Hans Blumenberg: „Schriften zur Literatur 1945-1958“

Ein Ausflug in ein Laboratorium des dialektischen Vokabulars.

Bei Hans Blumenberg, auch wenn er oft widerspenstig, manchmal sogar ungewollt dunkel schreibt, ist immer die Lust am Geist zu spüren. Seine „kleinen Formen“ über die Kunst des Schreibens sozusagen – seine Rezensionen, kulturkritischen Glossen und halbelaborierten Aufsätze zur Literatur, die in dem neuen Band „Schriften zur Literatur 1945-1958“ versammelt sind – beweisen dies: widersprüchlich, erhellend und spannungsvoll.

blumenberg-schriften-zur-literatur

Es handelt sich um Schriften aus jungen Jahren, datiert von Blumenbergs fünfundzwanzigsten Jahr bis zu seinem achtunddreißigsten. Der erste von den Herausgebern Alexander Schmitz und Bernd Stiegler miteinbezogene Text thematisiert  Dostojewskis Novelle „Die Sanfte“ und wurde zwei Jahre vor dem ersten Druck eines Aufsatzes Blumenbergs überhaupt von ebendiesem verfasst.

Die Herausgeber attestieren den versammelten literaturkritischen Schriften eine Funktion, die therapeutisch und utopisch zugleich zu sein scheint: Sie seien eine „Auseinandersetzung mit einer Krisenerfahrung, bei deren Bearbeitung, wie Blumenberg unterstreicht, gerade der Literatur eine besondere Bedeutung zukomme.“ Diese Krisenerfahrung ist sebstredend der 2. Weltkrieg, die Auseinandersetzung ein Ausdruck des Wunsches nach einem Fortfahren des Denkens nach diesem Grauen.

Darauf kann aber nicht allein der Fokus liegen, wenn dieser Band heute als bedeutsam gelesen werden soll. Denn dieses Urteil würde Blumenberg zu einem bloßen „Philosophen seiner Zeit“ machen. Dies wäre ihm gegenüber aber nicht fair. Denn aus den Texten spricht eine politische Haltung, die überzeitlich gültig und deutlich weiter zurückblickend ist – und zwar eine der Moderne zugewandte, konservative Haltung.

Das heißt: Es gilt für Blumenberg, diesen eloquenten Aufklärer, das Ideal des Klassischen. Seine eigene Paraphrase des Kritikverständnis von T. S. Eliot, das hier auch vergangene Woche Thema war, kann an ihn selbst angeheftet werden: „Nicht ein fester Bestand ist das Klassische, sondern das, was immer wieder höchste Gefährdung »besteht« – die Gefährdung nämlich der Gegenwart. Und der Kritiker ist es, der sie vertritt. Er ist so etwas wie der Funktionär der Zeit, die Bewahrerin ist, indem sie Zerstörerin ist.“

Nichts anderes ist Blumenberg – und bis zu einem gewissen Grad die Auswahl für den neuen Band – auch. Was aber leider auch dazu führt, dass zum Beispiel kein einziger Aufsatz über eine Schriftstellerin vorhanden ist, dafür je zwei über Ernst Jünger, William Faulkner und Evelyn Waugh – sind die großen Namen der Moderne doch fast allesamt männlich (ich empfehle zur Abgewöhnung dieses Übergewichts die Gedichte von Marianne Moore).

So steht drum auch in seinem Hemingwayaufsatz: „Der ‚Mann‘ Hemingways ist kein Ideal, keine glorifizierte Steigerung vom Typus des Übermenschen. Er ist die gemäße, die notwendige Lebensform in einer Welt, die uns schlägt und uns zerschlagen wird, wenn es nicht gelingt, eine ganz auf Durchstehen angelegte ‚Igelstellung‘ des Menschlichen zu beziehen. Der Mann ist eine verhärtete Rückbildung des Menschen, kein Zweifel; aber erst in dieser Reduktion ist der Mensch nicht mehr besiegbar.“ Das ist ein klares Urteil pro Männlichkeit im reaktionären Wildheitssinn, die der Autor auch nicht ganz von sich selbst als Mensch fernhalten kann.

Glücklicherweise geht es dem Kritiker Blumenberg aber auch immer um Kunst im Großen, nicht allei num mindere Interessenvertretung – und zum weiter gesteigerten Glück für Leser, die ebenfalls kritisch sein können, weiß Blumenberg das.

Deshalb gibt es, so auch in genanntem Aufsatz zu Hemingway, fast immer auch gegenläufige Passagen, mit denen nicht nur ich, sondern wohl auch viele andere unumwunden einverstanden wären, die Lust auf eine Auseinandersetzung mit den Text (nicht eine bestätigende Lektüre) haben. Wer könnte etwa diesem labilen Eingeständnis widerstehen, das kaum noch Männliches an sich hat: „Hemingways Stil ist voller Protest gegen Rhetorik, er ist voller Furcht schon vor dem Phantom der Rhetorik.“

Die Tendenz zu dieser ständigen Gegenläufigkeit, einer argumentativen Pendellogik quasi, ist Ausdruck einer zutiefst notwendigen Dialektik in Blumenbergs Ansatz, Kunst zu kritisieren, einer Demut gegenüber der Bedeutungskraft von Worten und Literatur, die die Fähigkeit des einzelnen Menschen immer nur übersteigen wird.

Egal wie überzeugt er selbst von etwas sein mag, vergisst Blumenberg daher alle Attitüde, sobald er die Feder in die Hand nimmt. Wie es sich für dialektische Bewegungen gehört, gibt es natürlich auch dabei eine Ausnahme: seinen Würdigungsaufsatz zum 80. Geburtstag von Thomas Mann. Der ist derartig schwülstig und anbiedernd verfasst, dass es beschämt.

Aber wie die Dynamik der Intelligenz pendelt nun mal immer weiter und so findet sich gerade in diesem Text, der erst abstoßend wirkt, wiederum ein Satz, mit dem vielleicht am ehesten die spielerische Fülle, die experimentierende Philosophie mit der Literatur des Hans Blumenberg zusammenfassen lässt. Ein Satz, der das Bild andeutet, nach dem seine Arbeit, die immer eine friedvolle, bedachte und fleißig arbeitsame statt affektierte ist, strebt. Ein Bild der paradoxen Vollkommenheit:

Es ist der große Mensch, der das Recht auf das Ganze hat, das er in sich trägt, mag es in der realen Welt noch so ins Unkenntliche zersplittert sein.


Die „Schriften zur Literatur 1948-1958“ von Hans Blumenberg wurden, wie oben bereits gesagt, von Alexander Schmitz und Bernd Stiegler herausgegeben und sind, wie auch der Rest des Werks Blumenbergs, im Suhrkamp Verlag erschienen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s