Fakten und Geschmack: T. S. Eliots Essay „The Function of Criticism“

Es geht heute um einen Essay von T. S. Eliot.

Und weil das so ist, muss ich vorher ein paar Sätze zum Thema Vorurteile gegen Denker, Schriftsteller und überhaupt Intellektuelle jeder Art loswerden.

In linken Kreisen sind bestimmte Leute schnell verpönt. Nietzsche gilt als egoman und frauenfeindlich, Heidegger als Nazi – und Eliot (sofern er überhaupt bekannt ist) wie etwa auch Ernst Jünger als AUSSCHLIEßLICH REAKTIONÄR.

Das ist zu kurz gegriffen. Immer. Die einzelnen Aussagen stimmen oft, ja – aber sie stimmen auf eine Weise, die es umso notwendiger macht, sich intensiver mit ihnen zu befassen.

Ich will mich bei dieser Frage auch gar nicht weiter aufhalten, ob solche Leute gelesen werden dürfen oder nicht: Man darf. Das ist Freiheit – und selbstständiges Denken wird durch die unterschiedlichsten Ansichten nur gefördert, wenn man es richtig anstellt.

Indirekt hat dieser kleine Schlenker auch mit meinem heutigen Hauptthema zu tun. Es soll um den Essay „The Function of Criticism“ („Die Funktion der Kritik“) gehen – ein Essay, den es leider nicht online zu lesen gibt, sondern nur in der deutschen Werkausgabe von Eliot und dem englischen Sammelband „Selected Essays“.

Es ist ein kurzer Text. Er wurde 1923 veröffentlicht, vier Jahre nachdem Eliot seinen berühmtesten Essay „Tradition and the Individual Talent“ publiziert hatte. Wie dieser thematisiert auch „The Function of Criticism“ die Frage der Tradition und wie zeitgenössische Künstler, insbesondere Schriftsteller und ihre Kritiker mit ihr umgehen sollten.

Die Hauptthese zum Begriff der Tradition aus dem Essay von 1919 ist eine konservative: Neue Kunstwerke stellen sich für Eliot erst dann als dauerhaft wertvoll heraus, wenn sie ein neues Licht auf die großen Klassiker (Homer, Shakespeare etc.) werfen.

Diese Haltung hält Eliot im „Criticism“-Essay bei und sie ist mir als Hauptkriterium für gute Kunst nur bedingt sympathisch – aber ich kann sie als Schreibender dennoch nachvollziehen, aus eigener Erfahrung.

Denn wenn ich mich wirklich ernst nehmen will in dem was ich tue, vergleiche ich mich mit den Besten (der Dichter, der Journalisten, der Kritiker) und suche dann nach den (wirklich noch vielen) Dingen, die ich besser machen kann um diesen vergleichbarer zu werden.

Von Anfang an, egal was wir auch tun, stehen wir nicht allein da. Immer haben wir Vorgänger mit ähnlichen Interessen, Ambitionen und Problemen. Sie auszuklammern wäre egoistisch und naiv.

Das gilt auch für Kritiker. Eliot sagt deshalb, dass diese ebenfalls eine Verantwortung gegenüber einer Tradition haben. Sie dürfen nicht einfach schreiben, was sie in Bezug auf das Thema, das sie kritisieren, fühlen – sie müssen mehr erreichen wollen, sie sollen sich entwickeln.

Das höchste Ziel, das sie dabei anstreben sollen ist für Eliot ein „sense of fact“ – ein Sinn für Fakten:

The sense of fact is something very slow to develop, and its complete development means perhaps the very pinnacle of civilization. [Der Sinn für Fakten ist etwas, das sich nur langsam entwickelt und die Vollendung dieser Entwicklung bedeutet womöglich die höchste Errungenschaft der Zivilisation.]

Kritiker sollen Fakten aufspüren und sie dann erläutern. Ein keineswegs rein konservativer, sondern primär ein aufklärerischer Impuls ist es, was er hier vorstellt.

Aber auch dieser kann über die Stränge schlagen. Der Kritiker – und ich kann auch das aus eigener Erfahrung bestätigen – kann sich in der dauerhaften Kritik schnell verlieren. Es entwickelt sich schnell unbewusst eine Routine des Schreibens über die präferierten Objekte, sei es Literatur, Kunst oder auch Politik.

Tritt das ein, leidet ein anderer Aspekt des kritischen Bewusstseins: der Geschmack:

Of course the multiplication of critical books and essays may create, and I have seen it create, a vicious taste for reading about works of art instead of reading the works themselves, it may supply option instead of educating taste. [Selbstverständlich kann die Steigerung der Anzahl kritischer Bücher und Essays auch die scheußliche Vorliebe erzeugen – und ich habe dies auch schon bemerkt –, lieber Arbeiten über Kunst als die Kunstwerke selbst zu lesen. Sie {d.i. die kritischen Bücher} sind dann rein optional und fördern nicht den Geschmack.]

Auch dem gebe ich recht.

Ich bin erst wirklich zufrieden bei der Auswahl der von mir kritisierten Objekte, wenn ich mich im Anlass, über sie zu schreiben, von meinem Geschmacksurteil habe leiten lassen, meinen Geschmack in der Kritik selbst aber auch schleifen, verfeinern und in neue Richtungen lenken konnte.

Damit wären eigentlich die beiden Hauptthesen des Essays zusammengefasst und hoffentlich auch aufgeklärt – als interessant und relevant, für alle kritischen Menschen.

Aber ein Problem gibt es: Wirklich kritisiert habe ich Eliot noch nicht dabei – und das stünde der ganze Debatte hier ja wohl kontraproduktiv gegenüber.

Es fällt mir in diesem Fall – anders als etwa bei seinen wirklich langweiligen und gleichzeitig beinah abstoßend pathetischen frühen Dramen – auch außerordentlich schwer.

Denn er ist eloquent, konzis und vor allem prägnant in seinen knappen Aussagen. Aber eins kann ich ihm dennoch anprangern: Er bezieht in seine Betrachtung des Themas der Kritik nicht mit ein, wieviel geistige Arbeit und somit auch Lebenszeit kritische Aktivität beansprucht.

Was daran liegt, dass Eliot eben doch ein elitärer Autor ist. Für ihn ist die Muße, sich mit solchen Themen zu befassen, selbstverständlich.

Und das lasse ich nicht für mich gelten.

Wenn es nämlich etwas gibt, für das ich immer dankbar sein will – und somit demütig, nicht hochnäsig (be)achte –, dann ist es die Tatsache, dass mir durch gesellschaftlich glückliche Umstände quasi unendlich viel Zeit geschenkt ist, mich mit derart absonderlichen Gedankenkomplexen eingehend zu befassen. Das ist nicht normal und auch nicht selbstverständlich.

1 Kommentar zu „Fakten und Geschmack: T. S. Eliots Essay „The Function of Criticism““

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