Ernst Jünger: „Der Waldgang“

Mein letzter wirklicher Waldgang, einer um mich abzukapseln, ist schon etwas her. Damals habe ich Kant gelesen und es war sonnig. Viel eher zu einer Lektüre von Ernst Jüngers Essay als ein nochmaliger Gang in der Wald – oder an den Strand, im aktuellen Urlaub – befähigt derzeit aber wohl eher, dass die nächste Wahl ansteht.

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Immerhin stellt sich die Suche nach der richtigen Haltung angesichts einer Wahl als ein kritischer Moment in Bezug auf die Freiheit des Einzelnen dar – und das wusste Jünger ganz richtig.

Umso härter ist das an die DDR gemahnende Gleichnis zu Beginn des Essays, das sich wirklich zu kennen lohnt: Ein Mensch in einer Diktatur – ganz gleich ob einer körperlich gewaltsamen oder der der vorherrschenden Meinung – will darin Widerstand gegen diese leisten. Er will nicht zu den Menschen gehören, denen „durch den Wahlzettel Gelegenheit geboten wird, sich an einem Beifall zu beteiligen“, sondern geht zur Wahl, um dagegen zu stimmen, konkret hier gegen eine „Diktatur in Hemdsärmeln“. Aber es geht nicht, zumindest nicht mit dem Ziel, den verachteten Staat zu schwächen:

Wir stoßen hier […] auf wirklichen Widerstand, freilich auf einen Widerstand, der seine eigene Stärke noch nicht kennt und nicht die Art, in der sie anzuwenden ist. Indem unser Wähler sein Kreuz an die gefährliche Stelle setzte, tat er gerade das, was der übermächtige Gegner von ihm erwartete.

Der Einzelne, wenn er einzeln bleiben will – und darum geht es Jünger absolut –, muss aus dieser Falle gelangen. Um eine Anleitung dafür zu geben, wird aus diesem Gleichnis heraus eine „Lehre von der Freiheit des Menschen gegenüber der veränderten Gewalt“ entworfen, von der Möglichkeit des tatsächlichen Widerstands – in der Politik, aber außerhalb des Wahllokals.

Dazu wird eine neue Grundunterscheidung benötigt. Sie wird getätigt zwischen Einzelnem und der Welt – nicht mehr zwischen Regierung und Opposition oder Für und Wider in Bezug auf einzelne Meinungen. Symbol dieser neuen Unterscheidung ist der Waldgang:

Im Waldgang betrachten wir die Freiheit des Einzelnen in dieser Welt. Dazu ist auch die Schwierigkeit, ja das Verdienst zu schildern, das darin liegt, in dieser Welt ein Einzelner zu sein. […] Waldgänger ist also jener, der ein ursprüngliches Verhältnis zur Freiheit besitzt, das sich, zeitlich gesehen, darin äußert, daß er dem Automatismus sich zu widersetzen und dessen ethische Konsequenz, den Fatalismus, nicht zu ziehen gedenkt.

Elitär wie er ist, sieht Jünger im Ziehen dieser Unterscheidung bereits einen „Verdienst“. Aber auch ohne diese Stilisierung und Verherrlichung des Einzelnen sind hier philosophische Bewegungen zu erkennen, die es zu berücksichtigen lohnt: Freiheit wird Jünger dann erst wertvoll, wenn der Mensch sich „ursprünglich“ zu ihr in Beziehung setzt. Geschehen muss dies durch ein Widersetzen gegen den Automatismus des Lebens, also ein reflexives Leben als Tat: individuelle Arbeit gegen den Fatalismus als Freiheit.

Neuer Gegenstand dieser Arbeit ist die Furcht. Sie zu bekämpfen heißt die Herausforderungen der hyperkomplexen, unübersichtlichen modernen Gesellschaft annehmen, um nicht sein Ich in dieser zu verlieren:

Die Grundfrage in diesen Wirbeln lautet, ob man den Menschen von der Furcht befreien kann. Das ist weit wichtiger, als ihn zu bewaffnen oder mit Medikamenten zu versehen. Macht und Gesundheit sind beim Furchtlosen.

Was im Arbeiter – den ich nicht gerade wohlwollend bedenken konnte – noch als totalitäre Gesellschaftsutopie erscheint, gelangt im Waldgänger auf den einzelnen zurück. Nicht die Macht einer neuen Lebensform – oder Gestalt, wie Jünger es nennt –, deren Eigenschaften langsam alle Menschen ergreifen, liegt im Fokus, sondern das Arbeiten gegen ein derartiges Ergreifen, um gerade in den neuen Entwicklungen sich wieder selbst zu finden. Der Waldgänger

läßt sich durch keine Übermacht das Gesetz vorschreiben, weder propagandistisch, noch durch Gewalt. Und er gedenkt sich zu verteidigen, indem er nicht nur Mittel und Ideen der Zeit verwendet, sondern zugleich den Zugang offen hält zu Mächten, die den zeitlichen überlegen und niemals rein in Bewegung aufzulösen sind.

So ist das Buch auch deutlich humanistischer geprägt als der politische Macht verherrlichende Arbeiter. Jünger zitiert auch deutlich mehr Gewährsmänner einer zwar immer noch weitgehend vom Thema der Macht besessenen Weltsicht, die eine humanistische Tendenz erkennbar werden lassen: Rivarol, Poe, Dickens, Hieronymus Bosch, Hölderlin, Bernanos, Cranach, Kafka, Dostojewski und einige mehr – wobei aber auch natürlich, wie immer bei Jünger,  im absoluten Fehlen von Verweisen auf weibliche Persönlichkeiten eine nicht wegzudiskutierende, peinliche Schattenseite des Autors zeigt. Ein Zitat zu Beginn eines weiteren Gleichnisses genügt, um das Ausmaß dieser Geringschätzung des anderen Geschlechts zu beweisen:

Wir wollen annehmen, daß in einer Stadt, in einem Staate noch eine gewisse, wenn auch geringe Anzahl von wirklich freien Männern lebt.

