Bonaparte: „The Return of Stravinsky Wellington“

Über ein herausragendes Album mit einem gravierenden Fehler.

Den Fehler direkt vorab: Er liegt darin, dass der mit Abstand beste Song des fünften Bonaparte-Albums sein allererster ist. Ein Fehler, der eine entzückende Rettung bedeutet:

„White Noize“ ist nichts anderes als ein moderner Klassiker. Gesellschaftskritik, pseudo-sentimental, ernsthaft verletzt, verletzend und vor allem sinnentleert. Alles wird gegeben, doch am Ende steht mal wieder die heilige Resignation:

There’s no one left to talk to, and no one wants to listen
How can we right a wrong when all they do is reminiscing
Free speech echoes, echoes from the wall
I lean back in my camp chair, waiting until they fall

Kurz: Es ist eigentlich der perfekte Outro-Song; steht hier aber am Anfang.

Da keine Versprechungen gegeben werden, bleibt Stravinsky Wellington in den nächsten zehn Songs oder 38 Minuten, die er noch singen muss – und die viele Kritiker an der Oberfläche wohl zurecht langweilen – als ein heldenhafter Melancholiker zurück, der einfach noch ein wenig weiter singt, obwohl schon alles gesagt ist.

Aber gerade das ist der künstlerische Akt, auf den es ankommt: Er macht halt ein wenig weiter, wiederholt sich etwas, probiert noch etwas aus, versucht aber nichts mehr wirklich. Und eben darum kann er ehrlich sein, von Liebe singen, wo keiner mehr zuhört, weil sie nichts zu bedeuten hat, als sie selbst – und wohl langsam aber sicher nicht mehr das.

Er muss dann auch nichts mehr erzählen, kann unsinnig glänzen, ohne dass er Gefahr laufen muss, missverstanden zu werden oder lächerlich zu wirken.

Die restlichen 90 Prozent des Albums lassen den Hörer gerade deshalb auch so schwelgen. Ihre tausend kleinen textlichen Eigenarten, intelligenten Sinnkombinationen, die nicht mehr aussagen als ihre Einzelteile aber doch unendlich größer bedeutsam sind, werden endgültig befreit von jedem Kontext.

It’s a tricky situation somehow
I’m lost in your pronunciation now
It’s so physical but it’s unattainable
I try to get my hands on it, it’s unexplainable

Und gerade das ist das Konzept dieses unheimlich narrativen Werks, eines Gedichtzyklus mit unscheinbar produzierten Klängen.

„Wolfenbüttel’s to blame“

„The Return Of Stravinsky Wellington“ muss gelesen werden am besten, so glaube ich, als eine Legende eines Helden, den es nicht gibt, weil er vor seinen ersten Singversen schon wieder entrückt ist. Alles verschwindet, immer:

Then I miss you something terrible
I miss you something fierce
I know none of this matters now
I miss you when you’re here

1 Kommentar zu „Bonaparte: „The Return of Stravinsky Wellington““

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