Politische Geschichte in Bruchstücken #3: Galileo Galileis „Sidereus Nuncius“

Mit einer kleinen Anekdote will ich diesen Samstag beschließen.

galileo-kleiner

Ich habe heute etwas Spannendesin einem Antiquariat erfahren. Dort habe ich nach etwas Stöbern einen Suhrkamp-Band mit ausgewählten Schriften von Galileo Galilei gefunden, das Ganze eingeleitet von Hans Blumenberg.

Gekauft habe ich das Buch vor allem wegen eines kurzen Textes von Galilei, welcher aus zwei seiner Vorlesungen aus dem späten 16. Jahrhundert hervorgegangen ist, in denen er versucht hat, mathematisch den Raum der von Dante in seiner „Göttlichen Komödie“ beschriebenen Hölle exakt zu errechnen.

Dabei ist die Abhandlung, die dem Sammelband als Titel gegeben wurde, historisch eigentlich viel relevanter: Sidereus Nuncius, zu deutsch „Nachricht von den Sternen“. Galilei schrieb sie 1610, die erste astronomische Schrift über Erkenntnisse, die mit einem Teleskop gewonnen wurden – das von ihm kurz zuvor erfunden wurde.

Es existieren noch wenige Exemplare ihrer Druckversion auf der Welt. Darunter befand sich 2005 ein sehr besonderes – das den Buchmarkt und die Kunstwissenschaft bald in Verlegenheit brachte.

Das Exemplar wies farbige Handzeichnungen in Tusche auf, über den eigentlich schwarz-weißen Mondkarten und Sternbildern gemalt, welche neben dem Text in ihm abgedruckt waren. Der Entdecker behauptete, sie seien von Galilei, was der Berliner Kunsthistoriker Horst Bredekamp nach Prüfung durch ihn selbst sowie ein großes Team bestätigte.

Fälschlicherweise.

Die Antiquariats- und Kunstwelt war einem Fälscher aufgesessen: Marino Massimo De Caro. Dieser sorgte bereits Anfang der 00er Jahre für Negativ-Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass unter seiner Leitung eine der ältesten Bibliotheken in Neapel um seltene Exemplare von Werken Aristoteles‘, Machiavellis oder auch Galileis erleichtert wurde, durch eine geschickt eingefädelte, kriminell groß angelegte Umräumaktion. Nun hatte er einen Kunsthistoriker blamiert und eine hervorragend nachgemachte Kopie für echt verkaufen können.

Zwei (wissenschafts-)politisch so faszinierende Umstände. Sie stellen so viele Fragen: Was ist „echte Kunst“? Was ist der größere Skandal, Galileis Entdeckungen oder die Fälschung seiner Buchpublikation – und hängt das eine nicht direkt vom anderen ab?

Ich liebe es, auf Umwegen, über spontan Interesse erweckende Bücher, so etwas fragen zu können. Da sind mir die Antworten fast schon egal.

2 Kommentare zu „Politische Geschichte in Bruchstücken #3: Galileo Galileis „Sidereus Nuncius““

  1. Kunst, Kunstimitation, falsche Kunst, wahre Kunst.. immer wieder ein spannendes Thema. Wobei ich den Unterschied darin sehe, dass nach Imitieren von Kunst ein Handwerk ist – wenn auch ein verdammt beeindruckendes. Verwiesen sei hier auf den Kunstfälscher/imitator Wolfgang Beltracchi und die dazugehörige Doku auf Netflix. Sehr sehenswert.

    1. Ich habe auch überlegt, ob ich diese Empfehlung an dieser Stelle aussprechen soll – da mich die Doku, vor allem die Sequenzen über das Kopieren von Botticellis Lasurtechnik, auch ziemlich beeindruckt habe. Weil es hier aber nicht nur um Kunst-, sondern auch um Druck-Nachahmung, lag ein Grenzfall vor…

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