Die Sonnenbrille gegen Metapolitik

Wenn Metapolitik die UV-Strahlung ist, dann…

Metaphern sind immer hilfreich, um eine politische Haltung durchzusetzen. Das gilt gerade für politische Aktion, die nicht sofort als solche erkannt wird – wobei der Fachterminus für solche am ehesten Metapolitik sein dürfte:

Metapolitik (aus griech. μετά [metá] = „danach, hinter, jenseits“ und Politik) ist die Theorie der Politik, die reine, philosophische Staatslehre, die nicht von einem bestimmten Staatswesen ausgeht oder sich auf ein solches bezieht.

Metapolitik – ein Begriff, für dessen Kenntnis ich meiner Entscheidung zu diesem Blogprojekt im höchsten Maße verpflichtet bin – strahlt mit UV-Licht-Qualität. Sie ist normalerweise nicht zu sehen, trotzdem ist sie da.

Aber: Ist sie wirklich nicht zu sehen? Doch – aber nur mit der richtigen Sonnenbrille. Diese gilt es, aufsetzen zu können, denn Metapolitik kann durchaus schädlich sein.

Mir ist klar, dass diese Metapher hinkt. Mir fällt aber gerade nichts Besseres ein.

Was ich sagen will: Das Internet, in jedem Fall in den Bezirken der Grabenkämpfe zwischen links und rechts, die man ganz einfach durch Likes verschiedener Nachrichtenquellen mit unterschiedlichen Schwerpunkten in der eigenen Chronik reproduzieren kann, ist voll von Metapolitik.

Und ich will dafür votieren, zu lernen, sie zu erkennen.

Ein Beispiel dafür, das wie so vieles derzeit aus den USA stammt, wo die Gräben am tiefsten und die Lichtwaffen am stärksten sind: Ein Artikel der Epoch Times mit dem Titel „Jordan Peterson Exposes the Postmodernist Agenda“.

Peterson ist der Guru vieler junger Menschen in den USA, die sich auf Elementares, Natürliches, Wahres zurückbesinnen wollen, aber auch hip bleiben wollen. In den professionell produzierten Videos seiner vielen Vorträge geht es um Moral, Wahrheit, Glauben, Selbstbestimmtheit, Stärke, Recht und Gesellschaftssysteme. Ein Beispiel:

Es lohnt sich, diese Videos anzusehen. Für mich persönlich insbesondere aus folgendem Grund: Peterson ist kein Narzisst mit einer Machtbesessenheit in Bezug auf sein Publikum bzw, sein Gegenüber – aber er ist kurz davor. Rhetorisch gesehen hat er seine Zuhörer immer voll unter Kontrolle, sein Redefluss ist ununterbrechbar und jede Sekunde prägnant. Das ist ihm nicht zu verübeln, gerade weil sein ehrliches Ziel dennoch zu sein scheint, sein Publikum mit eigener Denkkraft auszustatten.

Diese Dynamik ist aber inhärent janusköpfig. Denn immer tritt dieser Mann als ein Indoktrinator auf. Jedes Argument, dass ihm gegenüber gelten könnte, wird wild abgestempelt und rhetorisch unterminiert – so auch die Gegenargumente im Kapitalismus oben im Video.

In der Beurteilung dieses Umstands, der für mich absolut evident ist, gilt es aber nun, besonders vorsichtig zu sein: Denn dieses Auftreten sagt nichts über Petersons eigene politische Ziele aus. Viel mehr jedoch ermöglicht es anderen, ihre metapolitischen Ziele mit Glaubwürdigkeit auszustatten.

Womit ich endlich auf den bereits zu Beginn verlinkten Artikel zurückkomme. Der macht nämlich genau das: Aussagen Petersons werden in einer bestimmten Reihenfolge reproduziert, um am Ende auf eine einzige Aussage zuzusteuern, im Grunde die einzig genuin eigene des für den Beitrag verantwortlichen Autors und zwar diese:

Communism is estimated to have killed at least 100 million people, yet its crimes have not been fully compiled and its ideology still persists. The Epoch Times seeks to expose the history and beliefs of this movement, which has been a source of tyranny and destruction since it emerged.

Das ist historisch auf so vielen Ebenen unreflektiert und falsch, dass bei der Aushebung dieser Aussage mit dem banalen Hinweis begonnen werden müsste, dass nicht „der Kommunismus“ 100 Millionen Menschen ermordet hat – sondern Menschen 100 Millionen Menschen.

Das ist genauso pervers – aber zumindest ideologiefrei argumentiert. Denn darum geht es in der Metapolitik: Eine gegnerische Ideologie als falsch darzustellen, um indirekt das Gegenteil zu propagieren oder aufzubauen suchen, ohne es sofort ebenfalls als Ideologie entlarven zu müssen.

Alles hat mit kritischer Betrachtung nichts zu tun. Vielleicht will die Welt ja auch gar nicht mehr kritisch sein. Aber dann wird sie zwangsläufig ideologisch. Diese Dialektik ist unwiderlegbar. Aber die Entscheidung für eine der beiden Seiten kann mit der richtigen Sonnenbrille jeder frei treffen.


(Kunst hat solche Probleme übrigens nicht, falls jemand doch merken sollte, dass er bei all dem einen Rettungsanker braucht. Gut passt dazu auch, dass heute Wimbledon anfängt. Tennis ist immer eine gute Metapher für geordnete Kampfdiskussion.)

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