Einstieg in Justinian und die Bluhm‘sche Massentheorie

Mein nächster Schritt auf dem Weg hin zum besseren Verständnis des Rechts und der Juristerei nach der intuitiven Beschäftigung mit dem Grundgesetz und der eingehenderen Einführung in die Rechtsgeschichte durch das Buch von Uwe Wesel führt mich zum spätrömischen Kaiser Justinian I. und zum Corpus Iuris Civilis, dem von ebenjenem kodifizierten römischen Bürgerrecht. 

Bevor ich (hoffentlich) in der kommenden Woche eine Rezension einer Biografie Justinians präsentieren kann, will ich heute kurz meinen bisherigen Wissenstand überblicken. Es handelt sich bei diesem Beitrag also eher um eine kleine Vorübung, in der ich das Feld zum Thema etwas sondiere.

Starten wir allgemein mit dem Begriff des Römischen Rechts. Wie Uwe Wesel mir beibrachte, ist dieses von den antiken Rechtssystemen dem unsrigen am nächsten. Es ist außerdem dasjenige mit der umfangreichsten Geschichte. Es hat sich nicht nur von der Gründung Roms über die Spaltung und dem Ende des römischen Imperiums nach Justinian immer mehr erweitert und auch abgeändert, es galt auch noch dem Geist nach als Grundlage der Rechtssysteme des Mittelalters weiter. Oder, wie es Florian Felix Weyh in einer großartigen Rezension von Wesels Buch, der meine nicht im Ansatz das Wasser reichen kann, treffend formuliert: „Mit den Römern beginnt das Recht, kompliziert zu werden“. Deshalb wird es heute auch immer noch im Jurastudium gelehrt.

Ich glaube, dass es am einfachsten ist, dieses komplexe Gebilde als Dilettant – der ich nun einmal bin – zu übersehen, indem man sich mit einer Person befasst, die die Gesamtheit des behandelten Materials in irgendeiner Weise durch ihr Leben umspannt. Deshalb bin ich auch nicht zum gerichtlichen Redner Cicero oder, den ich auch besser kennenlernen will, oder Gaius, einer juristischen Autorität der ganzen römischen Geschichte nach Augustus gegangen, sondern zu Justinian.

Der hat nämlich 528 n. Chr. den Auftrag erteilt, aus den abertausenden juristischen Kodizes und Mitschriften über Rechtsfälle der römischen Klassik (Mitte des 1. Jhs. v. Chr. bis Mitte des 3. Jhs. nach Christus) die repräsentativsten auszuwählen und in einem neuen Codex zusammenzustellen.

Das Ergebnis war der Corpus Iuris Civilis, ein Kompendium der Rechtsgelehrsamkeit der gesamte Epoche. Es besteht aus drei Teilen: Den kompakten Institutionen des Justinian, die als Lehrbuch gedacht sind, den umfangreichen Pandekten oder Digesten, den „fortgeschrittenen“, also tatsächlich ausdifferenzierten Rechtsexempeln und den kurzen Novellae, welche nach Justinians Zeiten hinzugefügte Rechtstexte beinhalten.

Abgeschlossen wurde das Monster-Projekt 534 n. Chr. – nur sechs Jahre später. Ein Wunder beinahe, wenn man den Umfang zu zugrunde gelegten Materials betrachtet: 9142 Exzerpte wurden unter Leitung des Juristen Tribonian gesammelt und geordnet. Diese Menge war ungefähr ein Zwanzigstel der vorhandenen Literatur.

Wie haben Justinian und Tribonian diese Menge aus so lang vergangener Zeit so schnell in den Griff bekommen? Der Jurist Friedrich Bluhme hat 1818 in seinem Aufsatz „Die Ordnung der Fragmente in den Pandectentiteln“ eine These zu dieser Frage aufgestellt. Seine Antwort besagt, dass Justinian bestimmte Kommissionen ins Leben gerufen haben muss, drei an der Zahl: Die erste befasste sich mit den Kommentaren zum Zivilrecht (ius civile) der Hochklassiker, die zweite mit ihren Kommentaren zu Edikten, also öffentlichen Erklärungen und Kaiserrechten, und die dritte mit den Quaestiones, rhetorisch ausformulierten Fallbeispielen.

Neben der Frage wie ein Team von 17 Gelehrten – denn so viele waren es – das Ergebnis in so kurzer Zeit vollbracht haben könnten, ist Bluhmes Theorie (informell Bluhm’sche Massentheorie genannt) auch eine mögliche Erklärung für die Anordnung der Exzerpte im Corpus Iuris Civilis, denn seine Erkenntnisse orientieren sich an der Systematik der Reihenfolge in Justinians Kodifizierung

Für mich persönlich ist sie außerdem noch ein hoffentlich nützlicher Anhaltspunkt für meine Beschäftigung mit Justinian. Denn es fällt mir immer leichter, historische Daten und Entwicklungen zu begreifen, wenn ich einen mit (egal ob örtlich, zeitlich oder intellektuell) näherstehenden Anhaltspunkt für die Bewertung des geschichtlichen Wandels habe. Doch davon nächsten Montag mehr…

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