Gaston de Pawlowski: „Reise ins Land der vierten Dimension“

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Der Raum ist eigentlich viel zu wenig Mysterium. Jeden Morgen wachen wir in ihm auf, jeden Abend ist er da, bis wir die Augen schließen. Wir alle erkennen Dinge nur, weil sie Teil eines Raumes sind. Aber was ist der Raum selbst? Und steckt etwas hinter ihm?

Es ist möglich, in jeder Epoche, vermutlich sogar in jedem Land (mindestens seit der Aufklärung) Kronzeugen für diese Frage(n) zu finden. Doch selten sind sie so eigenwillig und pervertiert unterhaltsam wie Gaston de Pawlowski, der in dieser Frage als Statthalter der Moderne gelten kann.

Dieser veröffentlichte, nachdem er 1901 zunächst einen Juraabschluss gemacht hatte, zwischen 1908 und 1912 den Roman „Reise ins Land der vierten Dimension“, als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift Comœdia.

Wovon handelt dieser Roman? Im Grunde von einem magischen Land.

Das magische Land ist unvorstellbar, im tatsächlichen Sinn des Wortes: eine vierte Dimension, ein „Raum“, ein „Reich“ ohne die Begrenzungen, die der uns Lesern eigentlich bekannte mit sich bringt. Der Erzähler nimmt den Leser als Reiseführer mit durch dieses Land.

Aber natürlich nicht wortwörtlich und vor allem nicht im Ernst. Vielmehr nutzt Pawlowskis Erzähler in seinen Episoden den Topos der vierten Dimension und seine Unvorstellbarkeit um zwei Dinge zusammenzuführen, die eigentlich nicht zusammenpassen: Wissenschaft und Schwärmerei. Mit pseudowissenschaftlichen Erkenntnissen will das Buch unentwegt Dinge zusammenführen, die gar nicht zusammen passen.

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Was dazu führt, dass Pawlowskis Reise durch dieses Land der vierten Dimension unentwegt brilliert. Als ein Prototyp das Zeitalters der Moderne, aus dem sie entstammt, erzählt sie ein ums andere Mal komplett Neues: von neuen Mythen, neuen Entdeckungen, neuen gesellschaftlichen Entwicklungen. Mal vom Feminismus, mal vom autokratischen Staat. Mal von Darwin, mal von Bismarck, mal von Nietzsche oder dem Marquis de Sade.

Immer sucht sie mit diesen willkürlich erscheinenden Mitteln nach einem Weg, das alles zusammenzudenken, in einer neuen Dimension, einer neuen Weltform eben. Alles wird dafür ernst und zugleich aufs Korn genommen, in dieser Episodenfolge um der Episoden willen. Es geht um Leben – und um Formexperimente.

Letztere vor allem stellen übrigens nicht nur den Leser, sondern auch den Verleger auf die Probe. Schriftsteller sind ja bereits per definitionem eigenwillig. Sie kritzeln Zeichen auf Papier und erheben schon mit dieser scheinbar deutlich eintönigen Aktivität Originalität für sich.

Der Verleger muss dieser grundlegenden Exzentrik des Künstlertums schon ohne viel Dandytum, was Pawlowski definitiv eigen war, mit Mühe und Not beikommen. Was aber wenn der Autor offenbar derart unwillig gegenüber jedem Regelwerk steht wie hier?

Die Antwort des Berliner Verlag Zero sharp scheint zu sein: Gleiches mit Gleichem vergelten. Denn die Neuauflage und -übersetzung von Pawlowskis Roman ist nicht nur inhaltlich, sondern auch gestalterisch ein Zerpflücken von Herkömmlichem.

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In überdimensionalem Format, mit gelinde gesagt gut lesbarer (–riesiger!–) Schrift ist das broschierte Buch alles andere als ein handliches Taschenbuch. Es gleicht eher einem Kunstband, vor allem angesichts der eingeschossenen Glanzseiten, die zu 95 Prozent mit lackierten Illustrationen bedeckt sind, ausgeführt durch die beiden Gestalter Anton Stuckardt und Rudy Guedj.

Deren schwarzweiße Linien- und Formtornados, sporadisch collagiert versetzt, avancieren spätestens mit diesem Buch zum Markenzeichen des Verlags. Denn wie schon in den vorausgegangenen Publikationen, insbesondere der Übersetzung von Raymond Roussels unveröffentlichtem Roman Flio zeigen diese scheinbar rast- und ziellos wildernden Netzwerke auch hier, dass Form und Inhalt nicht auf Anhieb und schon gar nicht offensichtlich miteinander übereinstimmen müssen.

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Denn dann ist nicht nur Raum für neue Formen, sondern dann kann Bewegung an sich Stil werden und Ungereimtheit eine Kunstform, die Möglichkeiten schafft. Wird sie auf die Spitze getrieben, zeigt sie sogar auf ganz Grundlegendes, das den Menschen „im Innersten zusammenhält“.

Wer Pawlowski und den Illustrationen dieses eindrucksvollen Bandes zuhört und sich nicht ständig fragt, wovon hier konkret gerade geredet wird (und was bitte diese seltsamen Zeichnungen damit zu tun haben), der hat die Chance, ein wenig Besinnung auf den eigentlichen Zweck des Menschen und die Möglichkeit, frei zu werden, zu erhaschen.


Experimentierfreudige Literaten und solche, die es werden wollen, können Gaston de Pawlowskis „Reise ins Land der vierten Dimension“ für 25 Euro beim Verlag zero sharp bestellen.

Für noch Radikalere bietet der Verlag übrigens dort auch ein einzigartiges Abo-Angebot an: Bei Vertragsschluss erhalten Leser 20 Prozent Rabatt auf die nächsten vier Publikationen des Verlages. 

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