„Der Arbeiter“: Ernst Jünger als Zerreißprobe

Ich habe eine über einen Monat dauernde Schlacht mit dem Essay Der Arbeiter von Ernst Jünger geführt. Jetzt habe ich die Trümmer endlich einigermaßen zusammengesucht und geordnet.

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Bei manchen Themen und Gegenständen ist es leicht zu erkennen, in welchem Bereich, mit welchem Ansatz, mit welcher Freiheit bzw. mit welchen Grenzen es angebracht ist, Kritik an ihnen zu üben. Manchmal ist diese Übung – das ist Kritik übrigens im Kern immer – aber nicht so leicht. Bei Ernst Jünger fiel und fällt sie mir vielleicht am schwersten.

Ich möchte den Einstieg in diese meine Meinungsfindung zum 1932 veröffentlichten Buch Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt auf doppeltem Wege nehmen. Der erste dieser beiden Wege besteht darin, dass ich kurz erzähle, was ich bisher von Jünger gelesen habe und wie ich dazu stehe.

Vor jetzt fast drei Jahren habe ich In Stahlgewittern gelesen. Ich war tief beeindruckt. Mit 15 Jahren etwa, einige Jahre zuvor, habe ich auf dem Dachboden meiner Eltern Remarques Im Westen nichts Neues entdeckt und direkt dort, in einem Rutsch, durchgelesen. Auch dieses Buch hat mich damals beeindruckt. Aber obwohl Jugendlektüren eigentlich immer tiefer gehen als alles danach, bin ich doch der Meinung, dass Jüngers Text tatsächlich das beste Buch über den Ersten Weltkrieg ist, das es gibt. Vielleicht sogar das beste über Krieg überhaupt.

Ein paar Monate später griff ich dann zu den Marmorklippen, dem Roman, der immer als Prototyp für das Konzept der „inneren Emigration“ genannt wird und in dem, wie viele schreiben, das Naziregime durch die Blume kritisiert wird. Ich habe es fast nicht durch seine nicht einmal 120 Seiten geschafft. Mich hat es permanent geekelt. Mehr weiß ich auch nicht mehr: Ich bin ein aufmerksamer Leser, aber dieses Buch hat mich so geschafft, dass ich es nur noch verdrängen wollte.

Es ist relevant, dies zu Beginn zu berichten, weil es den Arbeiter zum dritten Jünger-Buch, das ich lese macht – und somit zu dem, bei dem sich, so schien mir vor der Lektüre, endgültig entscheiden würde, ob ich Jünger in Zukunft eher gespannt oder vorverurteilend zur Hand nehmen würde

Dazu sei schon einmal klar gesagt: Ich habe den Arbeiter nicht zu Ende bringen können.

Warum? Um in die Untiefen meiner Antwortversuche auf diese Frage einzugehen, soll jetzt nun der zweite Einstiegsweg begangen werden, und er beginnt mit einem Brief von Jünger an Carl Schmitt – der hier auch schon einmal thematisiert wurde – vom 30.11.1930.

In ihm beschreibt Jünger so konzis wie an keiner Stelle des eigentlichen Buches, was er mit dem Arbeiter eigentlich anstrebt:

Wenn ich das Universum […] auf die Eigenschaft eines riesenhaften Arbeitsvorganges hin betrachte, so kommt es mir während dieser Einstellung des Blickes nur darauf an, inwieweit hier Arbeit sichtbar wird, nicht aber, ob der Auf- und Untergang der Gestirne um seiner selbst willen oder nicht um seiner selbst willen geschieht. Was ich beabsichtige, ist jedes Ethos aus dem Arbeitsbegriff herauszubringen. – Arbeit um der Arbeit wegen würde […] nur der Ausdruck eines nicht einmal neuen und dabei sehr unschmackhaften Ethos sein.

Ich will diese Passage als Inhaltsangabe lesen und mit ihr im Rücken versuchen zu erklären, worum es Jünger meinem Verständnis nach geht.

