Marta Karlweis: „Schwindel“

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Obwohl die moderne Welt doch eigentlich wie geschaffen dafür scheint, so ist es dennoch selten, von einem Buch des 20. Jahrhunderts zu sagen: Hier hat jemand geschrieben, wie es ihm sein – bzw. ihr – Wille diktiert hat. Bei Marta Karlweis schon.

Auf Seite 41 der Neuauflage ihres Romans „Schwindel“ – erstmals 1931 beim S. Fischer Verlag, nun neu beim Wiener DVB Verlag erschienen – steht, dazu passend, folgender Satz:

Der unschuldige, daher ungespaltene und starke Wille, der nur sein Ziel im Auge hat, ist produktiv, also erfindungsreich.

Ein Satz, der nicht nur für den Willen der Protagonistin Olga gilt, dem einzigen durch Mut überlebenden Mitglied der im Scheitern begriffenen Wiener Großfamilie Schnabel, um die es in diesem Roman geht – sondern auch für Karlweis‘ Schreiben, diesem wilden, sprunghaften, umstandslos leidenschaftlichen.

Voraus geht dem Zitat ein ebenso kraftvoller Satz, der in seiner ganzen Tiefe und Vielseitigkeit beweist, dass diese Frau nicht nur zu Unrecht als Romanautorin in Vergessenheit geraten ist, sondern ihre Prosa auch eine Fülle an Sätzen enthält, die sie als blendende Aphoristikerin profilieren könnten:

Ein hartnäckig waltendes Mißgeschick bedarf der Nahrung, es wird auch immer genährt, in aller Ahnungslosigkeit.

Es ist dieser Satz, der im Grunde die ganze Tragik dieses Buchs beschreibt.

Er hat Geltung für einzelne Figuren aus der Familie, die an Armut, Einsamkeit, Liebe und mehr scheitern – und auch für die ganze Wiener Welt, die inhaltlich-vordergründig als Bühnen der klassisch anmutenden Thematik des Familienromans vorm Leser ersteht, aber sich stilistisch immer wieder als ein viel drastischer erlebter Pfuhl der Sinnlosigkeit erweist, gegen die sich insbesondere die Frauenfiguren kaum zur Wehr setzen können.

Karlweis bedient sich dafür Register der deutschen Sprache, die sie näher an der Weltverachtung eines Louis-Ferdinand Céline verorten lässt als an die gutbürgerliche Thomas-Mann-Ironie. Hass prägt ihre Literatur aber auch nicht. Sie bleibt immer kritisch und philosophisch im dichterisch-humanistischen Sinn. Zynismus ist nicht das Metier von Marta Karlweis.

Umso deutlicher wird im Verlauf der Lektüre aber das Leiden, das stereotype und doch immer wieder schmerzhaft individuelle, das die Kinder der Familie Schnabel verzehrt und schließlich dem Tode anheimschickt: Es ist der Schwindel, der diesem Roman seinen Namen gibt – hinterhältiger Schwindel beim Hauskauf, der die Familie in den Ruin treibt, verzweifelter Schwindel der Töchter gegenüber der Mutter über den Verbleib ihrer verstorbenen Söhne, Schwindel gegenüber Vorgesetzten, die bestohlen werden.

Vor allem aber ist es auch der geistige Schwindel, der einen beim rasanten Durchleben dieser gnadenlosen Existenzweise umfängt und mit sich reißt. Dieser wird dadurch noch verstärkt, dass statt der Figuren – die als tragische, zugleich aber unbedeutend wirkende Fallbeispiele verkrachter Existenzen nacheinander an einem vorbei ins Verderben treiben – der Leser diesen Schwindel durchmachen muss. Er (oder sie) erleidet an ihrer statt die Höhen und Tiefen der geistigen Verwirrung, ihre Pausen, Irrtümer und ahnungsvolle Blicke in die immer turbulenter werdende Zukunft (der Familie wie der Lektüre) – ohne wirkliche Hilfe und nur mit einer blassen Hoffnung auf baldige Besserung.

Die wird am Ende des Romans zwar grundsätzlich gewährt, aber Trost kann das nicht genannt werden. Die Lektüre lässt einen im Prinzip mit dem  Anblick einer furchtbar mächtigen Lawine zurück, die soeben endlich zum Stillstand gekommen ist – und in deren ruhiger Endposition ein Stück Schönheit zu dämmern beginnt.

Es ist dies eine die Tragik überschattende Schönheit, die ihre größte Kraft darin entfaltet, dass sie andeuten kann, wieviel Schönes auf dem absolvierten Weg dennoch passiert ist – wie zwischen den Zeilen sowohl der Geschichte als auch der Sprache der Dichtern Marta Karlweis Menschen einen Raum gefunden haben, um über das Leben nachzudenken und auf diese Weise kleinen Momenten mit Worten und Gefühlen eine endlose Gültigkeit aufzuprägen.

Ein mehr als nur lediglich lesenswerter Roman.


Die Neuauflage des Romans „Schwindel“ von Marta Karlweis, ausgestattet mit Kritiken aus dem Jahr der Erstveröffentlichung und einem Nachwort von Johann Sonnleitner, kann für 20 Euro beim DVB Verlag bestellt werden.

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