Jules Barbey d’Aurevilly: „Die Gebannte“

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Ich fühle mich immer geborgen, wenn ich sehe, wie Verlage ihre Traditionen pflegen. Ein Haus, das verleugnet, wo es seine Wurzeln hat, verzettelt sich schnell; Buchreihen sind das beste Mittel dagegen – und außerdem eine Freude für Sammler.

Leser französischer Literatur (in deutscher Übersetzung) haben derzeit beim Verlag Matthes & Seitz Berlin die Möglichkeit, mit einer derartigen Sammlung zu beginnen, die aber dennoch weiter zurückreicht, als ihre erste Veröffentlichung. Denn dort wurde eine Neugestaltung der Reihe „Französische Bibliothek“, einer der Grundpfeiler der Verlagsgeschichte, vorgenommen.

Nun ist Anfang des Monats der zweite Band im neuen Gewand erschienen, eine Neuauflage einer klassischen Übersetzung von Jules Barbey d’Aurevillys Roman „Die Gebannte“ ins Deutsche, durch den Schauspieler, Dichter und Lebenskünstler Alastair. Sie wurde im Verbund mit Materialien zum Werk von diversen Epigonen abgedruckt.

Es handelt sich bei „Die Gebannte“ um einen geläufigen und zugleich einzigartigen Roman, der wohl noch zur Spätromantik gerechnet werden kann, diesem seltsamen Zwischenreich zwischen Aufklärung, Restitution der (französischen) Monarchie und der an Fahrt aufnehmenden Moderne von Großstadt und Industriearbeit.

Inmitten alldessen wandelte der Autor durch Paris: Barbey d’Aurevilly, Abkömmling einer alten Bauernfamilie aus der Normandie, mit einem halb gefälschten Adelstitel, für dessen Leben und Auftreten die Literaturgeschichte gemeinhin deutlich mehr Worte findet als für sein Schaffen. Große Hüte, schillernde Mäntel, Pelze und andere Accessoires durften bei ihm nie fehlen – genauso wie seine katholische Moralpredigten.

Zusammengenommen eine spezielle Mischung, die natürlich nicht anders vom Leser verarbeitet werden kann, als in Form drastischer Vorurteile beim Durchleben seiner Romane, deren wohl berühmtester den Titel „Der Chevalier Des Touches“ trägt und die Geschichte eines katholischen Rebellen erzählt, Mitglied der sogenannten Chouan-Truppen, welche durch paramilitärische Monarchieverteidigern aus dem gläubigen Teil des bretonsich-normannischen Landvolks während der französischen Revolution ins Leben gerufen wurden.

In diesem Dunstkreis bewegt sich auch „Die Gebannte“, was aber nur bedeutsam ist, wenn allein der Inhalt begutachtet wird. Dieser berichtet aus der Sicht des Autors, der sich als die Heimat bereisende Erzählerfigur gibt, eine Legende, die die Heidegegenden der Bretagne beherrscht. Es ist die Legende der adelig geborenen Jeanne, die von einem mysteriösen Mönch und ehemaligen Chouan-Kämpfer fasziniert ist und nach und nach in seinen Bann fällt. Das Rezept hat klare Zutaten: Mystik, Tragik, Volksschwank und Grausen.

Höher zu schätzen ist aber das, was hinter diesem Inhalt und den Zeilen d’Aurevillys liegt, die diese Legende beschreiben – oder eben, was nicht dort liegt. Die Stärke des Buchs ist der Umgang mit dem, was in seinem Roman Wirklichkeit zu sein scheint. Sie ist das Element, genau erkannt und während der Lektüre permanent beleuchtet, das den Roman zu mehr macht als einem melancholisch-träumenden Werks seiner Zeit.

Denn es ist merkwürdig kühl. Nicht distanziert, nur ohne Tiefe. Aber auch nicht schlimm ohne Tiefe, sondern scheinbar bewusst ohne Hintergrund gelassen. Was beschrieben wird, wird beschrieben – und was nicht beschrieben wird, bleibt eben ungesagt. Nichts fehlt – aber trotzdem ist etwas abwesend.

Je weiter die Erzählung voranschreitet, desto stärker gerät der Erzähler – der niemand ist als der unscheinbar in die Geschichte hineingeratene Autor selbst als Figur ist – in den Verdacht, die Ursache für diese ungemütliche Tatsache zu sein. Aber böse kann man ihm auch nicht werden – dafür ist der Stoff doch zu packend. Aber am Ende bewahrheitet sich dann eben doch, was die ganze Zeit befürchtet wurde: Man ist nicht schlauer als zuvor. Alles was schön war und schaurig: es ist einfach vorbei.

Das ist wohl so, im Leben – mehr ist nicht übrig zum Schluss. Eine Moral kann man das nicht wirklich nennen, aber es ist auch nicht in keiner Weise eine. Alles ist gesagt und bleibt in der Schwebe. Ein seltsamer Zauber.


Die 312 Seiten des Romans „Die Gebannte“ von Jules Barbey d’Aurevilly sind in der Übersetzung von Alastair bei Matthes & Seitz Berlin gebunden und mit Lesebändchen erhältlich.

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