Selbstermächtigung und Öffnung des Lebens

Ich schreibe des öfteren in meinen Beiträgen von „Selbstermächtigung“. Dabei handelte es sich bisher meistens um kleine Anmerkungen zu anderen Thesen um ein Konzept, das für mich mit persönlicher Freiheit zusammenhängt, darzustellen. Ich habe vor einigen Tagen meine Gedanken ausschließlich auf dieses Konzept geworfen und versucht, erste Leitsätze für seine reale Bedeutung zu finden.

Jeder Mensch sucht nach seinem Platz in der Welt. Das geschieht auf unterschiedliche Weisen zugleich, aber grundlegend immer in drei wichtigen Punkten: Körperlich, ideologisch und sprachlich. Der Mensch sucht einen Platz in seiner Umgebung, in seinen Gedanken und in seinen Worten.

Vielen erscheint es auf dieser Suche, manchen früher, manchen später, in bestimmten Situationen so, als läge diese Suche nicht in ihrer Hand. Sie fühlen sich fremdbestimmt. Geht dieses undeutliche Gefühl über in eine konkrete Verfasstheit des Lebens, spricht man von Gefangenschaft.

Gefangenschaft kann sich ebenfalls in den drei genannten Kategorien des Lebens ausdrücken.

Die körperliche Gefangenschaft, so scheint es, müsste davon die am einfachsten zu definierende sein. In Ketten gelegt, hinter Gitter gesteckt, im Zimmer eingesperrt, in einem Land zu bleiben gezwungen… Kurz: Wenn der Mensch Körperteile oder seinen ganzen Leib nicht mehr in alle Richtungen bewegen kann, dann ist er laut Begriff gefangen.

Wird jedoch tiefer gegraben, verzerrt sich, wie immer bei eingehender Betrachtung der Welt, das Bild dieses Begriffs und offenbart seine Schichten. Dann stellt sich die Frage nach der Gefangenschaft nicht nur des Körpers in seiner Umgebung und in Bezug auf die Bewegungsfreiheit, sondern „des Menschen“ im Körper selbst. Es ist der Kern des alte Leib-Seele-Problems, das sich in einer einzigartigen, extremen Weise auch im besonderen eigenen Körperverständnis von Behinderten äußert.

Eine Betrachtung des eigenen Körpers an sich stellt die Frage nach der Gefangenschaft anders: Es fragt nicht (mehr) nach den äußeren Umständen, die zur Gefangenschaft führten, sondern legt den Maßstab ausschließlich an die eigenen Gefühle: Willst du in diesem Körper sein, so wie er geschaffen und in der Welt positioniert ist? Kannst und willst du an der Antwort auf diese Frage etwas ändern?

Eine klare Haltung zu diesen Umständen wäre möglich, wenn die Frage klar zwischen Behaglichkeit und Unbehagen im eigenen Körper getrennt wird. Es wäre dann eine Ja-oder-Nein-Entscheidung. Ja zum Körper oder Nein zum Körper.

Aber so einfach ist das nie. Denn eine solche Entscheidung kann nicht durchgehalten werden. Wer etwa ungewollt oder überraschend Glück empfindet, fühlt sich behaglich, kann einen möglichen Rückbezug auf seine Haltung zu seinem Körper, der dieses Glück (ob hormonell oder einfach undefiniert physiologisch) ja erst ermöglicht, aber erst im Nachhinein herstellen. Die Emotion ist dem Urteil über den Körper vorgelagert und vermag ihn ohne dass wir es kontrollieren können, in eine andere Perpektive rücken. Das Leib-Seele-Problem ist also komplexer, als es zunächst scheint.

Zum Glück, will man sagen, ist es das. Denn gäbe es nur ein Ja und ein Nein zum Körper, wie drastisch optimistisch wäre dann der eine Teil der Menschheit und wie unheilbar pessimistisch der andere? Oder anders gesagt: Wie schwarz-weiß wäre die ideologische Situation der Menschheit? Einzig auf ihr eigenes Leben bedacht, wären sie dem Vitalismus, der positiven Lebensphilosophie oder eben dem Pessimismus, dem (An-)Nihilismus, vermutlich ohne Ausnahme einfach ausgeliefert.

In den also tatsächlich glücklicherweise für die natürliche Fortentwicklung des Menschen vorhandenen Grauzonen dazwischen, in den affektiven Schwankungen zwischen absoluter Bejahung und absoluter Verneinung der Frage nach der körperlichen Gefangenschaft an sich, steckt nicht nur die körperliche Rettung des Menschen vor dem Tod, sondern zugleich auch ein Keim des Sozialen.

Der Mensch interagiert nämlich (unter anderem) sozial, weil er sich ideologisch feststellen will. Dazu dient ihm vor allem ein Vorgang: Er nimmt die Instinkte, die sich ihm natürlicherweise aus der Frage nach seiner Haltung zum Körper zeigen und vergeistigt sie. Fühlt er sich schlecht, versucht er, dieses Gefühl in Gedanken umzuwandeln, „um es besser zu verstehen“. Dies ist ein produktives Moment, der Mensch wird aus seinen Sorgen um sich heraus aktiv und denkt über sich nach. Aus den Ergebnissen will er dann seinen ideologischen Platz feststellen.

Was dabei aber nicht passieren darf ist, dass aus den ersten Resultaten dieser Vergeistigung voreilige Schlüsse gezogen werden .

Wer nämlich einen Instinkt vergeistigt und die dabei entstehenden Gedanken direkt zur Grundsatzordnung seines Lebens macht, begeht den vielleicht größten Fehler, den die Vernunft begehen kann. Diese setzt dann nämlich das ideologische Urteil mit dem darin enthaltenden Urteil über die körperliche Gefangenschaft gleich. Ein schlechtes Gefühl wird, wenn es unreflektiert bleibt, zu einem unbearbeitbaren, schwarzen Gedanken: Mit der sofortigen Entscheidung für eine Weltsicht, die unmittelbar aus den eigenen Instinkten und Affekten entsteht, begibt sich der Mensch in ideologische Gefangenschaft.

