Jörg Baberowski über Kulturrassismus und linke Politik

Die NZZ hat am 20. Mai ein ziemlich eindrückliches Interview geführt und ich glaube, es ist lohnenswert, sich damit zu beschäftigen.

Gesprächspartner war der Historiker Jörg Baberowski. Er ist versiert in der Geschichte Osteuropas, hat insbesondere zu den Gulags geforscht und eine Biografie Stalins verfasst. Außerdem erschein 2015 sein Buch „Räume der Gewalt“, dessen einleitende Kapitel einen wichtigen Bestandteil meiner Bachelorarbeit zur Gewalt in Roberto Bolaños Roman „2666“ und W.G. Sebalds „Austerlitz“ ausgemacht haben.

Baberowski hat sich seit der Flüchtlingskrise von 2015 immer deutlicher gegen die derzeitige Auslegung des Asylrechts ausgesprochen, etwa in einem FAZ-Gastbeitrag, in dem er schrieb, Deutschland gebe „seine nationale Souveränität auf und überlässt es illegalen Einwanderern, darüber zu entscheiden, wer kommen und wer bleiben darf“. Wie die taz berichtet, wurde er daraufhin von der Asta der Uni Bremen als rechtsradikal und rassistisch bezeichnet und war Gegenstand einer Kampagne, mit der ein Vortrag von ihm auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung an eben derselben Uni verhindert werden sollte.

Sein NZZ-Interview folgt auf ein Urteil gegen die Asta Bremen, die ihn laut Beschluss zwar „rechtsradikal“, aber nicht „rassistisch“ und „gewaltverherrlichend“ nennen darf, da es für die mit letzteren Begriffen verbundenen Thesen keine Anhaltspunkte gebe.

Baberowski legt, gestärkt durch das Urteil, in seinen Antworten auf die engagierten und bissig entgegnenden Fragen von NZZ-Reporter Réne Scheu, nun in Bezug auf die Problematik dieser Begriffe eine Fülle an Thesen vor, von denen eine kontroverser als die andere ist. Sie betreffen vor allem das Thema linker politischer Identität, gesellschaftlicher Debattenkultur und die Frage nach der Beurteilung von rechter Politik zwischen den Begriffen rechtsextrem und konservativ.

Ich will einige seiner Antworten (nicht chronologisch) durchgehen, in der Hoffnung, ein wenig meine Verwirrung, die mich beim Lesen des Interviews immer wieder überkam und vielleicht auch einige Theorien über das Problem der politischen Richtungsbezeichnungen und ihrer Gegensätzlichkeiten zutage zu bringen.

Fangen wir mit etwas Verständlichem an, die Debattenkultur betreffend:

Höflichkeit und Respekt im Umgang miteinander sind unabdingbar für eine offene, liberale Gesellschaft – aber Respekt heisst auch: dem Gesprächspartner freies Denken und Sprechen zuzumuten. Die Tabuisierung ist ein Akt der Respektlosigkeit, weil sie dem anderen unterstellt, er sei zu dumm zu verstehen, was gesagt wird.

So weit, so liberal. Gegen Tabus bin ich auch. Jedem seine eigene Freiheit – im Übrigen auch in Sachen Religion. Findet Baberowski auch:

Es gibt keinen Islam, der das Denken und Handeln von Menschen anleitet. Es gibt immer nur Individuen, die von sich sagen, sie seien vom Glauben geleitet. Gott ist jemand, der nicht einfach da ist, sondern erkannt werden will.

Auch das liest sich sehr positiv, finde ich. Baberowski ist aufgeklärt, trennt Politik und Privatsachen konsequent und wehrt sich gegen die Pauschalisierung des politischen Machtinstruments Islam.

Er ist aber auch der Meinung, dass er mit dieser aufgeklärten Haltung recht allein da steht, dass „die Linke“ – wer auch immer das genau ist – diese Idee verraten habe:

Die Aufklärung hat uns darüber belehrt, dass Argumente unabhängig von der Person gelten sollen. Die Linke hat sich von dieser Errungenschaft freien Denkens verabschiedet. Sie hat den Menschen wieder zum Gefangenen seines Stammes, seines Standes, seiner ethnischen und religiösen Zugehörigkeit gemacht. In dieser Wirklichkeit kann man Prestigegewinne erzielen, wenn man sich auf Herkunft und Kultur beruft.

Man kann kritisieren, dass in einigen Kreisen links orientierter Gruppen es wichtiger ist, eine außerordentliche Identität und einen damit verbundenen, fast anarchistischen Freiheitsgeist zu haben, als sich konkret mit aktuellen politischen Lagen auseinanderzusetzen. Aber dann gleich alle über einen Kamm scheren?

Da scheint jemand wirklich schlechte Erfahrungen gemacht zu haben. Dass er als rechtsradikal bezeichnet wurde, muss Baberowski ziemlich gewurmt haben, denn er lässt sich auch zu Aussagen wie dieser hier hinreißen:

Wer im öffentlichen Raum als linksextrem bezeichnet wird, kann mit den Schultern zucken, denn er ist weiterhin satisfaktionsfähig. Rechtsradikal ist hingegen jemand, der aus dem Gespräch ausgeschlossen und stigmatisiert ist. Es handelt sich um einen diffamatorischen Begriff, dessen Verwendung anderen Menschen Schaden zufügt. Gegen ihn muss man sich wehren, wenn man sich von den selbsternannten Tugendwächtern nicht moralisch erledigen lassen will.

