ULTRAROMANTIK. Ein MANIFEST von Leonhard Hieronymi

Der Stern einer fernen Galaxis zeigt die Krippe einer neuen literarischen Bewegung. Sie verschlagwortet sich als ULTRAROMANTIK und hat als Kernfusionspunkt den jungen Berliner Korbinian Verlag.

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Ich habe zum Einstieg in die Kritik dieses komplexen, widerborstigen Buches – das auf jeden Fall lesenswert ist! – ein diffuses Bild entwickelt. Es betrifft meine allgemeine Leseerfahrung bei Texten, die von Beginn an zeigen, dass sie etwas ganz bestimmtes wollen, die auf etwas deuten statt zu berichten oder zu verführen oder zu schweifen.

Solche Texte sind am eindrucksvollsten, wenn beim Lesen der Eindruck entsteht, dass eine Art riesige, unfassbare Steinmasse aufgetürmt auf einen zu kommen. Unmerklich langsam wächst etwas heran, das in seiner Willenskraft so stark ist, dass man das Gefühl bekommt, es habe die Macht, einen zu zermalmen. Um dies zu vermeiden, gibt es nur eine Lösung: sich an diesen Texten abzuarbeiten. Der Felsblock kann so zu einer grotesk massiven Menge Ideen werden, die aufgetrennt werden wollen zu kleinen Stücken, eigenen Abbauelementen zu transformieren. Er wird ein Steinbruch.

Das klingt metaphorisch schon recht pervers und intellektuell extrem anstrengend – hinzu kommt zu allem Überfluss aber noch, dass dieser Prozess schnell eine extrem lästige Angelegenheit werden kann, wenn sich nämlich herausstellt, dass Teile dieser Masse gar keine rigiden Ideen sind, sondern eher in den Fels eingelassene Luftblasen, in denen sich Teile von fremden Ideen verschanzen. Diese wurden als Ausgangspunkt für das endgültige Ideenmonster genommen, aber in der Folge clever getarnt, um ihren Einfluss zu verdecken. Der Steinbrecher, der solche Luftblasen entdeckt, fühlt sich in seiner Arbeit betrogen – und neigt, labil zu werden, in Ressentiments zu fallen.

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Manifeste wie der erste Teil (von dreien) dieses Buches hier sind für solche Ressentiments besonders anfällig, weil sie sich immer von etwas anderem abgrenzen, dessen Einfluss sie nicht vermeiden können – hier die deutsche Gegenwartsliteratur. Sie sind aber auch glücklicherweise immer ein dankbarer Steinbruch der Geistesblitze. Und solche Geistesblitze werden in diesem Manifest derart stark forciert, dass die wiedergekäuten Elemente nahezu durchweg unter den Tisch fallen.

Das ist gerade im Aphorismus, den Autor Leonhard Hieronymi mit seinen 20 Punkten für eine bessere Literatur in Deutschland in formaler Hinsicht heldenhaft in die Gegenwart zurückholen will, eine herausragende Leistung. Denn schnell kann in der Kürzestform einer Gedankenfigur abgekupfert werden. Insbesondere, wenn mit klassischen Gegensätzen gespielt wird, wie es dieses „Manifest der Sehnsucht“ (kann es so etwas überhaupt geben?) schon in seinen Selbstdefinitionsversuchen ständig tut.

So, das vorab.

Wer hier noch nicht ausgestiegen ist, dem will ich nun noch erklären, worum es geht.

Um Ultraromantik.

Was ist das?

Eine Bewegung – oder vielmehr der Wunsch, dass aus vielen verschiedenen Gedanken und Konzepten von Literatur eine Bewegung wird.

Deshalb ist Ultraromantik auch vieles: Ein „Appell für mehr Lebendigkeit, Action, Poesie, Fun und Wagnisse“zum Beispiel oder eine „romantische Variante des Cyberpunk“.

Im Grunde ist es eine Zusammenlegung der Romantik und Science-Fiction – die ja wiederum auch nichts anderes ist als zeitgenössische Phantastik, also der Romantik bei weitem nicht fremd ist.

„Wahrheit kann nicht gefunden werden, indem man einen Stift nimmt und versucht, ehrlich zu sein. Wahrheit entsteht durch Fiktionen.“

Das Eindrückliste an dieser Idee: Der nicht totzukriegende Wunsch an und in ihr, dass das Pathos wiederbelebt werden soll. Dass Affekte wieder zählen sollen und nicht ironisiert werden müssen. Das ist der emotionale Kern der Ultraromantik.

Und ihr Ausrufer Hieronymi – und man könnte durch den Stil des Textes meinen, eine großen Schar an Eingeweihten mit ihm – glauben dafür konsequent an das Manifest, so lächerlich es anderen auch scheinen könnte.

Das macht, dass, sollte die Ultraromantik keine wirkliche Bewegung werden, sie in jedem Fall für ihre Haltung bedacht werden sollte – schon das trennt sie nämlich von so beinahe allem, was sich heute sonst so Literaturbetrieb nennt und gegen den sich in diesem Buch ständig gewehrt wird.

