Die Erzählung in der Kritik

Ein Statement zu dem, was Kritiken in Zeitungen und Internet wahrscheinlich so langweilig macht. 

Es gibt vieles, mit dem sich der Kritiker (leider) abfinden muss. Da wäre etwa die permanente Zweitrangigkeit gegenüber dem Werk, das er bespricht – denn er ist eben kein Schöpfer, sondern nur herablassender Betrachter mit geringerem Zeitaufwand als der schreibende Autor. Aus der Sicht des letzteren ist der Kritiker wohl einfach ein selbstgefälliger Herrscher auf einem ungerechtfertigtem Thron.

Da wäre außerdem auch die Tatsache, dass ihn vermutlich keiner wirklich liest.

Aber womit sich ein Kritiker am wenigsten abfinden kann, das ist wohl Kritik an seiner Kritik.

Ich würde am liebsten das Argument, um das sich dieser Beitrag drehen soll, mit einem Verweis auf den vielleicht größten Kritiker der Aufklärung, auf Samuel Johnson, beginnen. Dieser schreibt nämlich (paraphrasiert) an einer Stelle in seinem Alterswerk Lives of the Most Eminent English Poets, dass es die Pflicht eines Kritikers sei, auch an den größten Werken der Literatur (und somit der Kultur im Allgemeinen) das Schlechte drastisch und im größten Anteil der aufgewendeten Zeilen herauszustellen.

Wichtiger als das Aufzeigen des Schönen an einem Objekt der Kritik sei das Feststellen und Verdammen von Fehlern, bevor sie konzediert werden und somit von der Allgemeinheit der Nachgeborenen apologetisch als drollige Eigenheit ungerechtfertigter- und fälschlicherweise mitverewigt werden.

Aber ich kann mich eigentlich nicht wirklich auf Johnson berufen, denn obgleich dieser wunderbare Gedanke mir wie aus meiner Seele gesprochen erscheint, wäre er in seiner Verwendung, die ich ihm als Teil dieses Beitrags aufgeben wollte, meiner These zufolge unzulässig.

Denn es soll heute darum gehen, dass ich keine Kritiken mehr lesen kann, in denen erzählerisch irgendwelche Lebensumstände von Autoren oder Künstler beschworen werden oder in denen der Ausweg über die Pseudo-Poetisierung des Künstler-Seins als Kritik seiner eigentlichen Werke verkleidet wird oder in denen erzählerisch Zitate hervorgehoben werden, um eine kleine Geschichte zu erzählen.

Was ist nämlich eigentlich Kritik? Kritik ist Beurteilung nach Maßstäben.

Diese Maßstäbe fallen nicht vom Himmel. Sie tauchen nicht einfach auf, wenn man wie Helene Hegemann in ihr Kritik von Kate Tempests gerade in deutscher Übersetzung veröffentlichtem Langgedicht „Brand New Ancients“ – die den Anlass für diese kleine Wutrede darstelle – über neun Absätze nichts tut außer sich mit gewitzt unnormal gewählten Worten über das Publikum und die Auftrittsweise der Schriftstellerin und Bühnenkünstlerin äußert.

Das sind keine Urteile. Das sind einfach nur pure Äußerungen, die mit Kritik nichts zu tun haben. Denn Erzählung, gerade Nacherzählung geschieht nicht nach Maßstäben.

Und was ist ein Urteil? Ein Ausspruch in Bezug auf ein Objekt, der eine festgelegte Entscheidung über dessen Art und Weise darstellt.

Erzählungen stellen keine Entscheidungen dar. Sie sind dazu da, zu zeigen, unter welchen Umständen Menschen sich überhaupt entscheiden können – welche Perspektiven auf die Zukunft und die Welt in ihrer Gegenwart ihnen zu bestimmten Zeiten gewährt werden. Die Darstellung dieser Perspektiven zu beurteilen – und das geschieht immer, wenn über ein Kunstwerk eines Fremden geschrieben, eben geurteilt wird, – nimmt den Maßstab aus der Betrachtung der eigenen Entscheidungskraft zum Zeitpunkt des Urteils. Sie kann darum überhaupt nicht erzählend sein.

Nun ist Sprache aber leider immer ein zeitbasierter Prozess und erzeugt sehr leicht die Illusion von Erzählung – so auch dieser Beitrag, wenn er mit einer Erfahrung von mir anhebt und erzählt, wie diese Erfahrung (meine Lektüre von Frau Hegemanns „Kritik“) einen Denkprozess in mir angeregt hat und dann wie dieser verläuft.

Eine Patentlösung, mit der dieser Widerspruch permanent gewährleistet werden kann, gibt es nicht. Aber es gibt einen Weg, um dem Verfallen ins Erzählen um des Erzählens und nicht um der Kritik willen entgegen zu wirken: Demonstration von Arbeit.

Arbeit am Objekt ist nicht Erzählen. Man kann von vergangener Arbeit erzählen, aber nicht während man arbeitet, von dieser Arbeit erzählen. Arbeit ist direkte Auseinandersetzung mit einem Gegenstand, praktisch und ohne Perspektivierung der Möglichkeiten – denn sie ist auf ein Ziel gerichtet.

Das Ziel der kritischen Arbeit ist das Urteil. Die Ablenkung von diesem Ziel nennt man Erzählung.

1 Kommentar zu „Die Erzählung in der Kritik“

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