London im Juni 2017

Wir waren auf Reisen, von vergangenen Freitag bis gestern. Erst drei Tage in Lille, dann drei Tage in London. Der Morgen, an dem unser Zug aus Frankreich nach England ging, war der vom Montag, zwei Nächte nach dem Anschlag an der London Bridge und im Viertel Borough Market.

Bereits am 17. November 2015 fielen Terror und Reisepläne in meinem Leben zusammen. Wir saßen von der Räumung des Stade de France bis zwei Uhr nachts hellwach im Bett und schauten live die ARD, refreshten Liveticker. Am nächsten Tag wollten wir abends in Brüssel ein Konzert besuchen, in einer Location von der Größe des Bataclans.

Wir gingen mit mulmigem Gefühl schlafen. Am nächsten Morgen lasen wir, dass die Hintermänner wohl in Brüssel wohnen und das dort nun mit Großrazzien ermittelt werde. Wir entschieden uns, nicht zu fahren. Wir bekamen die Konzerttickets und zumindest die Rückfahrkarte erstattet. Ein paar Stunden später sprengte sich in einem Wohnhaus in Brüssel ein Beteiligter der Anschläge von Paris in die Luft.

Wir fuhren damals nicht, weil wir glaubten, das Konzert werde emotional überschattet sein. Wir waren nicht mal sicher, ob es überhaupt stattfinden würde – was es tat. Natürlich waren wir dann traurig, dass wir nicht gefahren sind, aber nach den weiteren Nachrichten aus Brüssel auch froh, ein sicheres Wochenende zu verbringen, an dem wir auch in der Lage waren, in Ruhe die schrecklichen Nachrichten zu verdauen.

Beide wurden wir Sonntagmorgen übel an diese Tage erinnert. Beim Verfolgen der Berichte kam sofort die Frage auf: Fahren oder nicht? Den halben Tag über stand die Frage im Raum, eine Umbuchung stand im Raum, vielleicht lieber Strand, lieber zurück nach Hause?

Dann habe ich mich entschlossen, die Perspektive auf die Berichterstattung gewechselt. Ich las insbesondere Sätze, die von unerschrockenen, fast stoischen Londonern sprachen, deren Leben sich nicht von dieser Tat habe beeinflussen lassen. Und von der Verteidigung der westlichen Werte, die darin liegt – eine Phrase, über deren Omnipräsenz nach Anschlägen sich im Internet viele beschweren. Aber in diesem Moment hat sie mir Mut gemacht.

Am Montag saßen wir deshalb auch im Zug durch den Eurotunnel. In London ausgestiegen, Museen besichtigt, Fotos geschossen, billige und enorm teure Pizza gegessen – all das konnten wir tun, ohne mulmiges Gefühl. Nur der Weg durchs Regierungsviertel war nicht sehr angenehm, überall standen Absperrungen und Polizisten. Aber das war ja auch am Mittwoch, einen Tag vor der general election.

Irgendwo habe ich die Tage einen Artikel gelesen von einer jungen Journalistin, die schrieb, dass sie die vielen Anschläge abstumpfen würden. Sie könne nicht mehr richtig trauern und empfinde das als moralische Degeneration. Ich kann das nicht nachempfinden.

Mir fiel es schon immer schwer, bei derartig feigen Gewalttaten um Menschen zu trauern, die ich nicht kenne. Ich habe enorm viel Mitleid für die Angehörigen, aber ich habe sie bisher nicht im Ansatz gekannt. Deshalb fühle ich mich nicht verpflichtet, ihnen in ihrer Trauer mit irgendeiner öffentlichen Bekundung beizustehen.

Wozu ich mich aber sehr wohl verpflichtet fühle, ist darüber nachzudenken, was solch eine perverse Tat in Bezug auf mein Wertesystem bedeutet. Um dieses trauere ich nämlich sehr wohl, weil es durch solche Taten wenn nicht zerstört, so doch deutlich verletzt wird. Ich versuche darum, nach jedem Attentat, nach jeder Ungerechtigkeit, die menschlichem Leben angetan wird darum auch, Mut darin zu finden, um weiter gegen diese Ungerechtigkeiten zu arbeiten.

„Now’s not the time to cry, now’s the time to find out why“

Deshalb bin ich auch kein Advokat der Parole, dass nach Anschlägen „Normalität“ einkehrt – etwas, das derzeit oft kritisiert wird. Denn solche Taten sind nicht normal.

Mir hat bei dieser Differenzierung vor unserer Abreise eines besonders geholfen: Das One Love Manchester Konzert von Sonntagabend, das wir live verfolgt haben. Denn dort wurde ganz und gar nicht Normalität gepredigt sondern öffentlich gezeigt, wie unterschiedliche Künstler auf unterschiedliche Weise ihre Weise der Verarbeitung solcher Taten ausdrücken. Besonders imponiert hat mich die Haltung von Liam Gallagher.

Ich habe als Teenager Oasis geliebt, bislang aber noch kein einziges Live-Video gesehen. Umso hat mich Liam Gallaghers Bühnenpräsenz gefangen genommen.

