Hartmut Leppin: „Justinian – Das christliche Experiment“

Manche Phasen der Geschichte, die einst ernsthaft kritisch waren, brennen sich in das kollektive Gedächtnis der ganzen Welt ein. Andere werden nicht mit diesem Wert belegt oder verlieren ihre Bedeutung durch eine Umgewichtung der gesellschaftlich vorherrschenden Meinungen. Gewalttaten erscheinen so geringer schlimm und moralischer Wandel als weniger wirkungsvoll.

leppin-justinian-1

Hartmut Leppin macht sich mit dem Buch, das ich heute bespreche, die Mühe, eine historischen Periode lebendig zu machen, die zur zweiten Sorte gehört. Kaiser Justinian I. ist ihr Dreh- und Angelpunkt – aber eine Biografie ist es dennoch nicht. Denn über den Kaiser gibt es keine historischen Dokumente außer zu seiner Rolle als Kaiser. Um nicht Psychologie zu betreiben und damit eine persönliche Lebensgeschichte spekulativ vorzuheucheln, macht sich Leppin daher lieber daran, strahlenförmig um diesen spätrömischen Herrscher herum das fünfte und sechste Jahrhundert – eine dunkle Zeit für das heutige Allgemeinwissen – zu erarbeiten.

Seine Quellen, das macht die Einleitung klar, sind kritisch ausgeleuchtete Texte von Historikern und klerikalen Zeitgenossen: Prokop, Johannes Lydos, Johannes von Ephesos und einige mehr. Durch seine behutsame Auswertung dieser Quellen wird direkt in unterschiedliche Lebenswelten zur Zeit Justinians eingeführt, er wird von Anfang an aus mehreren Perspektiven (negativen wie positiven) beleuchtet. Es ist ein sehr philologischer, nicht Justinian „verstehen wollender“ und damit angemessen distanzierter Ansatz. „Der Historiker muss bescheiden bleiben.“, so Leppins klare Einstellung in dieser Hinsicht.

Wer sich Mühe gibt und die ersten sechzig Seiten mit geschichtlichen Rahmenbedingungen, die den Aufstieg Justinians in Gefolgschaft seines Onkels beschreiben, welcher vor ihm als Kaiser Justin die Herrschaft innehatte, wird belohnt. Wie aus dem Nichts entsteht zu Beginn dritten Kapitel ein umfangreiches Bild von Justinians geschichtlicher Signifikanz, die sicher in einer objektiv herausgearbeiteten Beschreibung einer vergangenen Lebenswelt verankert ist, an der nichts unnötig beschönigt oder idealisiert wird.

Aber dennoch schafft Leppin es trotz der unheimlichen Fülle an Fachliteratur nicht ganz, absolut sachlich von Justinian zu sprechen. Menschlicher scheint diese Kaiserfigur werden zu sollen, wenn Leppin ihr einen scheinbar großen „Gestaltungswillen“ zuspricht. Dieser soll nicht nur einzelne Erlasse zur Stärkung der Position schwacher Bürger wie Sklaven – von denen beim Tod des Besitzers vom Erbenden seit Augustus erstmals unbegrenzt viele freigelassen werden konnten – und die Klärung der Rechtsstellung von Frauen durch den Kaiser als Teil eines großen Plans deuten; es ist ein Versuch, die Christianisierung der antiken Welt durch Justinian hindurch zu begreifen – und so eben doch in einem Menschen zu kondensieren, von dem kaum etwas bekannt ist.

Diese Gratwanderung zwischen Historisierung und Personalisierung wäre noch weniger notwendig, wenn sie nicht dabei helfen würde, den Prozess von Aufstieg und Fall des oströmischen Reiches unter Justinian zu begreifen. Denn so wie er zu Beginn seiner Amtszeit durch die Kodifizierung des Rechtes unter christlichen Vorzeichen und Eroberungskämpfen vor allem im afrikanischen Raum den Stand der Gesellschaft verbesserte und den Einfluss des Reiches vergrößerte – genauso fielen unter seiner dogmatisch arbeitenden Machtpolitik viele Traditionen in sich zusammen. Und dies ist tatsächlich seiner Machtpolitik anzulasten.

