Charles Baudelaire: „Die Blumen des Bösen“, übersetzt von Simon Wehrle

Über ein großes Buch, das immer weiter wächst.

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Etwas, das mich brennend interessiert, zu dem ich mich aber nie hinreißen kann, sind Übersetzungsvergleiche. Ich plane auch schon länger, hier einen solchen, anspruchsvollen zu schreiben und zu veröffentlichen, aber auch das wird wohl noch seine Zeit dauern.

Einen „halben“ Übersetzungsvergleich kann ich aber auch bei dem heutigen Gegenstand/Widerstand vollziehen, da es die Eindrücke durch die Übersetzungen waren, die mir die Fleurs du Mal, Baudelaires Blumen des Bösen – der Titel ist bei jeder Übersetzung der gleiche – in der Vergangenheit immer näher gebracht haben.

Die Blumen des Bösen sind so ein Buch, von dem jeder gehört zu haben scheint, wenn man nur leicht tief genug in die Welt der Literaten und angeblichen Kulturkenner eingedrungen ist. Jeder scheint auch darüber Bescheid zu wissen. Doch dieser Schein trügt, er trügt durch die mystische Macht die sowohl der eindringliche Titel und sein Klang im Französischen haben – und durch die Tatsache, dass dies auch beim Namen des Autors der Fall ist.

Alles an Baudelaire scheint magisch zu sein. Umso grausamer der Fall ins banale Vernünftlertum bei dem , der die vom Reclam Verlag als „vielgelobte“, aber dennoch grauenvolle gereimte Übersetzung von Monika Fahrenbach-Wachendorff liest (also bei mir). Schwülstig ist die, dekadent im schlechtesten Sinne und niemals Leidenschaft atmend, sondern nur tragend, maskiert vorführend.

Dogmatischer, aufklärender hingegen ist die Übersetzung von Friedhelm Kemp, die Teil der (in kompletter Form im Hanser Verlag) erschienenen deutschen Werkausgabe Baudelaires. Diese lernte ich als zweites kennen und sie zeigte mir deutlich mehr von diesem Autor.

Der Knoten platzte aber erst zur Gänze mit der neuen Übersetzung von Simon Wehrle im Rowohlt Verlag. Das mag zugegeben unterstützt worden sein durch meine mittlerweile wieder bessere Kenntnis des Französischen, aber ich glaube fest daran, dass der erste Eindruck gerade bei Übersetzungen nicht trügt, wenn die Originalsprache eine Unbekannte ist. Die Reclam-Version der Blumen des Bösen konnte mir in dieser Hinsicht nur zeigen, dass hier ein machtvoller Autor am Werk war – nicht aber wie er das war. Kemp konnte die gedankliche Dimensionen des Denkers hinter den Gedichten auffassen – aber nur Wehrle erleuchtet den poetischen Furor von Charles Baudelaire in seiner wilden, aber auch rhythmisch-geordneten Weisheit um die Schönheit der grauenhaften Erlebnisart.

Bei Wehrles Deutsch nähert sich das Französische dem an, was es wohl sein soll: Rausch.

Das Deutsche ist nur der leichte Anstupser dieses Rauschs. Es entfesselt ihn nicht – denn bei Baudelaire ist er omnipräsent – es macht ihn sichtbar. Wehrle nicht kongenial sondern kontraproduktiv übersetzte Verse zeigen einen Übersetzer, der mit Mut scheitern will und sich freudig an etwas Unübersetzbarem abarbeitet.

Ergebnis ist eine Übersetzung die demütig wirkt, obwohl sie es nicht ist – deutsche Gedichte, die so urdeutsch sind, dass sie fremd wirken und sich dem Französischen gerade dadurch annähern.

Es ist ein Baudelaire, der so sehr er selbst ist, dass das Buch ohne Anmerkungen nicht nur auskommt, sondern allein so rein von allem Fremden existieren kann. Es ist ein Austausch, bei dem der Übersetzer von Schall und Rauch zu Schall und Rauch wird, um den Blitz zu manifestieren, der mit jeder Luftschicht, die er durchstößt mächtiger, unvergesslicher, böser, tödlicher wird – Baudelaire eben.

 

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