Zeitgenössische Klischees halten sich aber dennoch tapfer zwischen den Zeilen, leider: Der pathologische Drang ins Außenseitertum hinein etwa – anstatt das Selbstbewusstsein so nach oben zu treiben, dass das Außenseitertum neue Norm wird. Oder der reflexartige Angriff auf die Postmoderne.

Oder die Liste an hundert Werken in der Mitte des Buchs mit Filmen wie Tarkovskys „Stalker“ oder Ransmayrs Roman „Morbus Kitahara“, die zusammen eine Art Kosmos der ultraromantischen Ahnung hergeben sollen, aber nur wie eine Art schwachbrüstige Heldentafel ausschauen, die so museal ist, dass es nicht klar ist, wie sie zur Inspiration gereichen kann. Listen sind eben leider nie literarische Form.

Der größte Streitpunkt dürfte aber wohl die negative Beurteilung der Langeweile sein – die in der Ultraromantik mit Belanglosigkeit gleichgesetzt wird und mit Sprunghaftigkeit eine bessere Antithese bekommt.

Das ist zu kurz gegriffen und dadurch den Rest des Werks stark belastend.

Denn Belanglosigkeit ist Effekt nicht von aller Langeweile, sondern nur von unästhetischer Langeweile – aber niemand sagt, dass sie selbst darum nie ästhetisch sein und somit trotz ihrer Eigenschaften sprunghaft wirken könnte. Faustregel, für alle Zeiten: Pauschalisiert niemals die Langeweile“

Ein Glücksfall ist es da für das Buch, dass gerade solche Pauschalisierungen, diese Art von Streitbarkeit den Kernaspekt ein Manifestes ausmacht – und er also genau getroffen wird. Wieso sollte ich auch sonst überhaupt über das Buch schreiben? Der Kritiker muss an einem Manifest per se immer die Unvollkommenheit sehen – denn was wäre sonst an ihm noch manifest?

Nur die beiden Erzählungen Hieronimyis, die den Band nach dem Manifest und der Liste beschließen, stellen auf den ersten Blick die perfekten Opfer dar, um mal richtig mit dem Verrisshammer auf das Buch draufzuhauen.

Mit der Schlagkraft der stilistisch brillanten Manifest-Passagen im Rücken sind aber auch sie ziemlich gut gepanzert und entziehen sich inhaltlich außerdem in eine undefinierte Zukunft, die schwer zu bewerten ist. Sie sprechen von Unsterblichkeit, Identitätsproblemen, Versuchen, neues Verlangen zu spüren – Kernanliegen der Ultraromantik, die die damit verbundene pathetische Art, Science Fiction zu schreiben, klassisch-romantisch ganz einfach Sehnsucht nennt.

Beide Erzählungen sind daher auch im Grunde gut geschrieben. Sie haben einen Sog, sie beweisen Gespür für Rhythmus, außergewöhnliche Details und ironische Spitzen, die sinnhaft sind.

Aber eines fehlt.

Liebe fehlt.

Und das ist schon grundlegend seltsam.

Von allem wird in der Ultraromantik gesprochen: Von Ekstase, von Gefühlen, von Leidenschaft – alles ist eigentlich nietzscheanisch, rauschhaft-dionysisch und ehrlich im Affekt.

Aber alles das bleibt ab einem gewissen Punkt zwecklos, weil unvollendet: Die Ultraromantik hat nicht den Wunsch, romantisch zu sublimieren. Sie will keine Endlosigkeit in einem konkreten Gefühl wie der Liebe.

Vielleicht kann sie es auch einfach nicht. Das wäre aber schade.

Denn ich glaube, eine vollendete Ultraromantik, wie sie das Buch mir andeutet, wäre eigentlich die endliche Potenz einer allumfassenden Liebe.

Einer Liebe, die pathetisch, willensstark jeden Gegenstand als ultimative Hoffnung sieht, als einen Weg zu einer neuen, Leib und Seele zerfressenden Form der Sehnsucht.

Verlangen im Futurismus quasi – Sehnsucht nach der Liebe zu, mit und trotz Maschinen. Ich glaube, das sieht die Ultraromantik (noch) nicht: Die Tatsache, dass im abgeklärtesten, selbstbewusstesten Drang immer auch eine Liebe steckt, die erhöht werden will und merkt, dass die Mittel dazu da sind. Man muss sich nur trauen.

Ich hoffe, dass sich die Ultraromantik bald traut, mit ihren Mitteln über die Liebe zu sprechen. Ihre Tatkraft, ihr Intellekt zeugen davon, dass sie es könnte. Oder aber sie tut es bereits – und ich verstehe es einfach nur (noch) nicht.


ULTRAROMANTIK ist im Korbinian Verlag erschienen. Es kann für 12 Euro hier gekauft werden.

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