Wer oder was bestimmt, was ein Skandal ist

Wie es ist, wenn du dir wirklich Mühe gibst – aber andere einfach lauter sind.

Es ist äußerst schwierig, etwas zu verstehen. Gerade wenn es nicht darum geht, dass etwas einleuchtet, sondern von Beginn an ersichtlich ist, dass ein Sachverhalt erarbeitet werden muss. Wenn das Gehirn beim ersten Satz schon schwummrig wird.

Bei Steuern zum Beispiel.

Als ich vor ein paar Wochen versucht habe, zu errechnen, ob ich 2018 wohl viel Steuern zahlen muss, da hatte ich kaum angefangen und wollte schon aufgeben. All das, was ich sonst so liebe – Sprache, abstraktes Denken, die Idee des Sozialstaats – geriet ins Wanken.  Denn ich konnte mich trotz meiner Affinität zu ihnen in diesem finanziellen Gedankensystem nicht zurechtfinden.

Aber nicht nur aus diesem Grund werden Steuern kompliziert sein, denn auch viele andere Menschen mögen Steuern nicht, und das nicht nur, weil sie sie nicht verstehen, oder ihnen ihr Geld so lieb ist.

Sie mögen Steuern nicht, weil sie nicht verstehen, wohin ihr Geld geht – und wie sie mit ihrer eigenen Tat der Steuerabgabe im Verhältnis zu anderen und ihren Steuern stehen. Der Akt des Zahlens von Steuern hat einen realen Effekt, aber keinen sichtbaren Zusammenhang mit der Realität.

Ich glaube, es ist diese Diskrepanz, wegen der der seit einer Woche so spektakulär unbeachtet gebliebene, von ZEIT ONLINE, der ZEIT und dem ARD-Magazin Panorama aufgedeckte Steuerskandal durch sogenannte Cum-Ex-Geschäfte keine Chance im derzeitigen Medien-Schusswechsel hat.

Denn ich verstehe diesen Skandal leider nicht. Ich begreife sein Ausmaß, verurteile die dahinter brodelnden egoistischen Motive – aber ich verstehe ihn nicht.

Deshalb kann ich auch nicht mehr tun, als hier ein wenig dilettantisch über mein Verständnis der Situation zu stammeln. Ich bin ehrlich gesagt ziemlich ratlos, was ich nun tun soll, wo ich weiß, dass der deutsche Staat von einer kleinen Gruppe hinterhältiger, unmoralische Menschen um Geld betrogen wurde, das in der Phantasie eines jeden von uns tausend schönere Dinge hätte bezwecken können als Reiche noch reicher zu machen.

*

Verstand benötigt Erfahrung. Nur wenn ich etwas erfahre, kann ich es verstehen. Ich verstehe, was es bedeuten kann, ein Glas in der Hand zu halten, nachdem ich mal eines in der Hand gehalten habe.

Aber ich kann keinen Steuerskandal verstehen, weil ich ihn nicht erfahren kann. Er wird für ewig abstrakt sein und ist nur als Vereitelung von Möglichkeiten zu begreifen. Möglichkeiten, die nie real werden, weil die Mittel für immer fehlen – obwohl und weil sie nie da waren (zugleich).

Das kann nicht zum Skandal werden, da wir nicht alle dasselbe vor uns sehen, wenn wir ihn uns vorzustellen suchen. Anders als bei Promi-Affären gibt es keine Fotos, keine Beweise, keine Zeugenaussagen, keine Gesichter. Es gibt nichts – und doch wurden wir betrogen, beraubt, hintergangen, als dumm verkauft, vermutlich auch verhöhnt. Und in unsere Schranken verwiesen.

Auch wenn ich nicht verstehe – ungerecht ist es dennoch.

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