Johannes V. Jensen: „Himmerlandsvolk“

Der Realismus in der Moderne – immer wieder ein seltsam Ding.

Himmerlandsvolk-Jensen

Sammlungen von Erzählungen gewinnen und verlieren mit dem Umfang ihrer Vielstimmigkeit. Ihre Wirkung steigert sich im Verhältnis zur Anzahl der Überraschungen, die sie bereithalten. Sind sie, wie die zwölf Texte in Johannes V. Jensens „Himmerlandsvolk“ zugleich realistische, Wirklichkeit abbildende Literatur, dann scheint dahingehend ein Widerspruch vorzuliegen. Denn wie kann die Welt, wie wir sie kennen, noch überraschend sein? Haben wir nicht alles gesehen, gerade mit dem 20. Jahrhundert im Rücken?

Dies ist glücklicherweise, wie auch in der deutschen Literatur Meister wie Fontane, Storm oder Meyer bis heute beweisen, deutlich zu kurz gedacht. Denn der Realismus hält sich zwar fest an den Gegenständen und der Beschreibung, driftet aber immer wieder ab: ins Unheimliche, Zufällige und am meisten wohl ins Tragische. Auch in diesem Fall – und zwar so sehr, dass er hochmodern wird.

Der Lebenskreis, den der 1873 geborene Jensen als Ausgangspunkt für sein Abdriften in Anspruch nimmt, ist denkbar klein. Das dänische Himmerland hatte 1898 wenig zu bieten außer seine schäbigen Höfe in den Dörfern, den noch schäbigeren am Ausssiedlerrand ebenjener, seine Schenken und gottverlassenen Dachböden und Alkoven – und die trotz ihrer Größe noch provinziell gebliebenen Stadt Aalborg.

Seine Erzählungen von Bauersfamilien und deren Hochzeiten, Kindern, Todesmomenten zeigen: Gegen das Schicksal wird in dieser Gegend kein Widerstand geleistet, der Verfall kommt plötzlich und ohne Gegenwehr, das Stern wird im Durchschnittsfall unheroisch hingenommen. Begleitet wird das Ganze von einem motivischen Inventar aus Webstühlen, Mistgabeln, Lehmklumpen, Holzschuhnägeln und Taschen aus Otterfell – nützlichem Material, das von den Handwerkern mit großer Sicherheit, aber ohne großes, metaphysisches Ziel genutzt wird.

Es gibt für die himmerländischen Menschen auch kaum Abstufungen zwischen Balz, Heirat und tragischem Abschluss von Familiendrama, zwischen Freundschaft und Hass, zwischen Vermögen und Armut, Erfolg und Niedergang. Nichts davon hat Belang, sobald betrachtet wird, wie abseits sich das alles abspielt.

Deshalb sind auch Liebe, Glauben oder gar Philosophie kein Thema. Dafür dräut aber über fast allem ein unbekanntes Fatum und teilweise sogar Spuk. Wo der Stoizismus des Lebens unbewusst praktiziert wird, ist eben Raum für abgründige Todesfälle, Wahnsinn und (häufig durch den allgegenwärtigen Meister Alkohol angestoßene) Ekstase.

Umso intimer und somit verletzlicher wird diese kleine, unheile Welt, wenn plötzlich Konstellationen, Orte und selbst einzelne Figurennamen in mehreren der Erzählungen auftauchen – fast wie Nachbarn, denen man nicht ausweichen kann auf derart engem Raum. Jensen in diesen Wiederholungen und düsteren Beschwörungen die Heimat, aus der herkommt – und deren Beschreibung sein erster Schritt hin zur Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis waren, den er 1944 verliehen bekam.

Aber auch Ausreißer gibts es, wie es auch überall Sonderlinge gibt. Wenn in der Erzählung „Stilles Wachsen“ ein grobschlächtiger Bauer zum Liedpoeten wird oder in „Ein Bewohner der Erde“ berichtet wird, wie in einem verrückten, Ratten essenden Landstreicher große Erkenntnisse verborgen sind, dann reißt es einen aus der Eingeschlossenheit des Himmerlands heraus, in die Unsicherheit der Moderne, in die Untiefen der Psychologie und die Komplexität der Gesellschaft, in der die wahren Eigenschaften der Menschen ewig verborgen bleiben.

„Kurz darauf durchdrangen ihn wieder die Schmerzen. Und dieses Befinden dauerte an.“

Wie schwer es der Autor selbst in dieser unheilen Welt der Moderne hatte, demonstriert das nach den Erzählungen angefügte Nachwort des dänischen Schriftstellers und Essayisten Carsten Jensen. Politisch zwar tendenziell der Sozialdemokratie zugeneigt, hatte es seine nationalistisch angehauchte, doch eigentlich immer um denkerische Unabhängigkeit ringende Literatur in der Nachkriegszeit schwer.

Zeit seines Lebens drängte es Jensen immer wieder auf Weltreisen. Viel Wertvolles erfuhr er durch sie, er baute aus ihnen sogar ein sechsbändiges Romanwerk mit dem Titel „Die lange Reise“, eine Frühgeschichte der Menschheit. Aber die Menschen aus den ländlichen Gegenden, die Gegebenheiten seiner Herkunft ließen ihn nicht los.

Wohl auch um in den Wirren der Moderne einen Anker zu haben, lotete er weiterhin ihre kleine, geheimnisträchtige (wohl aber nicht so -volle) Welt aus. 1904 und 1910 entstanden zwei weitere Bände mit Erzählungen aus Himmerland – und auch diese beiden Bücher werden bald im Guggolz Verlag auf Deutsch erscheinen, unterstützt durch die Danish Arts Foundation.

Für deutsche Leser, die Jensen nicht kennen – und dazu zähle ich jetzt einfach mal neben mir auch so gut wie fast alle anderen – ist dies eine einzigartige Gelegenheit. Ich zumindest bin beinah schon fiebrig auf die Fortsetzung der Beschreibungen dieser einzigartigen, wohl auch längst untergegangenen Welt gespannt.

Einer Welt voller Härte, aber zugleich auch zarter Abgründe und liebevollen Beschreibungen, lebendig gemacht durch einen Schriftsteller, der definitiv auch Poet war.


Himmerlandsvolk von Johannes V. Jensen ist in der Übersetzung von Ulrich Sonnenberg im Guggolz Verlag erschienen. Für 20 Euro kann es dort auch erworben werden.

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