Stop.

Hier muss genauer hingeschaut werden. Fangen wir oben an: Linksextreme sind im öffentlichen Raum definitiv nicht durch die Bank satisfaktionsfähig (d.h. haben noch „ihre Ehre“). Leute, die Autos fremder Menschen, die sie nicht kennen, auf Antifa-Demos anzünden, werden von der Öffentlichkeit nicht ausnahmslos ehrenvoll betrachtet.

Und zweitens: Ja, tatsächlich, Rechtsradikale gehören aus bestimmten Gesprächen ausgeschlossen. Wer sagt, das Flüchtlingsheime angezündet gehören, ist genauso zurecht stigmatisiert wie jemand der fordert, dass Bankkaufleute geschlossen in den Knast gehören. Nicht weil er oder sie einer bestimmten politischen Richtung zugehören – sondern weil sie unvernünftig sind. Dies zu relativieren ist gefährlich.

Folgt man Baberowski weiter, so ist für ihn aber auch klar, dass ich diese Position bezüglich des Begriffs „rechtsradikal“ unfrei beziehe – denn ich bin für ihn Teil einer gesellschaftlichen Gruppe, die mit diesen Begriffen agiert, ich betreibe Hegemonie für linkes Gesellschaftsverständnis.

Wobei wir dann beim Lesen des Interviews auf einmal mitten im Schlachtfeld der Hegemonie-Theorie von Gramsci und Konsorten sind. Auf dem sich Baberowski auf der Seite der Unterdrückten wähnt:

Zöge jemand die Fäden, wäre es einfach, sie ihm auch wieder aus der Hand zu nehmen. Die Wirkung der kulturellen Hegemonie und ihrer politisch korrekten Sprache besteht ja […] darin, dass es keinen Urheber mehr gibt, dass sich die repressiven Strukturen verselbständigt und von benennbaren Personen emanzipiert haben. Niemand verordnet etwas, aber alle glauben, sie müssten etwas tun, weil es alle anderen auch tun. Wie wirkmächtig die Hegemonie des politisch Korrekten ist, können Sie jederzeit an sich selbst erproben, und zwar genau in jenem Moment, in dem der Sprachautomat in Ihnen das Sprechen übernimmt.

Und das, das ist theoretisch und historisch erwiesen leider neurechte Rhetorik.

Was nicht heißt, dass Baberowksi einer ist. Aber er begibt sich gefährlich nah in ihren Dunstkreis. Denn er schreitet im Interview weiter mit einer Apologetik des Begriff „rechts“ fort:

Wer wagt es heute noch, von sich zu behaupten, er sei rechts? Ein Rechter, nun ja, das ist so jemand wie ein Pädophiler oder ein Kinderschänder. Der Begriff dient in erster Linie als Diffamierungsvokabel, um Andersdenkende aus dem demokratischen Diskurs auszuschliessen.

Wieso reitet er ständig auf diesem Begriff herum, statt sich einfach klar als Konservativer zu positionieren? Niemand würde ihn aus dem Gespräch ausschließen, wenn er starke konservative Positionen bezieht. Stattdessen tändelt Baberowki, schön die Provokation kalkulierend, um die Grenze zum Abscheulichen herum und teilt von dort gegen alles was ihm an „Moralaposteln“ krumm kommt, aus:

Nicht um die Plausibilität von Argumenten geht es, sondern darum, auf der richtigen Seite zu stehen. Eine sachliche Auseinandersetzung ist unter solchen Umständen unmöglich. Daran sind jene, die die Moral auf ihrer Seite wissen, auch gar nicht interessiert. Wer ein Argument nicht danach beurteilt, ob es plausibel ist, sondern danach, wer es vorträgt, muss seinen Verstand überhaupt nicht mehr bemühen.

Lieber Herr Baberowski: Mit solchen Antworten reden Sie nicht plausibler als die undeutlich markierte Masse an Menschen, die sie undifferenziert, aber dennoch enorm persönlich angreifen.

Sie entziehen sich jedem Urteil über bestimmte Aussagen – und erweisen sich dadurch erst recht als ein Mann, der von einer mit den Argumenten der Gegenüber unversöhnlichen Positionen aus nichts anderes kann, als mit erhobenen Zeigefinger als der Mann mit der besseren Moral aufzutreten und wie im Sandkasten mit Sand zu schmeißen, weil anderen die Farbe Ihres Förmchens nicht passt.

Und das ist eigentlich noch nicht mal rechts, das ist einfach armselig.

1 Kommentar zu „Jörg Baberowski über Kulturrassismus und linke Politik“

  1. Berechtigte Kritik an einem Interview, in dem auch einiges gesagt wird, was stimmt. B. differenziert nicht zwischen einem linken Typus, den es tatsächlich gibt und der auch erheblichen Einfluß auf Medien und Politik hat. Nur gibt es gerade auch in der Linken seit einiger Zeit eine immer skeptischer werdende Haltung in Bezug auf die politische Korrektheit. Ob derjenige Teil der Linken, der sich nur noch um Idenditätspolitik kümmert, überhaupt noch als links bezeichnet werden kann, ist eine weitere Frage.

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