Düsseldorfer Rundgang 2017: Tim Löhde und Melinka Pixis

Ein guter Museumsgang prägt Bekanntes ein und verankert Neues.

Demnach war mein heutiger in der Düsseldorfer Kunstakademie ein vollendet erfolgreicher, von dem ich kompakt mithilfe von zwei Abschlussarbeiten berichten kann, die mich von allen beim neuesten „Rundgang“ am meisten beeindruckt haben.

Tim Löhde: Vollkommen fragmentarisch

Zuerst die (mir) bekannte(re), die ich aber auch noch nie gesehen hatte zuvor: Sie wurde von Tim Löhde aus der Abschlussklasse von Andreas Gursky konzipiert. Es ist eine Soundinstallation – von der Fotos nur bedingt Sinn machen, aber dennoch:

loehde-installation-1

Ich habe das extravagante Glück, den Herrn Künstler ein wenig zu kennen und konnte so von ihm ein wenig über dieses doch recht kryptische Stück erfahren – dessen Klänge, durch Schallplatten und den Flügel entstehend, es tatsächlich auch zu einer Komposition machen.

Vieles ist davon erzählenswert, ich will mich aber auf drei Punkte beschränken.

Erstens: das Thema. Historisches Fundament ist das Seikilos-Lied, eine Inschrift auf einer antiken Stele, die ein Liebender seiner Geliebten, hunderte Jahre vor Christ Geburt, in ihr Grab gelegt hat. Dieses Lied, bearbeitet und mit erzählendem Text über seine Geschichte kombiniert, ist die Grundlage für den Klang.

Zweitens: der Konzertflügel als Monument. Die fragilen, abstrakten Klänge, die Löhde auf die Schallplatte (eigenhändig) gepresst hat, stehen im krassen Kontrast zum ultraschweren, ultraklassischen und auch ultraschönen Flügel. Er verleiht dem Anblick der Klänge Schwere und Macht.

Drittens: das Fragment als Konzept für das Überleben des Künstlers. Trotz der Kraft des Flügels ist aber alles an diesem Konzept unfertig. Der Text des Liedes ist nicht verständlich, die Musik verfließt, die Entstehung ist unklar. Für den Künstler ist das ein Glück: Denn er kann immer neue Bedeutung in seiner eigenen, materiell abgeschlossenen Kunstproduktion entdecken.

Melinka Pixis: Text als farbige Textur

Um mir die Erklärung zu liefern, warum mich aber nun gerade diese Elemente an der Installation so fasziniert haben, dafür stand ein zweiter Abschlusswurf parat: „Konvex & Konkav“ (oder vielleicht auch umgekehrt…) von Melinka Pixis.

Sie hat Mobiles aus großen Blech(?)platten gefertigt, die der Durchzug zum Wehen brachte. Wie eine Zauberformel war der Boden unter ihnen mit einer Spirale von fortlaufendem Text beschrieben.

pixis-konvex-1

Wer ihn lesen wollte – und natürlich wollte ich – musste mantraartig im Kreis gehen, dabei aufpassend, nicht mit den Mobiles zusammenzustoßen. Und wurde dabei unweigerlich aus dem Takt gebracht. Mal verschob sich der Blick eine Zeile nach innen oder nach außen – konvex oder konkav eben.

Schnell war mir klar: Ich muss mich mit Abschnitten des Textes begnügen, der wohl ein Ausschnitt aus Calderons Drama Das Leben ist ein Traum (La vida es sueño) war. Und als ich das tat – da bemerkte ich erst den Boden unter den Worten, ihren Schreibgrund, wirklich bewusst.

Ich merkte: Er ist es, der ihnen erst ihre echte Eigenart gibt, er macht die Fragmente, die einzeln lesbar konnte, zu dem vollkommen, was sie als Wirkung sind – mit seinen Furchen, Farbflecken und dunklen Stellen.

Und das ist die Qualität, so glaube ich, die beide Werke verbindet  – und somit der Leitfaden, den ich ihnen als eingebildeter, selbstbewusster Kritiker nun mal anbinden muss: Es handelt sich um romantische Kunstwerke.

Sie sind sinnlich, aber textuell sinnlich. Sie schreiben je nach Situation dem Betrachter neues in den Kopf. Sie sind dem Zufall ausgesetzt – dem Wind, den Raumbedingungen, der Technik–, sie arbeiten mit allen Elementen. Sie sind massiv und fragil zugleich.

Wie ein Fragment eben: das auf der Seikilos-Stele, der Ausschnitt aus dem Drama, wie das Leben, das ein kurzer Traum ist.

pixis-konvex-2

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