documenta 14: Ein Tag danach

Freitag habe ich notiert, was ich von der documenta 14 erwarte und worüber ich nachdenken will – gestern habe ich einige meiner visuellen Eindrücke geteilt. Heute folgt die „Analyse“.

documenta-14-eule

Sie geht so von statten, dass ich hier noch einmal einfüge, was mir im Vorfeld durch den Kopf gegangen ist – und das dann kommentiert wird:

Ich erwartete…

  • eine düstere documenta

Fröhlich war es nicht – aber es wurde nichtsdestoweniger Kunst gezeigt, die produktiv arbeiten und umformen will. Nirgends gab es apokalyptische Szenarien, bloßes Anprangern oder künstlerische Arbeiten, die ohne eigene Kreativität und Perspektivänderungen bloß auf Missstände gezeigt haben.

  • viel Regen

Es fing erst an zu schütten, als wir über bereits über große Teile des Geländes gegangen waren und drei der Außenskulpturen gesehen haben – darunter eine, mit der Besucher Münzen prägen können, welche nach dem Ende der documenta in Internetwährung umgewandelt werden. Regen hatte allerdings vor unser Ankunft das den Hauptplatz zierende „Pantheon der Bücher“ eingenässt, welches nur durch einen Schleier von Tropfen (siehe die gestrigen Fotos) betrachtet werden konnte.

  • politische Verwirrung

Sagen wir es mal so: Orientierung wurde nicht gegeben. Da in meinen Augen die einzigen erkennbaren Leitthemen Flucht und totalitäre Tendenzen waren, wurde jedes direkte politische Statement unmöglich, es wurde nur angedeutet, da diese Themen so schwammig sind. Indirekte Statements gab es hingegen viele. Nur in Ausnahmefällen, etwa bei der in dieser Arte-Doku vorgestellten Künstlerin aus Norwegen, die auf die gesellschaftliche Unterdrückung des Samen-Volks hinweisen will, war das Kunstwerk Mittel einer politischen Agenda.

  • drastische Bilder, die viele (vielleicht mich eingeschlossen) weniger bewegen, als sie es sollten

Unter den Arbeiten, die mir untergekommen sind, waren es nur zwei Video-Installationen über Kriegsversehrte und das türkische Militär, die wirklich schonungslose Bilder gezeigt haben. Diese haben mich dann auch bewegt.

  • bis auf dieses riesige Pantheon aus verbotenen Büchern aus aller Welt kein Kunstwerk, das etwas mit Literatur zu tun hat

Das hat sich bewahrheitet – allerdings kann ich das nicht negativ bewerten. Die aufsehenerregende Pantheon-Installation auf dem Hauptplatz präsidiert fast schon über die ganze documenta. Zusammen mit einem ganzen Raum zu Homer – mit einem überdimensionierten Penelope-Webstuhl, mit dem Schlafdiagramme in eine Bettdecke gewebt werden – fundiert sich der griechische Teil, der in Kooperation mit Athen entstand, ausnahmslos auf Literatur und kulturellem Erbe im Allgemeinen.

  • nicht, dass mich eine/r der bestimmt eingeladenen Video-Künstler/innen mich beeindruckt, wünsche mir aber sehr, dass ich eines Besseren belehrt werde

Siehe oben. Die Szenen waren deutlich, vielfältig und nie plakativ. Sehr beeindruckend ausgewählt.

  • Einsichten in die griechische Gesellschaftsituation heute

Keine konkreten – aber allgemeine Stimmungslagen wurde vermittelt: hyperkomplexe, orientierungslose, Grenzen ständig umbauende. Umso passender, dass die Arte-Doku auch Daniel Knorr portraitiert, der für die Ausstellung Künstlerbücher aus Athener Müll hergestellt hat, der sind in leerstehenden Häuser dort häuft.

  • Einsichten in die griechische Geschichte

Aufgrund der obigen Tendenz spielten einzelne historische Aspekte weniger eine Rolle. Konkret erinnere ich mich nur an ein Modell eines Wohnhauses mit griechischen Bewohnern – leider fehlt mir der Ortsname – welches in den 50ern von der türkischen Polizei gestürmt wurde. Es war gedacht als ein leises, vorwurfsfreies Exempel der Verfeindung zwischen Türken und Griechen.

  • hoffentlich zwei Künstlernamen, die ich mir merken will und über die ich womöglich sogar Lust habe, hier zu schreiben

In der Austausch-Ausstellung mit Athen ging es eher um einen kollektiven Ausdruck, um eine Darstellung einer Sammlung moderner Kunst, die in Westeuropa allgemein noch recht unbekannt ist. In anderen Ausstellungsbereichen, in denen Künstler anderer Nationen vertreten waren, wurden wiederum stärker Einzelwerke präsentiert. Von diesen in Erinnerung geblieben sind mir insbesondere die oben bereits genannte Video-Installation über Kriegsversehrte und eine Serie von Fotografien. Sie stammen von Artur Zmijewski bzw. Ulrich Wüst.

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