Marsilio Ficino: „In Phaedrum“, ein Kommentar zu Platons Phaidros-Dialog

Heute kann ich nicht anders, als zu spezifisch zu werden.

Ficino-Phaidros

Es ist aber halt auch so, dass es hin und wieder beeindruckende Lektüren gibt, die kaum jemand anders in ihrer Intensität nachvollziehen kann, aber über die gerade deshalb trotzdem nicht geschwiegen werden kann. Wie es nun einmal auch Augenblicke des Begreifens gibt, die eigentlich nicht vermittelt werden können.

In Platons Phaidros, dessen meine Lektüre ich hier kurz reflektieren will, entsteht der Eindruck, dass dem sonst so rationalen, ironischen Sokrates ein solcher Augenblick aufkommt – und er tatsächlich die Macht hat, dies zu kommunuzieren.

Der Dialog spielt an den Ufern des Ilisos. Dort, das habe ich im Urlaub in Athen gelernt, wurde auch später eine der ersten byzantinisch-christlichen Basiliken Griechenlands erbaut.

Hierher kommt Sokrates mit Phaidros. Dieser ist, wie Platon auch schon in seinem Symposion schreibt, von vielen Athenern geliebter Jüngling – wobei er auch schon ziemlich alt sein könnte, aber was heißt das schon.

Sie setzen sich unter einen Baum und sprechen über die Liebe.

Nachdem er eine Rede eines anderen Bürgers (und Lovers von Phaidros) als schwach aufgebaut demaskiert hat, hebt Sokrates zu einer der beeindruckendsten Hymnen an, die ich insbesondere in Prosa gelesen habe.

Er redet darin von praktisch allem: von der Liebe, von der Wahrheit, von der Ordnung der Götter und den Ebenen des menschlichen Verstandes.

Er tut dies in einem berühmten Gleichnis: Die Seele des Menschen, als himmlische Seele eingesperrt in einem irdischen Körper ist dreigeteilt in einen Wagen mit dem Menschen/Menschlichen als Wagenlenker und zwei Pferden. Eines davon ist gut und strebt zum himmlischen Ursprung, dem intelligiblen Licht der reinen Wahrheit, welche sich dem Menschen gebrochen in Ideen mitteilt – und das andere ist schlecht, strebt zu irdischen Dingen.

Die Liebe ist in diesem Gleichnis dann das, welches sich im Menschen entwickelt und ihm als göttlicher Furor offenbar wird. Der Mensch wird mit der Liebe also begabt, damit alle Teile seiner Seele, beide Pferde, nach oben streben können.

Für den im Titel genannten Marsilio Ficino – das zeigt folgender Abschnitt aus dem Wikipedia-Artikel – ist das, wohin da nach oben gestrebt wird, nun aber nicht das Licht der Wahrheit als Licht, sondern der Gott des Christentums:

Der Humanist Marsilio Ficino fertigte eine neue lateinische Übersetzung des Dialogs an, die erste, die gedruckt wurde. Er veröffentlichte sie 1484 in Florenz in der Gesamtausgabe seiner Platon-Übersetzungen. Außerdem […] verfasste einen eigenen Kommentar zu Platons Werk. Ficino übernahm die unzutreffende antike Ansicht, der Phaidros sei die erste Schrift des Philosophen. Vom passagenweise poetischen Stil des Dialogs war er begeistert. Im Sinne der neuplatonischen Tradition, an die er anknüpfte, betrachtete er den Phaidros als theologisches Werk.

Diesen Zusammenprall so vieler spannender Elemente – antike Philosophie, poetisches Denken über Sprache und Leben, humanistischer Wirkungswille und mehr – hätte ich nicht erwartet, als ich die englische Ausgabe des Ficino-Kommentars in einem kleinen Kellerantiquariat in Athen gekauft habe.

Seit vier Tagen lese ich aber nur noch dieses Buch. Und während dieser vier Tage habe ich mich auch in die der Übersetzung zugrundeliegende Buchreihe verliebt: Die „I Tatti Renaissance Library“, verlegt von der Harvard University Press.

Die Bedeutung dieser Bücher hat mehr Aufmerksamkeit – auch in „nicht-wissenschaftlichen Kreisen“ – verdient, als sie sie wohl hat. Seit 2002 erscheinen unter der Schirmherrschaft des Historikers James Hankins, dessen Buch über Platon in der italienischen Renaissance kaum für unter 1000 Euro zu haben ist, dort lateinische Werke aus dem 14. bis 16. Jahrhundert, zweisprachig, mit einer enorm lesbaren englischen Übersetzung versehen.

Ich habe mir direkt zwei weitere bestellt: Den ersten Band von Ficinos Hauptwerk, der „Platonischen Theologie“, die dank der unermüdlichen Arbeit von Hankins und seinen Kollaborateuren auf Englisch – als einzige komplette Übersetzung weltweit – vorliegt, sowie den ersten Band der „History of the Florentine People“ von Leonardo Bruni. Dieser war übrigens auch der allererste, der den Phaidros ins Lateinische übersetzt hat.

Es soll auch darüber hinaus damit weitergehen: Ich stelle es mir schön vor, jeden Monat einen weiteren Titel zu ordern und ihn dann zu lesen. Das wäre doch was…

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