Die Kunst des Essays, demonstriert an Novak Djokovic

David Foster Wallace hat mir zwei Dinge beigebracht: Rauschhaftes Lesen und die Mystik des Tennisspiels. Er hat mich zu einem herzrasenden Leser und zu einem Liebhaber des Agons, des griechischen Kämpferideals, im modernen Sport gemacht.

Seit jetzt vier Jahren verfolge ich – mal mehr, mal weniger, am meisten rund um Wimbledon – die ATP und WTA World Tour. Ich habe viel dabei gelernt, so bescheuert das vielleicht auch klingen mag: über Körperästhetik, Bewegungsabläufe, physischen Stil  und die Tücken der TV-Übertragung. Ich habe Begriffe von Taktik, Beherrschung und Neurosen gewonnen – und viele Persönlichkeiten entdeckt.

Aber es gibt einen Spieler, den ich nie scharfstellen konnte: Novak Djokovic.

Der war 2013 am Beginn seines erfolgreichsten Karriereabschnitts, gewann 2015 drei Grand Slams. Dieses Jahr schied er bei allen bisherigen der vier großen Turniere spätestens im Viertelfinale aus.

Ein Auf und Ab, das jedem genaueren Beobachter eigentlich genug Stoff für Analysen geben dürfte.

So ist es zumindest bei anderen Spielern. Bei Roger Federer etwa, der sich in den vergangenen Monaten und Jahren immer wieder etwas Auszeit gönnte, war klar, dass er sie diese nahm, um bei großen Turnieren, wie jetzt in Wimbledon, nochmal anzugreifen. Rafael Nadal hatte, das wurde spätestens in diesem Jahr deutlich, immer nur ein Ziel: Für immer der Rekordsieger der French Open sein.

Aber was will Djokovic? Diese Frage konnte ich nie lösen

Brian Phillips, in einem Essay für die NYT, ging und geht es genauso:

You think of Djokovic and your brain starts buzzing with contradictions.

Ich war so froh, diesen Text gefunden zu haben. Endlich fühlte ich mich in dieser quälenden Unsicherheit bestätigt – die wirklich nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist, wenn einem etwas so am Herzen liegt wie mir die Beschäftigung mit diesem Sport.

Umso glücklicher war ich am Ende der Lektüre, als ich feststellen konnte, dass es sich bei Phillips Text auch noch um ein Exempel wahnsinnig guter Prosa handelt. Es ist Tennisjournalismus, der mit einer Eloquenz betrieben, von der viele – mich eingeschlossen – wohl nur träumen können. Phillips macht in ihm viel aus einer scheinbar so nichtigen Sache: seiner Hilflosigkeit angesichts einer vielfältigen, aber nicht greifbaren Persönlichkeit.

Djokovic is nowhere, a mysterious casualty of no one’s sure exactly what. At the same time, he’s everywhere, like a king on sick leave. Like an unanswered question.

Phillips trifft einen Ton, von dem ich seit Wallace’s (ebenfalls in der Times erschienenen) Essay „Roger Federer as Religious Experience“ gedacht hatte, dass er nie mehr besser zu treffen sein wird: einen Ton der poetischen Differenzierung.

Alles, was er an seinem Gegenstand nicht versteht, nimmt Phillips hier zusammen und erschafft sich einen Djokovic, als körperlosen Sportler, er versucht, ihn in seiner psychologischen Essenz zu greifen.

He’d always been tightly wound, a performer, a sideways glancer, at ease only in those brief intervals when the crowd bathed him in adoration. Now he added to this root nervousness a kind of wild-eyed, sped-up fidgetiness, like someone who’s got the jitters because he can’t sleep.

Solche Sätze sind alles: einfühlsam, kritisch, reflektiert – aber niemals selbstverständlich.

Eine solche Qualität aus der Ansicht eines Körpers, der mit einem Schläger einen Ball über ein Netz befördert, zu holen ist große Kunst.

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