Karl Friedrich Borée: „Frühling 45“

Manchmal, um den Einfluss eines Buches auf das Leseverhalten, den Wissenstand, ja auch auf das ganze Leben einzuschätzen, hilft es, sich zu fragen, ob es einen Eindruck hinterlassen hat – oder ob es einen vielleicht sogar geprägt hat.

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Die Steigerung in dieser Unterscheidung ist beabsichtigt und hängt mit der Art und Weise ab, wie die Handlung im Gedächtnis bleibt. Soviel aber vorab: Beides ist nicht selbstverständlich und spricht für ein herausragendes Stück Literatur.

Ich verstehe unter einem Buch, das mich prägt, eines, dessen Handlung mir später zwar nicht (mehr) in allen Einzelheiten präsent ist, dessen Gesamtwirkung mich aber nie wieder ganz verlassen wird. Eindruck hingegen hinterlässt ein Buch mit bildhaften Episoden, mit vom ersten Moment an plastisch anwesenden Figuren. „Frühling 45“ ist ein Buch der zweiten Sorte.

Bereits beim ersten Durchblättern heute, einige Wochen nach der Lektüre, erstehen die Personen dieses Romans, so als wären sie Nachbarn, die man wieder einmal sieht, erneut auf. Das Gewohnheitsehepaar mit dem Mann als Erzähler, seine Geliebte, ihre Tochter, deren Verehrer… – Und genauso der Ort, an dem sich die mehr als 400 Seiten abspielen: ein kleines Dorf am Rande Berlins, am Rande zur Stunde Null.

Nichts wäre müßiger als ihre Geschichte nachzuerzählen, die Borée selbst aus Tagebüchern rekonstruiert und lebensecht (mit verfremdeten Namen) Revue passieren lässt. Seine Literatur ist dabei schonunglos, einfühlsam, distanziert aristokratisch und vor allem immer menschlich.

„Das Leben kam zu einem dichteren Bewußtsein seiner selbst.“

Die existenzbedrohende Situation des belagerten Berlins wird dadurch greifbar, allgegenwärtig und handfest. Immer bleibt sie kritisch beobachtet die Folie aller Erzählstränge – und führen diese noch so weit in die heilere Vergangenheit oder in die total ungewisse Zukunft hinein.

Politisch ist das Buch seiner Natur nach selbstverständlich auch. Borée erweist sich dabei als jemand, den wohl jeder gern selbst in seinem Wohnzimmer zu einem Glas starken Alkohols sitzen haben wollen würde, um mit ihm gewitzt, geistreich und immer den Selbstzweifel zu seinem Recht kommen lassend zu debattieren. Aristokratische Attitüde treffen im dem Lesern unmissverständlich nahekommenden Hauptcharakter und Ich-Erzähler auf trostlos nihilistisch geprägten Gerechtigkeitssinn.

„Für den Liberalismus im geistigen Sinne, der heute einen starken Schuß Sozialismus enthalten muß.“

Das ist explosiv und heimatlich zugleich. Am Schluss kauft man dem Buch darum auch das Ende nicht ab, das querläuft zu dem des Krieges, mit einer privaten Veränderung der Lebenswelt, die im Missverhältnis zu Weltpolitik steht und dort auch bleiben muss – aber auch eigentlich das wahre Abenteuer bedeutet: das der Suche nach Liebe. Dass gerade dies unerzählt bleiben muss, das ist die große Negativpointe des Romans, der aber nicht die Schuld daran trägt – sondern ebenjener Krieg, der damals alles in den Schatten stellte und all dem auch nach seiner Schlussfanfare lange nicht erlaubte, aus seinem Schatten herauszutreten.


„Frühling 45“ von Karl Friedrich Borée ist vermutlich die wichtigste literarische Neuentdeckung des Jahres. Das sage ich nicht einfach so – und auch nicht, weil ich auch mit dem Lilienfeld Verlag zusammenarbeite, in dem das Buch erschienen ist. Ich sage es, weil es stimmt und weil ich es aufgrund seiner rein inhaltlichen Fülle – ganz abgesehen von seiner stilistischen Qualität niemals adäquat zusammenfassen werden kann.

Dass es ein herausragendes Beispiel für die Arbeit dieses kleinen, fleißigen Verlagshauses ist, kann mir aber auch niemand nehmen zu sagen. Bestellt werden kann der Roman hier.

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