) eine große Hildesheimer-Biografie verfasst hat, kostet 48 Euro.

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