Dieser Vorgang wird verstärkt bei intensiven Fremdheitserfahrungen. Wer sich seines Platzes in der Welt nicht sicher ist – und das ist heutzutage beinahe jeder -, reagiert auf Fremdheit besonders sensibel. Das Gefühl beim Erfahren des Fremden führt bei einer direkten Vergeistigung zum simplen Urteil: „Da ist etwas, das ich nicht kenne, das mir unheimlich ist, aber offensichtlich selbst seinen eigenen Platz kennt. Wie könnte es mir sonst absolut fremd sein, wenn es nicht seinen einzigartigen Platz in der Welt hat, den es mir nicht erklären braucht, so selbstsicher ist es? Diese Selbstsicherheit ist aber der meinen entgegengesetzt, also ein Feind – sonst würde ich sie ja begreifen.“

Dieses Urteil ist ein Fehlschluss. Denn nur weil etwas einem fremd erscheint, heißt das nicht, dass diese Fremdheit für es selbst absolute Individualität bedeutet, die es behaupten kann und will. Es ist ein Fehlschluss, der meistens aus Vorurteilen heraus entsteht, die die ideologische Gefangenschaft aber wiederum nicht als etwas zulässt, dass man an sich selbst kritisieren kann.

Das Ergebnis ist der Neid um die Position des Fremden, das frei bestehend existieren darf, während man selbst dadurch in seinem Lebensstandpunkt ins Wanken gerät. Wird der Neid gärend, verwandelt er sich in Wut, schließlich entsteht Hass. Fremdenhass.

Hass will, weil er als Hass auf etwas gerichtet und aktiv ist, artikuliert werden. Die daraus resultierenden Taten, die das Fremde hasserfüllt angreifen, werden immer von Sprache wenn nicht vorbereitet, so doch begleitet. Das macht den Hass zum Vehikel des (unfreiwilligen) Ausdrucks von sprachlicher Gefangenschaft.

Hass als Ausdruck von gegen Fremdes gerichteten Neides ist auf seine eine, negative Richtung beschränkt. Die Sprache leidet unter dieser Gefangenschaft. Sie wird flach, verliert an Widerstandsfähigkeit und Kritikpotenzial. Sie kennt nur noch einfache Trennungen: gut und schlecht, für und gegen – und missachtet die eine Seite, wenn sie unter Hass auf die andere sürzt. Sie, die eigentlich zum vielseitigen Ausdruck da ist, wird von der Ideologie des Hasses in ein schwarz-weißes Schema gepresst.

Selbstermächtigung ist der dieser Entwicklung von der letztlich unbeantwortbaren Frage des Leib-Seele-Problems über die unreflektierte Gefangenschaft in einer widersinnigen Ideologie hin zum hasserfüllten Ausdruck einseitiger Weltsichten entgegengesetzte Prozess. Sie ist ein Prozess des Öffnens.

Das Öffnen ist ein Vorgang, der Mögliches sichtbar macht. Es ist zudem einer, der hoffen lässt. Zuletzt ist auch einer, der Lust auf die Suche nach Erklärungen macht.

Dieser Vorgang hat in seinen Anfängen nichts mit der Gesellschaft zu tun. Er findet im Einzelnen statt. Seine einzige Voraussetzung ist ein simpler Entschluss: Sein Selbst als etwas anzunehmen, an dem gearbeitet werden kann.

Das Öffnen ist dann die Form der Arbeit am eigenen Selbst, die zu wachsender Selbstermächtigung führt. Arbeit für körperlichen Freiraum, für ideologische Übersicht und sprachliche Entwicklung zur Förderung des Kritikpotenzials. Ein Erarbeiten von Möglichkeiten, aus der körperlichen, ideologischen und sprachlichen Gefangenschaft zu gelangen.

Hinter diesem Konzept steckt selbstverständlich in einem größeren Zusammenhang auch eine soziale Utopie: Sie besagt, dass, wenn sich jeder zu dieser Form der Arbeit am Selbst entschließt, soziale Bedingungen gleichermaßen förderlicher für das Öffnen werden. Ein perpetuum mobile der Selbstkritik.

Illusionen darüber, dass diese Utopie auch korrumpiert werden oder gar nicht erst eintreten wird, macht sich der sich selbst Ermächtigende aber dabei nicht. Denn immer wird es Machtstrukturen geben, denen der Mensch nicht gewachsen ist, insbesondere den Tod, aber auch das eigene Unbewusste oder die plötzlich präsenten, machtvollen Triebe des Hungers oder der Sexualität.

Die Selbstermächtigung ist deshalb kein Entschluss, über diesen Mächte zu stehen. Sie ist der Entschluss, anzuerkennen, dass niemand je sich selbst vollständig in der Gewalt haben, um dieses Ziel zu erreichen – und durch die Arbeit des Öffnens anzuerkennen, dass es eine Anmaßung ohne Grund ist, in welcher Weise auch immer Herr über andere werden zu wollen. Und das ist das wahre, im Grunde egoistische, aber in seinen Effekten zutiefst ehrliche und beständige Wesen der Toleranz.


Eigentlich sollte heute ein anderer Beitrag erscheinen, über eine Biografie von Justinian. Dieser wird auf unbestimmte Zeit verschoben, weil ich das Gefühl habe, diesen Blog neu ausrichten zu müssen und mehr spontan über Politik schreiben sollte, um weiter an meiner Haltung zum Thema Widerstand zu arbeiten.

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