Die Kernaussage des Buchs ist, so glaube ich, die folgende: Arbeit ist in und für Jüngers Begriff der Welt im 20. Jahrhundert die einzige logisch universal anwendbare Kategorie. Alles ist Arbeit.

Aber es geht ihm nicht darum, zu begründen, warum das so ist. Es ‚erscheint‘ ihm quasi nach der im obigen Brief genannten „Einstellung des Blickes“ auf die Welt einfach als absolute Gewißheit, dass alles Arbeit ist. Deshalb will er in seinem Bu h nur zeigen, „inwieweit“ Arbeit sichtbar wird.

Der Essay wäre demnach eine rein beschreibende Angelegenheit, bis Jünger praktisch nichts Sichtbares mehr beschreiben kann. Aber dem ist nicht so. Denn Jünger begnügt sich paradoxerweise nicht mit der schon an sich unmöglichen Aufgabe, all das „Inwieweit“ zu beschreiben, in dessen Umfang Arbeit im 20. Jahrhundert ist, sondern er will auch einen Begriff für das finden, was dieses Inwieweit der Arbeit zusammenhält – und damit eigentlich ja doch begründen, wieso alles Arbeit ist.

Der Begriff, mit dem er sowohl den Arbeitscharakter der Welt universal begründen und ihn dennoch konkret und einzeln erkennbar, ja fast spürbar machen will, ist der der Gestalt. Die Gestalt ist das, was über den universellen Arbeitscharakter hinausgeht und sichtbar wird.

Die Janusköpfigkeit dieser Theorie wird spätestens bei seiner Beschreibung dieses Begriffs Ausdruck eines gespaltenen Bewusstseins: Jünger schreibt eine selbstbestimmt definierte wissenschaftliche Arbeit, ergibt sich aber in ihrem Verlauf – durchaus selbstbewusst  – den mythologischen Tendenzen seins Objekts, indem er es buchstäblich zu mehr macht, als es ist.

Ständig spricht er darum von der Kraft des Arbeiter mithilfe metaphorischer Zeichen, die eins nach dem anderen, teilweise gefühlt sogar auseinander entstehen. Er nennt diese Kraft an einer Stelle etwa gleich „einem wütenden Frohlocken, des Blutes über den Geist, wenn das Vorspiel der schönen Reden beendet ist.“ Es geht um Allmacht und das, was darüber hinaus noch möglich ist.

Dargestellt wird das mit einer Rhetorik, die natürlich trotz des Themas der Arbeit nichts mit kommunistischen Ideen zu tun hat – und also nicht nationalsozialistisch im geschichtslosen Zustand des Begriffs ist –, aber dann auch wieder nicht kapitalfreundlich ist. Nicht nur zwischen Mythologie und Wissenschaft, auch nicht zwischen links und rechts, zwischen liberal und konservativ wird ein Ort gefunden:

Verstehen wir uns recht: nicht auf wirtschaftliche Neutralität kommt es an, nicht darauf, daß der Geist von allen wirtschaftlichen Kämpfen abgewendet wird, sondern im Gegenteil darauf, daß diesen Kämpfen die höchste Schärfe verliehen wird. Dies aber geschieht nicht, indem die Wirtschaft die Kampfregeln bestimmt, sondern indem ein höheres Gesetz des Kampfes auch über die Wirtschaft verfügt.

Wert hat für Jünger nur das, was kämpft. Das braucht einen Gegner – aber keine eindeutige Position, sondern nur die, welche der Kampfsituation günstig ist. Politisch gesehen wäre das Opportunismus – nur sucht Jünger eben die Gestalt des Arbeiters nicht im Politischen, sondern im Spirituellen. Leider wird es da noch schwammiger:

Ebenso nimmt der gläubige Mensch an einem erweiterten Kreise des sinnvollen Lebens teil.

Hier muss ich wirklich einfach platt fragen: Was bedeutet das?!

Das ist bloße Suggestion, Beschwörung sogar, ein Machtsymbol des Autors gegenüber dem Leser, dass dieser etwas kennt/weiß, in das er jenen nun einweiht. Jünger schreibt einige Seiten später:

Arbeit ist also nicht Tätigkeit schlechthin, sondern der Ausdruck eines besonderen Seins, das seinen Raum, seine Zeit, seine Gesetzmäßigkeit zu erfüllen sucht.

