Aufmerksamkeitsökonomie

In meiner vermutlich vorletzten Pflichtsitzung in einem Seminar an der Uni überhaupt wurde heute über den Unterschied zwischen Fakten und Fiktion in den Massenmedien diskutiert. Der Debatte wurde ein wissenschaftlicher Aufsatz über die Grenzen zwischen Reiseliteratur, Reportage und Journalismus als Fundament untergelegt.

Die Kernthese des 2004 – also vor den wirklich großen Debatten um Fake News oder Finanzkrisen – verfassten Textes ist im Prinzip die folgende: Die Massenmedien beherrschen im Alltag heute die Formen der Berichterstattung. Sie liefern Informationen so schnell wie möglich, denn der Leser sucht bei ihnen die Sensation, das Neue. Damit erreicht sie zugleich auch das größte Publikum.

Konsequenz, so der Autor (ein Literaturwissenschaftler), sei es für Künstler, sich den Bedürfnissen dieses Publikums anzupassen. Denn das Publikum habe nur eine begrenzte Zeitspanne, um sich mit der viel zu umfangreichen Menge an Informationen zu befassen. Sie selektieren dafür viel, sie planen, was sie lesen und was nicht. „Aufmerksamkeitsökonomie“ ist das Stichwort.

Um bei dieser Auswahl, die primär auf Unterhaltung zielt, muss ein Autor strategisch versuchen, wertvoll genug zu erscheinen, um bemerkt zu werden. Und das will ja im Grunde jeder Autor.

Der Knackpunkt ist aber eigentlich die Frage, um welchen Preis er das will. Denn muss man sich den Anforderungen der Aufmerksamkeitsökonomie ergeben? Ich glaube nicht. Man mag Strategien entwickeln, mit denen die Durchschlagskraft der eigenen Aussagen erhöht wird, aber nicht den Inhalt den Erwartungen der Öffentlichkeit unterordnen.

Ergebnis des Seminars war es, dass sich die Haltung zur Frage des „Ergebens“ in Angesicht einer Öffentlichkeit, deren Interesse zwar nicht dem eigenen entspricht (wie es bei jedem Künstler und Nischen-Journalisten wie mir etwa ist), stark geändert hat. Der „Wille zur Wahrheit“ wird derzeit größer – warum sonst würde so viel über Fake News debattiert werden? Und wenn die Öffentlichkeit mehr Wahrheit will, werden auch mehr wieder in ihrem Interesse arbeiten – und sie nicht für Unterhaltungswert eintauschen.

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