Albrecht Haushofer: „Moabiter Sonette“

Sonettenzyklen wurden in der Geschichte des geschriebenen Wortes schon zur Be- und Umschreibung vieler Dinge verfasst – aber ging es in einem von ihnen schon einmal so sehr um Widerstand wie bei Albrecht Haushofer?

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Petrarca? – vielleicht ein bisschen. Ronsard? – eher nicht. – Inger Christensen? – ganz bestimmt nicht. Ich bin kein wirklich ausgewiesener Kenner der Sonettform, aber dennoch wage ich es mal zu sagen: Richtig politisiert wurde diese Form vor 1945 noch nie.

Dann musste es aber sein. In diesem Jahr saß Albrecht Haushofer im Gestapo-Gefängnis Moabit in der Lehrter Straße, Bezirk Berlin Mitte, während rund um die Stadt die letzte Front des Zweiten Weltkriegs lag. Er wurde wegen seiner Verbindung zu den Attentäter vom 20. Juli 1944 verhaftet – und das obwohl sein Vater Karl Haushofer ein Freund von Rudolf Heß war.

Sein Sohn Albrecht arbeitete schon lange neben seiner wissenschaftlichen Arbeit – wie sein Vater als „Geopolitiker“ – an einem literarischen Werk. Ein paar kleinere Dramen wurden in den 30ern publiziert, aber keines dieser Werke hatte eine so strenge Form und solch klaren Duktus wie dieser Band von 80 Sonetten, der zwischen der Unentrinnbarkeit – „In Fesseln“ heißt das erste Gedicht – und der endlos monotonen Einsamkeit zwischen Gefängnislangeweile und Todesewigkeit des letzten Textes „Zeit“ ersteht.

„Ich bin der erste nicht in diesem Raum, / In dessen Handgelenk die Fessel schneidet, / An dessen Gram sich fremder Wille weidet.“

Es sind nicht immer die festgezurrtesten, vertracktesten Sonette wie bei den oben genannten Vorbildern dieser Gattung, aber von einem zeugen sie doch alle, so ehrlich, wie es unter Beobachtung und mit dem Wunsch nach reimender Schönheit geht: von Sehnsucht.

Keine Begleiter hat Haushofer auf dem Weg, den er mit dieser Sehnsucht geht, nur ab und zu ein paar Tiere – und seine Bildung, die in Fetzen durch seiner Erinnerung zu jagen scheint, ohne Nutzen, aber davon umso mehr als Zeuge für eine Tradition, die jede Macht gegen die Menschlichkeit überleben wird: Mal erlebt er sich als männliche Kassandra, auf dessen Warnungen niemand hört, mal entkommt er der Zelle an den Nil, in die griechischen Mythen, zu Goethe und nach China.

Ganz Flucht ist es aber nie. Der Bombenhagel, der drohende Abgrund werden damit nicht verdrängt, sondern umso ernster genommen. Denn wie sonst wäre solchen Intensität des Geistes möglich, wenn nicht als lebensbejahender und nicht resignativ verneinender Widerstand gegen den unausweichlichen Tod?

Da bleiben die schmerzlichen Erinnerungen nicht aus, so etwa in dem Gedicht „Mutter“, das zu einem der bekanntesten gehört:

Ich sehe Dich in einer Kerze Licht
Im Rahmen einer dunklen Türe stehn.
Du spürst die Kühle von den Bergen wehn.
Du frierst ja Mutter. Dennoch weichst du nicht.

So weichen auch die Kälte, die Bedrohung, die Schuldgefühle nicht – und dennoch lesen sich die Sonette leicht, fast zu einfach. Es ist die Gelöstheit der absoluten Verzweiflung, die mit geistiger Unabhängigkeit einhergeht, die nur der Widerständige erreicht, der sich von der ihn ehemals unterdrückenden Macht kein Wort mehr vernimmt und sich nur dem zuwendet, das sein Wille als wirklich wichtig anerkennt.


Die von Amelie von Graevenitz nach den Handschriften herausgegebene Ausgabe der Moabiter Sonette von Albrecht Haushofer mit einem biographischen Nachwort von Ursula Laeck ist im C. H. Beck Verlag erschienen – für 16,95 kann sie unter diesem Link käuflich erworben werden.

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