Hier ist die Beschwörungskraft im Grunde auf die Spitze getrieben – und Jünger eigentlich auch kein selbstständiger Denker, sondern Anhänger der Sprache Heideggers, die ja bekanntlich auch immer die Einheit und Allheit des „Seins“ versucht zu begreifen, aber immer wieder in einen eher dem Beten als dem Denken gleichenden Modus abdriftet.

Genau hier, an der Stelle, an der es so scheint, als gäbe es keinen Grund mehr, dieser Schrift Glauben zu schenken und sich für sie zu interessieren, ist aber auch mein im Titel angedeuteter Zwiespalt, der Kern meines Arbeitskampf mit Jünger zu lokalisieren.

Es ist nämlich so, dass ich diese zuletzt zitierte Einschätzung Jünger über den Ausdruckscharakter von Arbeit nämlich durchaus teile – was aber wiederum ganz und gar nicht heißt, dass ich sie (und erst recht nicht den Rest seiner politischen Haltung, die sich einfach immer dorthin hält, wo der Boden am sichersten für die Selbstfindung ist) genauso sehe.

Denn anstelle wie Jünger mystagogisch zu sein, also Fülle ohne detaillierten Inhalt zu präsentieren, versuche ich tatsächlich zu begreifen, wie eine Eigenschaft wie die Arbeit sich konkret in allen Lebensbereichen wiederfindet und so zu zeigen, wie allgegenwärtig sie ist.

Das Ziel ist dabei ein genuin anderes: Jünger beschwört im Arbeiter einen allgemeinen Willen, den er ’sich ausdrücken sieht‘, etwa in der Technik des 20. Jahrhundert. Dabei wird individueller menschlicher Wille nie thematisiert, sondern nur eine Art von ‚universellem Willen‘, der auf eine gänzlich ungeklärte Weise versucht, sich selbst auszudrücken.

Wenn Arbeit hingegen konkret sichtbar gemacht wird, dann hat der menschliche Wille hinter ihr einen eigenständigen Wert, sowohl im Vorgang der Arbeit als auch im Ergebnis. Bei Jünger geht es nur um den Weg, er ist das einzig Wichtige und das Ziel wird dadurch verklärt und somit unverständlich – meine Gedanken zur Arbeit streben eher in Richtung einer gleichwertigen Schätzung von Arbeit und Werk und einem Verständnis aller dabei relevanten Abläufe.

Zum Glück bestätigt Jünger seine mystischen Bestrebungen, die nichts mit planmäßiger Vorhersage irgendeines Ergebnisses des ‚waltenden Arbeitsprozesses‘ zu tun haben, den er in seiner Welt um 1930 am Werk sieht, auch selbst:  Es gehe ihm, so schreibt er an einer Stelle, vielmehr um eine Einheitlichkeit, die alles Erkennbare übersteigt, darum „die Gestalt, die Metaphysik, zu erraten“, die die Weltentwicklung bewegt.

Und das wiederum ist eine Klarheit in Bezug auf die eigene Agenda, die ich hoch schätze, auch wenn ich mit ihrem Inhalt und seinen Widersprüchen nicht übereinkommen kann: Hier steht jemand zu seinen Aussagen und kann das auch schreiben – eine Qualität, welche die Zerreißprobe Jünger in ihrer Paradoxiefähigkeit vervollständigt.

Denn im Arbeiter – der nicht ein einziges Mal das Wort „Ich“ als Zeichen für den Autor selbst enthält – ist Jünger als er selbst opportun und standfest zugleich. Zugunsten einer vollkommenen modernen Metaphysik der Masse und der Welt verschwindet mit der im Arbeiter vorangetriebenen Absage an das Individuum auch seine eigene persönliche Anschauung.

Das ist enorm konsequent und vor allem in seiner schriftstellerischen Umsetzung höchst bewundernswert. Es ist aber auch höchst anstrengend und enervierend.

