Martin Heidegger: „Vom Wesen des Grundes“

Ich plane heute etwas eigentlich Unmögliches: einen Aufsatz von Martin Heidegger verständlich zusammenzufassen – und zwar so kompakt, dass es lesbar bleibt.

Um dem Versprechen vom Anfang meiner Serie zu Wittgenstein und Heidegger treu zu bleiben, soll er außerdem etwas mit dem für Heidegger charakteristischen Begriff des Abgrundes zu tun haben.

Weshalb ich mir den Aufsatz „Vom Wesen des Grundes“ von 1929 vorgenommen habe. Er wurde kurz nach Sein und Zeit publiziert und bildet ein Gegenstück zu Heideggers im selben Jahr gehaltene Vorlesung „Was ist Metaphysik?“.

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Wie er im Vorwort von 1949 schreibt, sind beide auch zugleich im Jahr 1928 entstanden. Sie finden sich nacheinander abgedruckt im Band 9 der Heidegger-Werkausgabe, den der Titel „Wegmarken“ ziert. Das Buch gibt es in einer günstigen Studienausgabe.

Was ist das Thema?

Thema des Aufsatzes ist ein zentrales Konzept Heideggers, die sogenannte „ontologische Differenz“. Es ist dies der Begriff, den Heidegger für den Unterschied zwischen Seiendem und Sein erarbeitet.

Womit auch schon direkt weitere erklärungsbedürftig Begriffe aufgetaucht wären.

Seiendes und Sein

Seiendes und Sein sind Kategorien der Ontologie, der Lehre vom Sein. Das ist die Disziplin der Philosophie, die nach Erklärungen sucht dafür, warum Dinge überhaupt sind – und warum sie „nicht vielmehr nicht sind“, wie Heidegger sich in Anlehnung an eine Frage von Leibniz wundert. Sie fragt also nach dem Grund des Lebens, des Daseins – und da hätten wir auch schon den Begriff aus dem Titel des Aufsatzes.

Der Weg der Suche nach dem Sein führt für Heidegger über das Seiende – dem, was ist und dem wir deshalb die Eigenschaft „seiend“ zuschreiben können, also etwa den Dingen oder auch uns selbst.

Das beschreibe, so Heidegger, aber nur eine Tatsache der Erkenntnis von der Existenz der Dinge – nicht von der Art und Weise, wie diese als Seiende sind.

Dieses – die Frage nach dem ist – ist für ihn die wahre Hauptfrage der Ontologie. Sie steht am Anfang der Philosophie. Bereits die Vorsokratiker stellten sie. Der erste Philosoph, der sie systematisch versuchte zu beantworten, war Aristoteles.

Bei dessen Theorie des Seins nimmt Heideggers „Vom Wesen des Grundes“ den Anfang. Der weitere Weg führt über die Schriften des Paulus, von Augustinus und Thomas von Aquin über Leibniz und Kant hin zu Heideggers eigenen Überlegungen.

Doch es wäre müßig und würde den Zweck der knappen Vorstellung des Inhalts verfehlen, Heideggers Erläuterungen in Gänze nachzuvollziehen. Ich will mich im Sinne der Kürze deshalb auf Aristoteles’ Begrifflichkeiten und Heideggers daraus entstehende Frage beschränken.

Aristoteles definiert in seiner Metaphysik vier Ursachen bzw. Formen des Seins: das Was-sein, das Daß-sein, das Wahr-sein und die Ursache des Seins bzw. dessen Wechsel selbst. Diese „Seinsqualitäten“ hat jedes Seiende notwendigerweise. Bei Leibniz heißt das dann: „nihil est sine ratione – nichts ist ohne Grund“.

Heidegger fragt nun nach dem Wesen dieser vier Weisen des Seins, also ihres gemeinsamen Nenners. Dadurch will er dem Sein als solchen (noch) näher kommen.

Der Transzendenzbegriff

Er stellt dazu zunächst die Frage, wo – „in welchem Bezirk“ – das Wesen des Grundes allen Seienden zu suchen sei. Er untersucht dafür Aristoteles‘ Begriffe und Aussagen genauer. Er erkennt dabei, dass Aristoteles Aussagen über Dinge noch als gänzlich diesen Dingen entsprechend, er sieht einen Satz über ein Ding als wahres Verstehen des Objekts dieses Satzes.

Wie man aber seit Kant – dem Heidegger aus diesem Grund auch viel Platz in seinem Aufsatz einräumt – weiß, ist die Sache mit der Wahrheit der Dinge aber nicht so einfach.

