La vita è bella – Das Leben ist schön

Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. – Friedrich von Schiller  

In einer Zeit, in der die Menschlichkeit
verloren geht, besinnt sich ein
Vater auf die Kraft der Imagination,
des Geschichtenerzählens und seinen
Glauben an die Schönheit des Lebens.

Das Leben ist schön! Eine Aussage,
eine Einstellung, die viel zu
leicht in den Hintergrund
rückt. Auch ich vergesse dies oft,
über die Grausamkeiten und
Ungerechtigkeiten
in der Welt oder einfach
nur durch den
alltäglichen Stress.

Vor ein paar Tagen wurde mir
diese Weisheit
wieder ins Gedächtnis gerufen.
Durch den gleichnamigen Film
von Roberto Benigni:
La vita è bella – Das Leben ist schön

Was für ein Film. Nicht zum
ersten Mal habe ich dieses
kinematographische Meisterwerk
gesehen. Doch das erste Mal wollte ich
danach darüber schreiben.

Warum?

Weil dieser Film eine Form des
Widerstandes zeigt,
die mich fasziniert, die ich bewundere!

Widerstand dagegen, dass es Guido Orefice
verwehrt wird, seine Lebensgeschichte selbst
weiterzuspinnen. In einer Situation, in der
das ganze Leben fremdbestimmt wird und er
alles verliert, hört der liebende Vater nicht auf,
seine Geschichte und die
seines Sohnes selbst weiter zu erzählen. 

Er nutzt für seinen Widerstand die Macht der
Phantasie, der Sprache und des Lachens.

Charmant wie der Protagonist selbst erzählt
uns der Film zunächst eine Liebesgeschichte
und bleibt auch im zweiten Teil eine
Liebeserklärung an das Leben
in all seinen Facetten.

Der Film nähert sich den Gräueltaten der
Nazimachenschaften über
tragisch-komödiantische Szenen.
Dies gelingt, da Guido in der Lage ist,
in der größten Tragik, in
existentieller Not ein Lachen
zu finden. Er ist ein Geschichtenerzähler,
ein Künstler, der sich darauf versteht,
das Leben in seiner Ernsthaftigkeit
als Spaß zu verstehen.
Er lacht. Das Lachen als Waffe gegen das Leid
der eigenen und der ganzen großen Welt.

(Wer den Film nicht kennt, sollte ihn erst schauen
und erst dann diesen Kommentar weiterlesen,
damit nicht zu viel vorweggenommen wird.)

Dabei verdrängt oder verklärt Guido die Realität
nicht – ganz im Gegenteil, er blickt ihr mutig ins
Gesicht. Er trotzt ihr und versucht alle
Möglichkeiten, die sich ihm in der
Ausweglosigkeit eines Konzentrationslagers
bieten, zu sehen und wahrzunehmen.
Er glaubt an das Leben
und verliert, trotz aller Strapazen,
unmenschlichem Leid und Gräueltaten um
ihn herum, nicht die Hoffnung.

So macht er die Zeit im Lager zu einem Spiel.

Sein Ziel: In jeder, noch so ausweglosen
Situation etwas Spielerisches zu finden und zu
lachen, um so seinen Sohn und sich selbst vor
der Hoffnungslosigkeit und dem Tod zu retten.
Tausend Punkte gilt es zu erreichen und
der Preis ist ein Panzer.

Guido handelt dabei keineswegs naiv, sondern
ist sich dem Ernst der Lage durchaus bewusst.
Doch er besitzt die Einstellung, den Mut
und den Willen auf seine eigene Weise
Widerstand gegen ein übermächtiges System
voller Repression zu leisten. In der Hoffnung,
mindestens seinem Sohn den Blick in den
unendlichen Abgrund zu ersparen.

Er zeigt uns, dass wir immer
versuchen sollten den
Mut aufzubringen, einen Schritt zurück zu
treten, um etwas Distanz zu uns selbst und
unseren Problemen zu gewinnen. Dadurch
verliert der Ernst des Lebens selbst in Form
von realen Todesängsten eine Dimension
seiner Macht. So gelingt es Guido immer
wieder Schritte nach vorne zu gehen.
Er denkt außerhalb des Systems,
dadurch kann ihn dieses nie
ganz vereinnahmen oder
sogar brechen. Er sieht
immer noch mehr. In einer anderen Idee,
auf einer anderen Ebene, in einer anderen
Geschichte findet er einen Weg
aus der Aussichtslosigkeit. 

Guido konstruiert durch die Kraft seiner
Phantasie und die Kunst seiner Worte
nicht nur ein Spiel, sondern verändert
die Realität seiner Welt und die seines Sohnes.
Er resigniert nicht. Im Gegenteil, er erhebt sich
und leistet Widerstand.

Guido überlebt das Konzentrationslager nicht.
Giuosué erreicht die tausend Punkte, indem er
sich versteckt und wartet, bis nichts mehr
zu hören ist. Er hat gelernt, dass er nur durch
Geduld und Durchhaltevermögen in die
nächste Runde kommt.
Auf einem amerikanischen
Panzer zieht der Junge, im Glauben das
Spiel gewonnen zu haben, aus dem KZ aus.
Er sieht seine Mutter unter den flüchtenden
Frauen, somit sind die beiden wieder vereint.

Das wäre in der Realität womöglich nicht
passiert, aber viel wichtiger als die Frage,
ob die Geschichte nun realistisch ist oder nicht,
ist die Botschaft des Films. Die Kunst und das
Erzählen sind eine Form des Widerstands,
durch sie kann Leben und Menschlichkeit
inmitten von Grausamkeit, Unterdrückung
und Wahnsinn bewahrt werden.

Der Film schließt mit Giuosués Worten: „Dies ist meine Geschichte, dies ist das Opfer, welches mein Vater erbracht hat, dies war sein Geschenk an mich. Wir haben das Spiel gewonnen.“

Dieser Mut, dieser Wille zum Leben und
die Rolle der Kunst sind nicht nur im Film
Quell für Hoffnung und Menschlichkeit.
Dies wurde mir erst kürzlich an anderer
Stelle auf beeindruckende Weise bewusst:

„Dass man den Gefangenen
elementare Menschenrechte vorenthielt,
war die machtvollste Waffe
des syrischen Regimes.
Die inhaftierten Frauen
hingegen setzten vor
allem ihre Fantasie als Waffe ein. Nur so
konnten sie die
Wände ihrer verschimmelten,
feuchten, dunklen Zellen überwinden.
Dazu kamen die Lieder.
Ich habe keine einzige
ehemalige Gefangene getroffen, die nicht
von den Liedern gesprochen hat, und alle
erzählten sie, dass ihre
Gesänge tief aus dem
Inneren ihres Menschseins kamen.
Sie kämpften also mit der
Schönheit von Kunst und Musik
gegen das Hässliche an.
Und mit der Hoffnung.“
(Frauengefängnisse: Vergewaltigt in Syriens Kellern;
ZEIT Online vom 26.5.2017)

*

Damit das Leben eine Chance bekommt, schön zu sein, können wir mit Liedern, Geschichten und der Magie der Phantasie dafür kämpfen und somit Widerstand leisten.

– Linda Kirsch, Till Veerbeck

 

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