Begleitlektüre, Erstaunen, Vorurteile

Viel Arbeit macht den Rest der Erfahrung in der verfließenden Zeit surreal. Es ist erstaunlich, wie schnell dann eine Woche vorbei ist, wie wenig gelesen wurde – aber was sich dennoch in der Woche verändert hat, ist viel.

Ich habe etwa eine Masse an Vorurteilen gegenüber Ernst Jünger abgebaut, der gerade den Gegenstand einer „Autorphase“ bei mir konstituiert, in die ich nicht gedacht hätte, reinzurutschen. Realisiert habe ich das just in dem Moment, in dem ich im „Abenteuerlichen Herzen“ den Satz las:

Nichts ist unleidlicher als ein Verstand, der keine Rasse hat, ein Bohèmeverstand, dem es an echten Vorurteilen mangelt und der wie der Verstand der Zeitungsschreiber und ihrer Leser jedem zufälligen Eindruck und jeder Entartung, wie etwa der billigen Versuchung der Ironie, wahllos preisgegeben ist als ein Eckstein, an dem jeder Hund seine geistige Notdurft verrichten darf.

Bemerkenswert ist das, weil sich gerade hier die tiefste Ironie in meinem Verhältnis zu diesem Autor offenbart: Es ist mir offensichtlich, dass ich lieber ein durch die Ironie versuchter, bepisster Eckstein sein will als jemand, der solche Sätze, die sich selbst durch billige Zeitungsschreiber und Wortklauber mit ihren neuen Fabeln von „Rasse“ und „Entartung“ zur herrschenden Klasse aufschwingen – und dennoch habe ich echte Vorurteile gegen Jünger abgebaut, sehe ihn eher als sich ständig als Versuchskaninchen betrachtenden Experimentator a la Nietzsche, nicht mehr als einen rückgratlosen Opportunisten oder Faschisten.

Das ist eine erstaunliche Entwicklung – und das machte mir das Buch auf der nächsten Seite direkt klar. Denn dort steht ein Satz inmitten vieler anderer Wirren, dessen Schönheit ich einfach anerkennen musste. Er beschreibt das Erstaunen, auch das, was ich an und vor mir selbst bemerkte, als ich ihn kurz vorher las.

Das Erstaunen ist unser bester Teil; es ist der süße Taumel, der uns über dem Abgrund der Liebe überfällt.

Eine einzigartige Lektürebewegung war das, die diese beiden Zitate auslösten. Ich glaube nicht sie mehr als höchstens im Ansatz erfasst zu haben mit diesen Zeilen.

juenger-herz-zeit

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s