Nicanor Parra: „Parra Poesie“

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Ich bin davon überzeugt, dass es möglich ist, Bücher mit verschiedenen Sinnen zu erfassen, je nachdem für welchen sie am besten geeignet sind. Dazu gehören reale wie imaginierte Sinne: Bücher können gefühlt werden, gesehen, geträumt – und auch gerochen werden.

Wenn sich ein Buch vor allem der Nase als eindrucksvoll zu verstehen gibt, rangiert sein Geruch in derselben Varianz wie es die Natur, etwa eine Berggegend oder ein Strand, tut: Innerhalb des ihm eigenen Wirkkreis deutet es auf diesem Wege vieles an, entscheidet sich aber nicht für eine Intensität oder gar Qualität.

Wer in etwa versteht was ich meine, dürfte auch begreifen, warum die Lyrik am ehesten eine literarische Form des Geruches werden kann: Sie ist unbeständig aber dennoch immer Ausdruck einer Einheit. In ihrer gedrängten Macht – so zumindest in ihren besten Momenten – drückt sie all das aus, was sich dem Menschen sich generell nur andeutungsweise zeigt: Liebe, Existenz, Nicht-Sein, Wahrheit.

Wenn ich nun darüber nachdenke, was die Neuübersetzung von vier Gedichten und einigen lyrischen Artefactos – poetischen Aphorismen – von Nicanor Parra, die unter dem Titel „Parra Poesie“ in der PalmArtPress erschienen sind, an Gerüchen von sich geben, so ist eine einzelne mögliche Antwort schon vielgestaltig.

Zunächst setzt die Publikation natürlich den Geruch Parras (einen wirklichen Duft würde ich seine Auswürfe nicht unbedingt nennen) überhaupt erst einmal wieder im deutschen Sprachraum frei. Bis zum Herbst 2016 war nämlich nur eine einzige Übersetzung einer Auswahl aus seine für die lateinamerikanische Literatur ungeheuer einflussreichen Werk erhältlich. Sie stammt aus den 90ern, trägt den Titel „Und Chile ist eine Wüste“ –  und war, als ich über die Romane Roberto Bolaños auf dessen Idol Parra aufmerksam wurde, nicht für unter 35 Euro erhältlich. Mittlerweile hat sich die Lage etwas verbessert.

Nicht aber die allgemeine Lage der deutschsprachigen Verfügbarkeit von Gedichten des Chilenen, der in den 70ern gern als Antipode zu Pablo Neruda begriffen wurde. Zugegeben: Daran ändert auch „Parra Poesie“ mit seiner bescheidenen Menge an Texten nicht wirklich viel. Das ist aber auch nicht der Auftrag dieses Buches. Es ist vielmehr eine intensive Infusion, ein Thermalbad mit Parra-Gewürzen, das den mit ihm noch nicht bekannten Geist betört, kurz betäubt und so an ihm haften bleibt.

„ANTIPOESIE:
Masken gegen Erstickungsgas“

Es ist beeindruckend, mit welch geringen, freien und offen unvollendeten Mitteln das geschieht: Aus dem großen Werkkontext Parras gerissen, gewinnen die Texte ein unfassbares Maß von Freiheit und beiläufiger Intensität. Die geht ihnen tatsächlich zum Teil ab, wenn sie in großer Menge abgedruckt werden, wie es etwa in dem (dennoch unbedingt lesenswerten) Auswahlband von New Directions der Fall ist.

Nicht zu unterschätzen ist für diese Wirkung die Verbindung zur bildenden Kunst, welche mit den beigegebenen Schwarzweiß-Fotografien von Ulrike Ertel angestrebt wird. Das Nachwort des Parra-Kenners Nils Bernstein spricht davon, dass ihre Auswahl im „freien Assoziationskontext zu den Texten steht“. Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und behaupten, dass sie in klarem Gegensatz zu ihnen wirksam werden.

So wie Parra Antipoesie schrieb – Gedichte mit und durch Alltagssprache –, so bilden die Fotografien Dinge ab, die Parras Texten eigentlich abgehen: Struktur etwa oder deutlichen Kontrast. Sie geben der Gedichtauswahl eine Art von ungewollter Form, in der sich die Lyrik wiederum entfalten kann, gerade weil sie gegen sie anstrebt.

Das klingt jetzt alles sehr verkopft und abstrakt – ist aber immer noch das, was ich unter Geruch eines Buches verstehe: Alles bisher Beschriebene ist Teil der Verknüpfungen, die ich dank dieser Publikation zwischen meiner bisherigen Parra-Lektüre, meinem Verständnis von Poesie, der Verbindung zwischen Literatur und bildender Kunst und vom Lesen herstellen konnte.

Diese Rezension, diese kurzen Gedanken zu diesem Buch, sollten also nichts anderes sein als eine Demonstration sein davon, dass folgender Satz, ein Ideal Parras von Poesie, zusammen mit einem Spruch des Herausgebers Ingolf Brökel auf der Buchrückseite abgedruckt, in meinem Geist Früchte tragen konnte:

Alles, was sich bewegt, ist Poesie /
was still steht, ist Prosa.

In diesem Sinne bleibe ich an dieser Stelle auch stehen – vielleicht stand ich auch schon die ganze Zeit – und überlasse es seiner Poesie, sich zu bewegen:

DIE POESIE
STIRBT
WENN SIE NICHT
BELEIDIGT WIRD

man muss sie
besitzen und
öffentlich erniedrigen

dann wird man sehen
was wird


Der Band Parra Poesie kann für 18,90 direkt bei der PalmArtPress bestellt werden.

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