„Selten hat das Christentum eine Gesellschaft so total erfasst wie das Römische Reich im sechsten Jahrhundert, doch der Eigensinn alter Traditionen schwand nicht völlig.“

Es ist eine zutiefst ambivalente und zugleich gewaltreiche Zeit der Verfolgungen unterschiedlicher Glaubensgruppen sowie Homosexuellen und Päderasten; diese Stigmata wurden Leuten teilweise sogar mutwillig angelastet, um sie aus Machtinteresse zu beseitigen. Zugleich wurde die Aristokratie geschwächt, da mehr einfache Leute – wie Justinian selbst einer war – in machtvolle Ämter aufsteigen konnten, da es als christlich galt, die Frommen als Tugendhafte in hohe Positionen zu bringen.

Doch diese Umwandlungen, unter denen wie oben und früher bereits angedeutet das Corpus Iuris Civilis die wohl bedeutendste Errungenschaft darstellt, hatten ein großes Problem: ihre Durchsetzung. Der mit der Zeit und der wachsenden Größe des Imperiums immer komplexer werdende Verwaltungsapparat konnte nicht in Gänze von Justinian kontrolliert werden – und somit setzten sich seine Anordnungen nur schleppend durch.

Was bedeutet das für den Rest seiner Amtszeit? Sie ist chaotisch, so viel ist sicher. Die vielen anfänglichen Eroberungen Justinians gehen verloren, die antike Kultur zerfällt und entgegen seiner Hoffnungen überleben viele von ihm als dogmatisch irrig bezeichnete christliche Glaubensgruppen. Wie eine Kritik von 2012, ein paar Monate nach Erscheinen von Leppins Buch veröffentlicht, konstatiert, wird diese Zeit in den vergangenen Dekaden durch Historiker auch immer mehr in den Fokus gerückt, damit Justinian, der früher eine Lichtgestalt der Rechtsgeschichte war, auch in seinen tyrannischen Zügen gezeigt wird.

Aber diese Feinheiten können mich nicht allein zu einer gültigen Bewertung dieses Buches führen, ich bin ja nicht einmal im Ansatz in der Justinian-Forschung „drin“. Mir gilt eher die Frage als wichtig, was ich durch dieses Buch als Einsteiger lernen kann.

Denn viel wichtiger ist für jemanden, der sich unbedarft mit einer Zeit auseinandersetzt, von der er weder in Sachen Quellenlage noch historischer Einordnung eine (Vor-)Ahnung hat, eines: Uneitelkeit und Perspektivierung seitens des Autors. Ich will keine Bücher lesen, die mich belehren, die Dinge für mich bewerten, von denen ich zu wenig Ahnung habe – und so ein Buch ist Leppins Stück über Justinian glücklicherweise nicht.

Ob es nun die tausend Namen von Vorgängern, Günstlingen, Mitarbeitern am Corpus sind, die gefühlt tausend Konzile seiner Amtszeit (von denen die von Chalkedon und Konstantinopel wohl die sind, über die es sich am ehesten lohnt, Bescheid zu wissen), oder die bedeutsamsten Schlachten sind – niemals habe ich den Eindruck, Leppin prahlt mit Wissen. Womit für mich das Wichtigste an einem Sachbuch erfüllt wäre: Der Wille zur Aufklärung über ein Thema.

Und dieser Wille entschuldigt mir in meiner Startphase des Lernens jeden kleineren Irrtum oder moralisierenden Ausrutscher, von denen es wie immer auch hier durchaus ein paar geben wird.


Hartmut Leppins Buch „Justinian – Das christliche Experiment“ ist 2011 im Verlag Klett-Cotta erschienen und umfasst für 27,95 Euro 448 Seiten. Bestellbar ist es unter anderem hier.

(Mit dieser Rezension beschließe ich vorerst meine Bemühungen um einleitende Beiträge und Buchhinweise zum Thema Recht, zur der außerdem noch meine Beiträge zum Grundgesetz und Uwe Wesels „Geschichte des Rechts“ zählen sowie ein einleitender Beitrag zur Geschichte des Corpus Iuris Civilis. Für weitere, eingehendere Beschäftigung – die definitiv geplant ist, brauche ich noch etwas Zeit.)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s