Die einzige Position, die Jünger mit dem Arbeiter bezieht, ist eigentlich die des Kritikers. Dieser kann aber in Bezug auf das Weltverständnis, das seine eigene Kritik entwirft, nichts genau unter die Lupe nehmen und versuchen, Teile der Welt, mit denen er sich auskennt, zu verbessern – sondern er hält sich einfach nur in ihr auf.

Damit verbunden ist eine Absage an die Aufklärung, an die formale Sortierung und alles, was im klassischen Sinn Wissenschaft ist – gehalten jedoch im Duktus des Aufklärers (einer neuen Aufklärung?):

Die Kritik, der unbedingte Zweifel, die unermüdliche Arbeit des Bewusstseins haben einen Zustand gezeitigt, der die ungestörte Beobachtung des Kritikers erlaubt, der zu beschäftigt ist, um das Einfache zu sehen. Man wird finden, daß die Menschen nicht dort bedeutend sind, wo sie sich dafür halten – nicht dort, wo sie problematisch, sondern dort, wo sie unproblematisch sind.

Wieder ein Vexierbild: Er kritisiert die Kritiker als Kritiker, will das Einfache sehen, geht aber gerade auf die besondere, kritische Existenzweise ein und stellt damit einen speziellen, keinen allgemeinen Typ von Existenz vor.

Es geht also immer weiter mit den Paradoxien, nie wird man diese Schrift auf einen politischen oder gar philosophischen Nenner bringen können. Worüber man sich stattdessen streiten könnte und aus der heutigen Perspektive auf Jünger immer tun kann, sind seine ästhetischen Qualitäten.

Und diese waren es auch, die mich letztendlich gezwungen haben, dieses Buch beiseite zu legen, um meine Zeit nicht weiter zu verschwenden.

Das damit verbundene Urteil sollte klar sein – deshalb will ich zur Sicherung seiner Schlagkraft zum Abschluss nur ein kurzes Zitat aus dem „Narrenschiff“ von Sebastian Brant anführen:

Viel sind, die lang bei der Arbeit sitzen
Und schaffen doch kein besser Werk.
Das macht, sie sind von Affenberg
Und haben die Kunst nicht besser begriffen.

Und wenn bei Jünger alles arbeitet, dann auch wohl der Affe am Schreibtisch.


„Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt“ ist für 19 Euro als broschiertes Buch beim Verlag Klett-Cotta bestellbar.

2 Kommentare zu „„Der Arbeiter“: Ernst Jünger als Zerreißprobe“

  1. Sehr interessanter Beitrag! Es ist doch immer wieder spannend zu erfahren, warum jemand die Lektüre eines Buches abgebrochen hat. Darüber hinaus ist Jünger als Gegenstand meist fesselnd, wohl gerade auch deshalb, weil es so viele Mühen zu bereiten scheint.

  2. Gute Kritik.
    Erschreckend, aber auch erhellend, was Jünger (bezogen auf obige Zitate) so von sich gibt, insbesondere dies:
    „einem wütenden Frohlocken, des Blutes über den Geist, wenn das Vorspiel der schönen Reden beendet ist.“

    Da steckt etwas zutiefst anti-Intellektuelles hinter, eine bäuerische Überhöhung des Anpackens, in Ablehnung des „Haders“ , wie es die Nazis ausdrückten, oder
    „das Ideal der zupackenden Hand“, wie es Thea Dorn (als Kritik) formuliert hat.
    Die Überhöhung der Arbeit um ihrer selbst Willen, die nicht nur von rechts, sondern genauso von links und aus dem Protestantismus heraus kam, war eine entscheidende Voraussetzung für die Katastrophen des 20.Jhds. Nicht zufällig haben Nazis wie Kommunisten einen pseudoreligiösen Kult um die Arbeiter und Bauern gemacht, gepaart mit der Bedienung eines tiefsitzenden Hasses auf alles Denkende, der bis heute in erheblichen Bevölkerungsteilen zu beobachten ist.

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