Interview: Der junge Think Tank „European Zeitgeist“

Das Projekt European Zeitgeist formiert sich derzeit in meinem Studien- und Wohnort Bonn. Es begreift sich selbst als „Thinktank, der sich ideell der Europäischen Idee verschrieben hat“. Was zunächst nach „Pulse of Europe“-Abklatsch klingt, erweist sich bereits in den ersten Beiträgen als eine deutlich kritischer ausgerichtete Unternehmung, die mit (bilingualen) Buchbesprechungen, Kommentaren und bald auch eigenen Events im Raum Köln/Bonn Komplexität nicht aus-, sondern einladen will.

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Um ein bisschen besser zu verstehen, wohin die Reise des Projekts EZG in den nächsten Wochen und Monaten gehen soll, habe ich die Gelegenheit ergriffen undMert Evdali, Marco Schmandt, Simon Clemens und Niko Gäb einige Fragen gestellt. Vor jeder der folgenden Antwort steht der Namen des jeweils Antwortenden.

1. Liest man Eure eigene Projektbeschreibung, scheint Euer Hauptanliegen eine Arbeit gegen „monokausale Lösungsansätze“ zu sein. Was bedeutet das konkret?

Antwort Mert Evdali:

Monokausalität ist in vielen Diskursen das bestimmende Element. Teilnehmer ein und der selben Debatte (sei es in der Ökonomik, Soziologie, Politik etc.) schaffen durch das Dogma ihrer Ideologie und ihrer präokkupierten Haltung zur entgegengesetzten Position eine Atmosphäre des gegenseitigen Anmonologisierens. Der Diskurs verkommt zum plumpen Gespräch. Problemkomplexe mit gesamtgesellschaftlicher Thematik werden seitens vieler Diskursteilnehmer nur eindeutige/ einfache Lösungen entgegnet. Dabei ist gerade die Mehrdeutigkeit der Lösung erstrebenswert. EZG bricht mit dem Anspruch der oft suggerierten Alternativlosigkeit etablierter Positionen und zeigt andere mögliche und wirkliche Erklärungsversuche, die nicht nur einfach sind.

2. Viele Menschen, von denen das bis vor kurzem kaum zu erwarten war – so auch ich mit „Worte des Widerstands“ – erarbeiten sich derzeit einen neuen Lebensweg als „Aktivisten“. Seht Ihr Euch als Teil dieser Gruppe – und damit vielleicht auch als Teil einer größeren Bewegung? 

Antwort Marco Schmandt:

Im weiteren Sinne ja. Wir haben uns vor dem Hintergrund der unserem Eindruck nach mäßigen Effektivität und teilweise auch Kontraproduktivität klassischen bürgerlichen Engagements, vor allem von Demonstrationen, neue Formen des Engagements erschließen wollen. Der Fokus liegt, wie durch die Namensgebung ja auch schon suggeriert, auf europäischer Öffentlichkeit. Wir sehen uns als Europäer. 

3. (Wenn ja:) Was sind Eure Strategien zur Selbstfindung bei diesem Prozess?

Antwort Marco Schmandt:

Reisen, Vorträge, Gespräche, Diskussionen, Konferenzen.

4. Politische Philosophie soll (ähnlich wie auch hier) ein zentraler Orientierungspunkt Eurer Arbeit sein. Dafür muss diese jedoch auch vermittelt werden. Auf wen greift Ihr hauptsächlich zurück und wie wollt Ihr diese doch häufig komplexen Theorien verständlich machen?

Antwort Simon Clemens:

Wir konzentrieren uns insbesondere auf neuere Theorien, die medial als auch im akademischen Betrieb noch keine angemessene Aufmerksamkeit erhalten haben bzw. deren Vorschläge oder Thesen erstrebenswert sind (eine Kategorie die wir selbstverständlich selbst normativ mit einbringen). Zu nennen sind z.B. die Arbeiten von David van Reybrouck, Ulrike Guérot, Armen Avanessian, Byung-Chul Han, Chantal Mouffe, Wolfgang Sofsky etc. – Es ist uns aber wichtig zu betonen, dass wir nicht nur politische Theorie behandeln wollen. Auch ökonomische oder soziologische Theorie, die unseres Erachtens im Diskurs zu wenig besprochen wird, soll berücksichtigt werden – selbst die Bücher von Joseph E. Stiglitz, Luc Boltanski oder Thomas Piketty finden oftmals nicht die ihnen zustehende Aufmerksamkeit.

Vor dem Hintergrund des eingangs erläuterten ist es denke ich auch verständlich, dass unsere Beschäftigung mit Klassikern (etwa Aristoteles, Thomas Hobbes, Adam Smith, Hannah Arendt, Talcott Parsons, neuer deutscher Idealismus, Ludwig Wittgenstein, Theodor W. Adorno, Émile Durkheim…) bzw. deren Darstellung oft in Auseinandersetzung mit neueren Phänomenen/Theorien vollzogen werden soll.

5. Bezieht Ihr mit „European Zeitgeist“ auch deutlich Position gegen etwas?

Antwort Niko Gäb:

Grundsätzlich versteht sich EZG als progressive Plattform. Wir denken, dass ein weiterführender Diskurs von konträren Positionen lebt. Diese Positionen dürfen jedoch nicht ausschließlich die negative Schablone anderer Positionen sein. Denn so notwendig das Dagegen – der politische Protest – auch ist, umso relevanter wird es, auch dem Dafür eine neue Gewichtung zuzusprechen. Reine Negation bedeutet Stagnation.

Insbesondere die kritische Auseinandersetzung mit der europäischen Idee ist auf innovative Konzepte angewiesen, die sie zukunftsfähig machen.

Um diesen dafür notwendigen Pluralismus zu gewährleisten, verurteilen wir jede Form von Rassismus, Stigmatisierung und Repression (sei sie von rechts oder links), da sie im kategorischen Widerspruch zum freien Diskurs steht.

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