J.D. Daniels: „Die Korrespondenz“

Zweiundvierzig Jahre ist der Autor alt und hat nun das erste Buch veröffentlicht. Reichlich spät?

korrespondenz-daniels

Nein: egal. Publizieren ist das letzte, was ein Schriftsteller wirklich tun muss. Erleben ist aber auch nicht so wichtig, zumindest nicht so sehr, wie es immer scheint.

Da kann man J.D. Daniels vertrauen, wenn er sagt, es gebe immer „noch so viele andere Dinge mehr, daß ich glaube, wenn man sie alle einzeln aufschriebe, wäre die ganze Welt nicht groß genug für die Bücher, die man damit füllen würde.“

Die sechs „Briefe“ in Die Korrespondenz, die eigentlich stilistisch perfekte Essays aus Reportagenmaterial und psychologischer Schonungslosigkeit sind, werden in allen Rezensionen des im Januar auf Englisch erschienenen Buchs wie auf dem Klappentext der Übersetzung bei Suhrkamp als eine Art Odyssee durch die unbestimmten Wellen dessen beschrieben, was in der „Moderne“ – was auch immer das wieder ist – an Männlichkeit übrig geblieben ist. Und als ich nach dem zweiten Essay nach einem Foto von Daniels gesucht und auch eines gefunden hatte, ging mir diese Deutungsrichtung auch nicht mehr durch den Kopf.

Was sie aber dennoch nicht richtiger macht.

Denn welcher Mann schreibt heute noch Briefe über Männlichkeit? Und wer von denen, wenn es sie überhaupt gibt, traut sich sogar noch an zwei, drei Stellen ein „Du“ zu schreiben? Ist das nicht alles reichlich unzusammenhängend?

Diese Fragen sind berechtigt – gewinnen aber auch wiederum deshalb an Eindrücklichkeit, weil sie gerade trotz des Soges von Daniels Schreiben an sich und seinen Geschichten von seinen Jiu-Jitsu Kämpfen in Brasilien, Gruppentherapien im amerikanischen mittleren Western, psychotischen Jugendfreunden und mehr gestellt werden wollen. Die Geschichten sind gut, aber sie reichen nicht.

Das ist das Problem. Das Problem an Daniels‘ Männlichkeit oder seinem diffusen Wunsch nach ihr ist die Tatsache, dass sie immer weiter hinterfragt werden kann und niemals einfach da ist, für ihn und durch ihn.

Seine sechs Texte werden durch diese Tatsache Monumente des Durchringens, obwohl sie ohne Weiteres an einem Nachmittag in einem Rutsch durchgelesen werden können – und auch so geschrieben scheinen: Denn obwohl sie so kraftvoll sind, stehen sie für nichts.

Den Briefpartner, der in Die Korrespondenz aus sechs verstreut in der Paris Review erschienenen Texten adressiert wird, diesen Briefpartner gibt es nicht nur nicht, er hat auch kein Interesse an der Existenz.

Daniels schreibt im luftleeren Raum der reinen Suche. Er weiß nicht, wo er hinkommt und nicht wohin es geht – und nicht mal das weiß er mit Sicherheit.

Bezeichnend ist es darum auch, das so viele seiner Szenen an Rändern des Lebens enden: In Wandschränken, an Straßenrändern, in Psychatrien.

Dort weiß man einfach am Wenigsten, wo anfangen – und das am Ende eines Lebensabschnittes, der nie wirklich begonnen hat, wie dieser sechsteilige Briefwechsel ohne Umschlag und Briefkasten, der durchaus das Potential, von einem Großteil der Welt gelesen zu werden.


Die Korrespondenz ist in der Übersetzung von Frank Jakubzik in der edition suhrkamp des Suhrkamp Verlags erschienen. Für 14 Euro kann der Band hier bestellt werden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s