Kants Philosophie räumt mit der von Aristoteles vertretenen Auffassung von Wahrheit in Sätzen über Dinge auf. Seine Theorie besagt, dass der Mensch nicht die Dinge an sich begreift, sondern sich Vorstellungen von ihnen macht. Die Sinne machen Dinge erfahrbar und der Verstand setzt sie zu Vorstellungen zusammen. Weil er mit Vernunft begabt ist, kann der Mensch im Anschluss an die Erkenntnis von Vorstellungen diese zusammensetzen, zu Ideen zusammenschließen. Den Bezirk, in dem diese Zusammensetzung geschieht, bezeichnet Kant als transzendental.

Transzendental sind alle Vorstellungen, die ohne sinnliche Erfahrungen entstehen, für Kant vor allem die des Subjekts, der Welt und von Gott. Das Sein als Vorstellung ist demnach die Idee einer Gesamtheit der grundlegenden Eigenschaft alles Seienden – und geht damit aller sinnlichen Erfahrung voraus. Deshalb ist die Frage nach dem Grund für Heidegger ein Transzendenzproblem.

„Die Transzendenz ist […] der Bezirk, innerhalb dessen das Problem des Grundes sich muß antreffen lassen.“

Den transzendenten Grund alles Seienden bezeichnet Heidegger als Dasein. Betrachtet man intuitiv die Welt, würde jeder zustimmen, dass alles erkennbare auch da ist. Aber was bedeutet das – da sein? – Dies sucht Heidegger über einen weiteren Begriff, den des In-der-Welt-sein herauszufinden.

Im Prinzip bedeutet das In-der-Welt-sein für Heidegger die Möglichkeit, dass Seiendes werden kann. Es bedeutet den Entwurf des Seienden durch das Dasein. Es ist die Schnittstelle zwischen Seiendem und Dasein, bei dem letzteres dazu bestimmt ist, ersteres hervorzubringen, dieses (d.i. das Seiendes) jedoch erst jenes (d.i. das Dasein) dadurch aber auch erst begreifbar macht – weil es sonst ja kein Seiendes gäbe, an dem und mithilfe dessen so etwas wie Dasein begreifbar gemacht werden kann. In-der-Welt-sein ist demnach auch die zirkuläre Struktur, die Seiendes und Sein durch das Dasein zusammenhält.

Mit diesem Analyseergebnis im Rücken schreitet Heidegger in den dritten und schwierigsten Teil des Aufsatzes, in dem es gilt, wie er sich ausdrückt, “aus der Transzendenz des Daseins das Wesen des Grundes aufzuhellen“, also aus den Erkenntnissen der Beziehung zwischen Seiendem und Dasein neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Die Frage des dritten Teils ist: Wenn diese Beziehung, wie oben im Zirkelschluss beschrieben, autonom zu funktionieren scheint, was leistet dann noch der Mensch? Ist er nicht einfach unselbstständiger Teil des Seienden, was wiederum zeigt, dass es Dasein hat, welches wieder das Seiende ermöglicht – ohne selbst was dazu zu tun?

Nein, sagt Heidegger.

Die Erklärung für diese Antwort ist so kompliziert wie großartig. Sie lautet wie folgt: Der Mensch leistet den Grund zu alledem, zu Dasein und somit zu Seiendem. Denn der Mensch verfügt über die Fähigkeit, Dasein zu gründen.

Der Mensch ist nämlich laut Heidegger in der Lage, durch seine Vorstellungen der Welt als Ganzes, als Dasein, dem Dasein „an sich“ eine eigene Welt entgegenzuhalten – und sich dieser zu verpflichten (anstatt der anderen). Er muss nicht die Gegenbenheiten des Seienden hinnehmen, sondern kann quasi selbst eine Welt in sich aus Vorstellungen aufbauen und diese als seine Welt hinstellen. Das ist Heideggers Definition von Freiheit.

Der Mensch hat aufgrund der freien Entschlussfähigkeit seiner Vernunft drei Wege zur Verfügung, derartig Gründe zu geben:

„1. das Gründen als Stiften; 2. das Gründen als Bodennehmen; 3. das Gründen als Begründen“

Diese drei Formen bilden den Schlussstein von Heideggers Aufsatz, sie sind sein eigenständiger Beitrag zur Theorie des Grundes. Ich möchte sie zum Abschluss kurz umreißen, denn sie führen zum Begriff des Abgrundes und zeigen ihn (wie in vielen anderen Texten Heideggers auch) als einen Kernbegriff, auf den es zu achten gilt, wenn man sich mit Heideggers Werk befasst.

