Robert Venturi: „Komplexität und Widerspruch in der Architektur“

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Umfassend gebildete Menschen – und wenn sie auch nur so scheinen – ziehen mich naturgemäß an. Flexibles Denken, in Analogien, mit Spiel, Witz und doch konkreter Haltung: das würde ich schon als ein Ideal meiner eigenen Zukunft vorstellen.

Vermutlich ist es dieser Aspekt, diese subjektive Erfahrung, die Robert Venturis Buch „Komplexität und Widerspruch in der Architektur“ so unmittelbar nach der ersten Lektüre in meinen Lebenskanon wichtiger Bücher verankert.

Venturi, der mit diesem Buch laut Vorwortschreiber und Architekt Vincent Scully die wahrscheinlich „bedeutendste Schrift über das Bauen seit Le Corbusiers ‚Vers uns Architecture‘ von 1923“ verfasst hat, erfasst nicht nur Gebäude auf vielschichtige Weise – wie er es durch den ganzen Text konstant tut –, er weiß auch, sie mit anderen Dingen, vor allem der Literatur und der Kunst, zu verbinden.

Der zweite Grund, weshalb ich dieses Buch so sehr weiterempfehlen will, entspringt wohl dieser einzigartigen Verbindung: Einem geübten Leser gleich welcher Texte vermag Robert Venturi anhand des Mediums und zugleich Objekts Architektur zu vermitteln, wie sich Lesen ereignet.

Denn seine Streifzüge durch die Architekturgeschichte haben nicht nur ein gemeinsames Ziel – den strikten Funktionalismus und die Geradlinigkeit der Moderne – sondern auch das darin fehlende Traditionsbewusstsein. Dem will er entgegenwirken, indem er mithilfe eines Essays von T. S. Eliot die Literaturkritik und die Architekturkritik verbindet

„Als Künstler nehme ich mir die Freiheit, über das zu schreiben, was mir in der Architektur gefällt: Komplexität und Widerspruch.“

Heißt: Venturi setzt sich für mehr Bewusstsein für Traditionen ein – mit denen dann wiederum komplex und widersprüchlich, so ja auch der Titel, gearbeitet werden soll.

Wie sich ein solches Bewusstsein produktiv ausdrücken kann, bewies er Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre selbst mit dem sogenannten Vanna Venturi House.

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Quelle: Wikipedia/Carol Highsmith (Library of Congress)

Das Gebäude zeigt, von außen wie von innen (letzteres unten in einem Video zu sehen), worauf Venturi mit seinem Buch hinaus will: Formen und Zusammenhänge, von denen er in „Komplexität und Widerspruch“ schreibt, sind hier zu sehen.

Nur einige Beispiele: Der Dachgiebel des Hauses ist zweigeteilt. Offenbar ist er symmetrisch – doch nicht ganz, wenn man genauer hinsieht. Die Spitzen rechts und links, die die zentrale Lücke begrenzen sind horizontal nicht parallel. Hinzu kommt, dass auch der Schornsteinturm im Hintergrund, der an alte Palazzo-Türme erinnern soll, nicht genau in der Mitte angebracht ist.

Überhaupt spielt Venturi gern mit vermeintlichen Grundlinien – und benutzt sie auch als ironischen Zeigefinger, wie die rein ornamentalen parallelen Geraden, die die Fenster verbinden.

Gute Architektur spricht viele Bedeutungsebenen an und lenkt die Aufmerksamkeit auf eine Vielzahl von Zusammenhängen: ihr Raum und ihre Elemente sind auf mehrere Weisen gleichzeitig erfahrbar und benutzbar. Eine Architektur der Komplexität und des Widerspruchs hat aber auch eine besondere Verpflichtung für das Ganze: ihre Wahrheit muß in ihrer Totalität – oder in ihrer Bezogenheit auf diese Totalität – liegen. (S. 24)

Im Kern handelt das Buch eben davon: Wie trotz (oder gerade durch) Widersprüche das eigentümliche Ganze eines architektonischen Meisterwerks entstehen. Dabei wird auch immer wieder Michelangelo als wiederkehrender Ankerpunkt zitiert, als ein Künstler, der zwar immer alles, was er bearbeitete, auf seine Weise abänderte, dabei aber auch „stets unverändert die wesentliche Grundform des antiken Vorbilds“ bewahrte (S. 67)

Seine in zehn Kapiteln unterteilten Lesereflexionen auf Bauwerken – und damit wären wir indirekt auch wieder beim Gelehrten-Aspekt des Anfangs, unterbricht Venturi außerdem auch immer mit kurze philosophischen Reflexionen. Besonders tiefgehend sind dabei seine Gedanken zum Thema des Fragmentarischen, also eines scheinbar unpassenden Bauteils, einer scheinbar willkürlich platzierten Skulptur in einer Kirche, die mehr Sinn haben können, als es zunächst vielleicht scheint:

Das echte Fragment läßt großen Aufwand überflüssig werden, weil es Reichtum und Stärke des Ausdrucks jenseits seiner selbst erzeugt. (S. 140)

Ich glaube, dass „Komplexität und Widerspruch“ einen ähnlichen Effekt in Bezug auf mein eigenes Wissen von Architektur hatte. Ich habe ohne zusätzlichen Recherche – die ich tatsächlich nur sporadisch gemacht habe – nicht viel mehr systematisches, festes Wissen über Architektur. Aber die Kraft, sie beim Gang durch Städte oder auch alte Fotos von Gebäuden besser lesen und ihre Möglichkeiten intensiver wahrzunehmen – diesen „Reichtum des Ausdrucks“ erkenne ich jetzt wesentlich intensiver an und vermag ihn auch zum Teil zu begreifen.


Ursprünglich im Birkhäuser Verlag Basel erschienen, ist Robert Venturis Klassiker „Komplexität und Widerspruch in der Architektur“, mit Vorworten von Vincent Scully und einem Nachwort von Heinrich Klotz, jetzt über den Verlag De Gruyter zu beziehen. Es umfasst 231 Seiten mit insgesamt 350 Abbildungen in schwarz-weiß und kostet 29,95 Euro.

Einen ersten visuellen Einblick in Venturis eigene Architektur vermittelt wohl am besten dieses YouTube-Video, das auch ein Interview mit dem Baumeister bereithält:

Weiteres Bildmaterial, an dem die Lektüreergebnisse visuell weiterwachsen können und auch deutlich wird, wie viel Freude Architektur bei vielschichtigem Formbewusstsein sein kann, zeigt außerdem dieser Clip anlässlich der Verleihnung der AIA Goldmedaille an Venturi und seine Frau Denise Scott Brown:

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