Denn an der kann man, finde ich, genau beobachten, was ernste Trauer bedeutet. Da ist kein Kitsch, keine Exzentrik – sondern nur ein einzigartiger, hart an der Substanz schleifender Charakter, der seine Pflicht erfüllt, so, wie er es kann, für die da zu sein, die sich ihm anvertrauen wollen.

Ich sehe das als ein Vorbild an:


(P.S.: Minute 4:19 – und selbstverständlich gebührt mehr als so viel Ehre wie ich hier versucht habe, Gallagher gegenüber auszudrücken, auch Ariana Grande)

2 Kommentare zu „London im Juni 2017“

  1. Erstmal finde ich es sehr toll von euch, trotz allem gereist zu sein und danke dir für das Teilen deiner persönlichen Erlebnisse und Empfindungen.

    Terrorismus sollte nicht als normal angesehen werden, dennoch finde ich den hier diskutierten Ansatz zur Ruhe und zum Weiterführen des normalen Lebens gut. Es ist wichtig zu differenzieren zwischen Ruhe oder einem normalen Leben und der Bereitschaft Terror als normal anzusehen.
    Möglicherweise birgt diese Aufforderung die Gefahr, Terror somit schneller zu akzeptieren, doch scheint mir dieses Risiko viel geringer, als das Potential zur Panikmache, zu lauten Forderungen nach erhöhter Polizeipräsenz und weitere Abschottung der Grenzen. Dies spielt lediglich nationalistischen und autoritären Bewegungen zu. Es ist wichtig den Terror zu reflektieren, Ängste an- und auszusprechen, sich von ihnen aber dennoch nicht am Leben hindern zu lassen.

    Dafür spricht sich ja scheinbar auch O’Neill in seinem Artikel aus, den du hier in der NZZ verlinkt hast. Doch mich stört einiges im Text.

    Normalität ist für mich nur ein Konstrukt. Du hast dich schon mal mit dem Unterschied zwischen normal und selbstverständlich auseinandergesetzt. (https://wortedeswiderstands.org/2017/03/11/der-unterschied-zwischen-normal-und-selbstverstaendlich/). Die Normen verschiedener Menschen können voneinander abweichen, somit ist für viele nur normal, was eben auch selbstverständlich ist. Wie du im Artikel darlegst, ist das aber durchaus nur subjektiv.

    Die Normalität auf die der Autor sich so vehement bezieht, scheint mir in ihrem Kern eine heuchlerische und konstruierte zu sein. Europa schreit auf, weil plötzlich die heile Welt, in der wir jahrelang lebten, Risse bekommt. Die heile Welt, die ihre Normalität daraus speist, dass beispielsweise täglich ungezählte Menschen aufgrund von Nahrungsmittelknappheit, schlechten Arbeitsbedingungen und Armut sterben.
    Nun ist die Kritik naheliegend, dass das Thema des Umgangs mit Terrorismus nicht in diese Dimensionen gehört und es ist nun möglich wie O’Neill zu sagen:
    „Und dann gibt es die Schlaumeier, die glauben, uns daran erinnern zu müssen, dass wir allemal eher bei einem Autounfall oder beim Ausstieg aus der Badewanne sterben werden als bei einer Terrorattacke.“
    Dem möchte ich eine weitere Feststellung aus deinem Blog entgegenhalten. Unfälle passieren und sind dem menschlichen Versagen geschuldet, aber Missstände und Ungerechtigkeiten sind durchaus nicht normal und sollten allesamt bekämpft werden. Es ist wichtig sie genauso wie einen Terroranschlag als einen Angriff auf einen Wertekonsens, wie ihn unter anderem auch O’Neill anspricht, zu verstehen.

    Und manchmal mischt sich das sogar. Zum Beispiel. http://www.zeit.de/gesellschaft/2017-06/grossbrand-london-grenfell-tower-einsparungen-missmanagement/komplettansicht
    Hier begegnen uns soziale Ungerechtigkeit und eine politische Klasse, die kein Ohr für die Nöte ihrer Bürger*innen hat. Werte wie Gleichberechtigung und Mitspracherecht, sowie das Bestreben ein Auseinanderdriften der Schere zwischen Arm und Reich zu verhindern, wurden und werden mit Füßen getreten. Ebenfalls etwas, das schon längst Normalität geworden ist. Daher sollten wir solche Phänomene ebenso dauerhaft hinterfragen und dagegen aufstehen. Ist nicht zuletzt sich ungehört und am Rand der Gesellschaft zu fühlen ein Grund, der oft zu erhöhter Gewaltbereitschaft und Radikalisierung führt.

    Apropos wache Gesellschaft und kritische Gesellschaft, die sich für das was in der Welt passiert interessiert – hier in Bogotá sterben täglich Menschen nur aufgrund der fehlenden Infrastruktur bei Unfällen oder weil die Rettungsdienste zu spät kommen, aber auch aufgrund Gewalttaten, die in sozial schwächeren Viertel durchaus häufiger vorkommen. Darüber wird sehr selten und wenn dann nur am Rande in deutschen Medien berichtet. Doch genau 5 Stunden nach einem mutmaßlichen „Attentat“ in Bogotá, ist das in den deutschen Medien. Ich frage mich, ob es daran liegt, dass auch eine Französin gestorben ist, oder ob das Wort „Terror“ die Meldung wichtig genug macht.

