Der Körper in der Gesellschaft

Ein neuer Eindruck, der sich in der Hitze bei mir öfter deutlich macht: Es wird zu wenig über Physiologie geredet.

Zugegeben: Medizinstudenten werden das anders sehen. Aber sonst glaube ich, damit recht zu haben.

Denn Physiologie ist etwas anderes als Körperkraft; es ist nicht Physis, nicht aufgepumpte Muskeln. Sondern das Leib-Seele-Problem und das geistige Verhalten zum eigenen Fleisch.

Natürlich ist sie auf rein materiellem Wissenschaftslevel auch etwas, vieles anderes: Stoffwechsel, Bewegungsabläufe, Organkooperation, alles das. Aber sie ist für Geist primär ein Begriff, sich das alles als Einheit des Selbst vorzustellen.

Gottfried Benn hat viel darüber geschrieben, und die Romantiker – die, wie ich heute gelernt habe, immer Kommas hinter „und“s gesetzt haben.

Heute wird aber kaum mehr öffentlich darüber diskutiert, was es für den Geist heißt, einem Körper zugehörig zu sein.

Ich kann nicht beurteilen, ob es früher deutlich anders war, aber mir scheint es so.


Novalis: Bergmannslied

Der ist der Herr der Erde,
Wer ihre Tiefen mißt,
Und jeglicher Beschwerde
In ihrem Schoß vergißt.

Wer ihrer Felsenglieder
Geheimen Bau versteht,
Und unverdrossen nieder
Zu ihrer Werkstatt geht.

Er ist mit ihr verbündet,
Und inniglich vertraut,
Und wird von ihr entzündet,
Als wär sie seine Braut.

Er sieht ihr alle Tage
Mit neuer Liebe zu,
Und scheut nicht Fleiß und Plage,
Sie läßt ihm keine Ruh.

Die mächtigen Geschichten
Der längst verfloßnen Zeit,
Ist sie ihm zu berichten
Mit Freundlichkeit bereit.

Der Vorwelt heilge Lüfte
Umwehn sein Angesicht,
Und in die Nacht der Klüfte
Strahlt ihm ein ewges Licht.

Er trift auf allen Wegen
Ein wohlbekanntes Land,
Und gern kommt sie entgegen
Den Werken seiner Hand.

Ihm folgen die Gewässer
Hülfreich den Berg hinauf;
Und alle Felsenschlösser,
Tun ihre Schätz’ ihm auf.

Er führt des Goldes Ströme
In seines Königs Haus,
Und schmückt die Diademe
Mit edlen Steinen aus.

Zwar reicht er treu dem König
Den glückbegabten Arm,
Doch fragt er nach ihm wenig
Und bleibt mit Freuden arm.

Sie mögen sich erwürgen
Am Fuß um Gut und Geld,
Er bleibt auf den Gebürgen
Der frohe Herr der Welt.

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