Zugleich offenbart der Waldgänger aber auch eine der wirklich bestechendsten und begeisterndsten Charakteristika von Jüngers Schreiben, nämlich seine präzisen Verallgemeinerungen. Diese passen oft so genau zur Gegenwart, dass man nicht anders kann, als seine tiefgehende Analytik lange währenden Gesellschaftstransformationen anzuerkennen.

Der folgende Abschnitt etwa liest sich, 66 Jahre nach Niederschrift des Textes und die zeitlichen Formulierungen nachsichtig übergehend wie ein überaus passender Kommentar zu den rassistischen Entwicklungen in den USA:

Indem man versucht, sich schlechthin gefährlicher zu machen als der Gefürchtete, führt man die Lösung nicht herbei. Das ist das klassische Verhältnis zwischen Roten und Weißen, zwischen Roten und Roten und morgen vielleicht zwischen Weißen und Farbigen.

Ähnlich auch die folgende Diagnose:

Zum Mythischen kehrt man nicht zurück, man begegnet ihm wieder, wenn die Zeit in ihrem Gefüge wankt, und im Bannkreis der höchsten Gefahr.

So geschieht es bei Trump, wenn er das „Erbe Amerikas“ in Form von Konföderiertenstatuen beschwört oder bei Höcke, der das Holocaustmahnmal als „Mahnmal der Schande“ bezeichnet.

Noch viele weitere Zitate würde ich gern einbringen in diese Kritik eines Jünger-Textes, der moderater im Ausdruck seiner Haltung ist, dieser aber keine Festigkeit und Deutlichkeit nimmt. Denn, wie Golo Mann in einer Aussage zum Buch, die auch im zugehörigen Wikipedia-Eintrag zitiert wird, schreibt: „Es gibt einen E. J., der helfen will“. Sogar einen, der Krieg nicht mehr gänzlich annehmen will und liebhat, der zum Kampf gegen die Furcht diesen Satz zu schreiben vermag:

Die Furcht kann aber durch Rüstungen nicht vermindert werden, sondern nur dadurch, daß ein neuer Zugang zur Freiheit gefunden wird.

Und so eröffnet der Waldgang einen wichtigen Blickpunkt auf Jüngers Werk, der jedem, der sich ernsthaft mit ihm befassen will, nicht unbekannt sein darf: einen dialektischen.  Dieser zeigt sich beim wilden Jünger in Ressentiments, harten Urteilen und drastischen, oft unnötig verletzenden und sogar unmoralischen Äußerungen – beim leidenschaftlichen Jünger aber in einem nie enden wollenden Erweiterungswillen, an der Freude am Wechsel, in dem die Absolute Freiheit des wahrhaft Einzelnen besteht, die auch bald nicht mehr von äußeren Einflüssen abhängt.

Leider endet das Buch nicht in dieser Jünger-„Fassung“, sondern in der praktisch absolut elitär und affektiert verachtenden, auf den Feind statt auf die eigene Seelengröße verweisenden Haltung des Revolutionärs um der Ästhetik des Revolutionärs willen, des eingebildeten Besserseienden:

Die Menschen sind Brüder, aber sie sind nicht gleich. In diesen Massen verbergen sich immer Einzelne, die von Natur aus, das heißt in ihrem Sein, reich, vornehm, gütig, glücklich oder mächtig sind. Auf sie strömt Fülle zu im gleichen Maße, in dem die Wüste wächst. Das führt zu neuen Mächten und zu neuem Reichtum, zu neuen Teilungen.

Und so kann er einfach auch nicht anders als zum Abschluss wieder einmal den Menschen als einem Wesen mit „monarchischem Instinkt“ zu sprechen, von Völkern, die „auf einen Fürsten“ hoffen, „dessen Auftrag sich durch eine Konstellation am Himmel ankündet“. Es ist und bleibt für Jünger einfach dabei, dass die Welt so beschaffen ist

daß immer wieder das Vorurteil, die Leidenschaften Blut fordern werden, und man muß wissen, daß sich das niemals ändern wird. Wohl wechseln die Argumente, doch ewig unterhält die Dummheit ihr Tribunal. Man wird hinausgeführt, weil man die Götter verachtete, dann weil man ein Dogma nicht anerkannte, dann wieder, weil man gegen eine Theorie verstieß. Es gibt kein großes Wort und keinen edlen Gedanken, in dessen Namen nicht schon Blut vergossen worden ist.

Das mag vielleicht sein – aber wieso kann der Waldgänger sich nicht auch dagegen wenden und versuchen, in sich diese Worte und Gedanken vom Blut zu reinigen? Findet er sich sonst nicht doch wieder mit der Welt ab, gegen die er sich so radikal auflehnen will?

1 Kommentar zu „Ernst Jünger: „Der Waldgang““

  1. „doch ewig unterhält die Dummheit ihr Tribunal. “
    Sehr treffend. Etwas volkstümlicher: Die Mutter der Idioten ist immer schwanger.

    „Es gibt kein großes Wort und keinen edlen Gedanken, in dessen Namen nicht schon Blut vergossen worden ist.“
    Wie wir aktuell als Zeitzeugen miterleben dürfen. Selbst der Liberalismus, der gegen derlei Verzerrung immun zu sein schien, hat seine eigenen Entgleisungen erleben müssen. Und in Zukunft wirds die Ökologie sein, ein in seinem Ursprung richtiger Gedanke, bei dem sich heute niemand vorstellen kann, daß auch er einmal Basis einer bizarren Ideologie werden könnte.

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