Das Stiften (die erste Form) ist eine Gründungsform, die mit dem Dasein zusammenhängt. Das Dasein, vom Menschen als Konzept begriffen, ist wie oben bereits in Bezug auf seine Verbindung zum Seienden gesagt, in der Lage, Welt zu stiften – weil es eben die Voraussetzung ist, damit etwas als Seienden verstanden werden kann – und gewinnt darin zugleich Boden. Nur weil der Mensch das Dasein als Seiendes stiftend erkennt, ist es überhaupt als Dasein begreiflich.

Deshalb sind das erste und zweite Konzept des Gründens, die die menschliche Freiheit durch ihr eigenes Vermögen, eine Welt vorzustellen und sie den Dingen entgegenzuhalten, auch miteinander verbunden.

Sie hängen aber nicht wie ein ewiger Kreislauf ineinander. Denn der Mensch kann auch Be-gründen – die dritte Form. Dazu an dieser Stelle einmal Heideggers berüchtigt dunkle Sprache:

„In diesem [dem Begründen] übernimmt die Transzendenz des Daseins die Ermöglichung des Offenbarmachens von Seiendem an ihm selbst, die Möglichkeit der ontischen Wahrheit.“

Anders – und vermutlich überhaupt erstmal verständlich – gesagt: der Mensch, weil er erkennt, dass er mehr vorstellen kann, als es Dinge gibt (z.B. Ideen wie Gott oder eben die Welt), ermöglicht es dadurch überhaupt erst, nach dem „Warum“ des Ganzen zu fragen. Weil der Mensch begründen kann, gibt es überhaupt das Konzept des Grundes.

Heißt also zusammengefasst: Das Dasein aller Dinge als Idee dessen, was es bedeutet zu sein, wird nur durch das Entgegenhalten der menschlichen Weltvorstellungen gegen das, was wir erfahren, möglich: es gründet sich im Verständnis der Möglichkeit von Existierendem – und dadurch ermöglicht es den Menschen überhaupt erst zu fragen „warum so und nicht anders?“.

Und weil dies durch die menschliche Freiheit als Autonomie vom Rest der Welt überhaupt begründet wird, kann der Mensch im Umkehrschluss auch selbst entscheiden, wie weit er diesen Fragen nachgeht, die aus ihm selbst entstanden sind.

Wir sind frei, darüber zu entscheiden, wie weit wir der Frage nach dem Grund der Dinge nachgehen. Das ist die Lehre von Heideggers Aufsatz „Vom Wesen des Grundes“.

Diese Frage ist uns kein Zwang, sondern ein Konzept, das wir aus freien Stücken entwerfen können.

Und weil dies in jedem Moment, in dem wir darüber nachdenken, von neuem komplett frei geschieht, sehen wir uns als Menschen – laut Heidegger – auch immer einem Ab-grund gegenüber. Dieser Abgrund ist die Unerfüllheit der Möglichkeiten davon, wie wir uns gegenüber der erkannten Welt verhalten, welche Ideen wir von ihr entwickeln und welche nicht. Und wir können darum erst entscheiden, wie wir unser Vermögen Dinge zu begründen, einen Grund für sie zu geben, anwenden – und wie nicht.

Jeder Moment ist demnach ein Moment der Freiheit gegenüber der gegebenen Welt als ein Abgrund, in den wir uns mit unseren Entscheidungen hineinwerfen, um ihn mit Sinn zu füllen.


P.S.: Ich bin natürlich gescheitert. Ich habe Heidegger nicht verständlich machen können. Aber ich habe ihn mir verständlicher machen können, weil ich mir diesen Artikel vorgenommen habe und dadurch habe ich erst den Mut gehabt, diese Zusammenfassung zu schreiben. Das ist meine Leistung heute, für die sich auch keiner für sich interessieren muss. Wer aber, jetzt oder irgendwann, diesen Beitrag liest und angeregt wird, Heidegger zu lesen oder ernsthaft zu diskutieren, ohne Vorurteile oder Verehrung gleichermaßen, der kann mich jederzeit kontaktieren. Vielleicht wird auch nur im Dialog über solche Versuche, Dinge zu erklären, etwas wirklich klarer.

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