    Ich möchte mit diesen Worten nicht den Terror verharmlosen, sondern lediglich darauf aufmerksam machen, dass ein Wertesystem durch mehr bedroht wird als durch Anschläge. Wenn wir Gewalt nicht als etwas Normales akzeptieren wollen, müssen wir diese Haltung auch auf passive, von uns ausgeübte Gewalt ausweiten.
    Des Weiteren scheint O‘Neill kritisches Denken zu fordern und verwehrt sich islamophoben Denken:
    „Nicht in Panik oder emotionalen Post-Terrorismus zu verfallen, ist zweifellos ein positiver Charakterzug. Und obendrein das beste Gegenargument gegenüber der Panikmache, dass auf islamistische Mordtaten ein «islamophober Backlash» folgen müsse: Die Bevölkerung verhält sich zivilisiert, nicht hasserfüllt.“

    Nur empfinde ich das als wenig glaubwürdig, da O‘Neill ein paar Sätze davor und darauf nichts Besseres weiß, als schwarz-weißes Oppositionsdenken zwischen „uns“ und „den anderen“ zu manifestieren. Gerade dieses Ziehen von Grenzen schürt Ängste und bietet einfache Auswege aus einer komplexen Problematik. Dass er sich hier im Duktus der Rechten bewegt, die das scheinbare Erodieren von Grenzen zum Anlass nehmen um mehr Abgrenzung zu fordern, sieht er nicht.
    („und sie entheben uns der Verantwortung, darüber nachzudenken, wie wir in Wort und Tat auf jene reagieren sollen, die uns hassen und uns töten wollen.“![…]Diese drei Attacken waren gezielte Angriffe auf uns – auf Sie und mich – und auf das, was wir sind. Es waren Gewaltakte gegen unsere Mitbürger und unsere Gesellschaft. Und perfiderweise erodiert diese neue Gewalttätigkeit die in den meisten Konflikten bestehende Linie zwischen eigenem und feindlichem Terrain. Die Bombenleger und Messerstecher, die Feinde unserer Wertvorstellungen, sind unter uns; sie sind aus unserer Gesellschaft hervorgegangen.“)

    Natürlich kann es trotz allem keine Lösung sein, zu akzeptieren, dass Terror existiert. Nur die Motivation etwas dagegen zu setzen, sollte man nicht aus dem nächsten Terroranschlag ziehen, sondern eben aus einem intakten, konsequenten Wertesystem.

    Ich würde mir an dieser Stelle konkrete Vorschläge wünschen, anstelle des schon oft gehörten Rufs nach „“ein[em] selbstbewusstere[n], prodemokratische[n] öffentliche[n] Leben“.

    Wir sollten vielmehr in kreativen, neuen Ansätzen denken, die sich wegbewegen von Oppositionsdenken und mehr tun als den Versuch zu kritisieren, durch Aufrufe zur „Normalität“ Panik und Hetze zu verhindern. Hier bleibt O’Neill sehr vage. Und wie er als Einzelner physisch die öffentlichen Räume schützen will, führt er ebenfalls nicht weiter aus, was bei mir einen seltsamen Nachgeschmack hinterlässt.

    1. Du gehst mit deiner Kritik auf Punkte ein, die ich bei einer genaueren Auseinandersetzung mit O’Neills Artikel auch diskutiert hätte – vielen Dank dafür!

      Ich habe durch die Tage in London – und das hat sich nach dem nächsten Anschlag aus der vergangenen Nacht auch bestätigt – wertvolle Erfahrungen, positiver Natur, gemacht. Ich habe erfahren, dass es möglich ist, sich ohne viel Heroismus als Teil eines Wertesystems zu begreifen, das mit seinem Alltag Widerstand leistet und trotzdem „normal“ (natürlich konstruiert) weiter lebt. Dass es nicht immer nur um das eigene Leben geht, sondern tatsächlich um Ideale gehen kann.

      Mir wurde auch noch klarer, dass der Unterschied zwischen kritisch-liberalen/linken/autonomen Denken und neurechten Ideologiesuche durchaus in den Erfahrungen liegt. Ich habe nicht viele direkte Erfahrungen mit Flüchtlingen und Terror machen können, aber bereits die wenigen aus London und vor der Reise nach Brüssel haben gereicht, um niemals mehr in „uns“ und „andere“ zu unterteilen. Deine Berichte aus Bogotá und der Verweis auf fehlende europäische Perspektiven auf diese Gesellschaftsprobleme bestätigen das.

      Es gibt nämlich überhaupt keine „heile“ Welt. Es gibt nur die Welt, die wir uns konstruieren – und wie das geschieht, das bestimmt das Bewusstsein und die Ermöglichung von Freiheit.

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