Lyrik/Barriere #3: Karoline von Günderrode – „Der Adept“

Wissen und Weisheit – sie zählen nicht, das ist schwierig zu begreifen. Beweisen kann das jemand, dessen Dichtung das Unbekannte darum herum so einfach fasst, wie Karoline von Günderrode.

Der Adept

Ein Weiser, der schon viel erforschet,
Doch nie des Forschens müde war,
Gelangte einst zum Indier Lande,
Nach manchem langen Wandrungsjahr.

Die Priester dieses Landes rühmen
Sich viel geheimer Wissenschaft,
Sie wissen Seyn und Schein zu trennen,
Und kennen aller Dinge Kraft.

Zum Schüler läßt sich Valus weihen,
Verbindet sich durch einen Eid,
Geheimnißvoll, zu diesem Orden,
Wie es der Priester ihm gebeut.

Wie eitel all sein vorig Wissen;
Das siehet bald schon Valus ein,
Kannt’ er doch nie der Dinge Seele
Begnügt’ an Namen sich und Schein.

Eins sieht er nun in jeder Summe,
Sieht den Naturgeist immer neu
Und immer alt in ew’gen Wandel
Wie er in allen Formen sey.

Jetzt kann er die Natur belauschen,
Er kann ihr tiefstes Wirken schaun,
Weiß, wie die Stoffe sich vermählen
Und wie die Erden sich erbaun.

Jetzt giebt man ihm die dritte Weihe,
Ein Vorzug wen’ger Weisen nur;
Denn sie, die alles sonst durchschauten
Beherrschen jetzo die Natur.

Nachdem er dreimal so geweihet,
Hat er den großen Schritt gethan,
Der seines Lebens lange Reise
Geschieden von der Menschheit Bahn.

Viel Zeiten gehn an ihm vorüber,
Er siehet die Geschlechter fliehn,
Und bleibt allein in allem Wandel,
Indes die Dinge kommen, ziehn.

Nachdem er oft den Kreis gesehen
Den immer die Natur gemacht,
Ergreiffen Schauder seine Seele,
Denn Alles kehrt wie Tag und Nacht.

Der Neuheit Reiz ist ihm verlohren,
Er kennet was die Erde trägt,
Er findet sich allein auf Erden,
Die Menschen sind nicht sein Geschlecht.

Geleert hat er des Lebens Becher
Und lebet immer, immer fort,
Er kann dem Meere nicht entsteigen
Und hat gelandet doch im Port.

Weh’ dem! ruft er: der auf dem Gipfel
Des Daseyns also stille steht.
Nicht Ew’ges kann der Mensch ertragen,
Und wohl ihm, wenn er auch vergeht.

**

So viel ist leicht und beeindruckend in diesem Text. Aber das Fazit ist leicht wie ein Windhauch der Erkenntnis.

Faszinierend ist auch der Orient/Exotik-Bezug, der natürlich ziemlich stereotyp ist – aber hier in eine Fantastik umspringt. Denn alles wird nur evoziert, aus der Lehre des Buddhismus genommen, umgewandelt in echte Unsterblichkeit, die ein Laster ist.

Und diese Transformation macht das Gedicht, so glaube ich, zu einem einzigartigen. Denn am Ende ist es egal, wovon am Anfang erzählt. Irgendwann, auf einmal tut er den „Schritt […], der seines Lebens lange Reise geschieden von der Menschheit Bahn“ – und er ist entfremdet, vom einen Moment auf den anderen.

Es entfaltet eine Leichtigkeit – eine quälende Leichtigkeit. Sie ist es, dich mich in den letzten Tagen immer wieder zu diesem Gedicht hat zurückkehren lassen.

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