Über 30 Grad

Zwei Ausstellungen, unter Hitzschlag rekonstruiert.

Über 5000 Gemälde stammen aus der Hand oder aus dem Umfeld von Lucas Cranach dem Älteren, irgendeines davon wird er bestimmt im Sommer gemalt haben – und Klimawandel hin oder her: Es wird auch in Wittenberg, zur Zeit Luthers, Tage gegeben haben, an denen es über 30 Grad Celsius warm gewesen ist, auch wenn es diese Messeinheit wohl nicht gab damals, aber woher sonst kommen wohl die ganzen hochtrabenden Einbildungen von der Hölle her als aus den Bedingungen solcher Tagen. Richtig Angst haben können wir, behaupte ich mal, erst, wenn es uns schwitzt; wir denken dann, die Glieder fangen gleich Feuer, wenn wir nicht sofort einen Unterschlupf finden, ob im Schatten oder in der Bibel. Im Sommer ist alles Schneisen brechen, Wege bahnen, die unterirdischer verlaufen, mit Wänden auf beiden Seiten, die Schatten spenden; das ist schon spannend genug als Idee, aber jetzt stelle ich mir dazu noch vor (denn wieso nicht, es flirrt doch sowieso alles um mich herum und macht die Erscheinungen fremd) wie der heilige Hieronymus, den Cranach bestimmt auch in einer Dachstube voller kühler Ecken gezeichnet oder gemalt hat, die mit brennenden Lichtstrahlen durchbrochen wurde, die dann einzelne Teile der Wand – hoffentlich nicht mit Bücherschränken davor – ausbleichen ließen – und er malte wie dieser Hieronymus als Mönch im Walde saß, der See kocht, die Blätter begannen, langsam aufzuweichen und der Eremit steckte an einer Stelle der Johannesoffenbarung fest. Ein bestimmtes Wort, eine heimlich-hämische Konstruktion, ein bösartiges Monster, das sich durch die Sprache einfach partout nicht zu erkennen geben wollte, und Hieronymus riss sich das Hemd vom Leib, weil er wusste, wie gefährlich nah den Halluzinationen er stand, aber auch nicht aufhören wollte, sein Löwe schnarchte tief und selig, sonnte sich und ihm drohte keine Gefahr, aber was sollte er tun, es ging einfach nicht.

Da dachte Hieronymus an die Geschichte, die man sich erzählte vom Tode Alexanders des Großen. Der trieb bei einer Schlacht, sein Heer in solcher Brutalität voran, dass die Soldaten reihenweise einbrachen, sie marschierten eben noch und schon lagen sie kopfüber im Sand, verendet, wie Insekten und sie zogen eine Spur hinter sich her, die niemand, auch nicht der größte Sandsturm hätte verschleiern können – und auch Alexander selbst begann zu wanken. Nicht innerlich, denn Zweifel hatte er längst schon abgelegt, zusammen mit allem Skrupel, wie er sich es bestimmt selbst immer sagte, aber die Physiologie ist doch eben irgendwann menschlich und sein Blut blubberte wie im Hexenkessel von Dantes Hölle.

Und zack! da fällt er wie vom Blitz getroffen um, schlägt auf die Steine im Flussbett auf, mit dessen Wasser er sich eigentlich kühlen wollte – genau in dem Moment, in dem auch ich aufwache und tranceartig merke, dass ich in der Bahn sitze auf dem Heimweg, sie rattert über eine Brücke und es ist Rush Hour in Manhattan, wenigstens daran kann ich mich noch erinnern bevor wir einfahren und ich aussteigen muss und in der Enge drückt es mich gegen die Zwischentür, wo ein Spiegelbild fünf jüdische Gebetsschüler zeigt, die mit Sicherheit ihren Bart nicht abschneiden werden, bis sie in der Gemeinde tatsächlich akzeptiert sind. Zu diesem Zeitpunkt wird mindestens der Bart des zweiten von rechts so lang wie der von Hieronymus auf Cranach Gemälde in Düsseldorf sein – oder aber ich täusche mich und der Bart ist gar nicht so lang, sondern die Schatten der Subway-Brücke machen die dunklen Haare länger und weiter als sie eigentlich sind.

So oder so wird seine Mütze es ihm bei diesen Temperaturen nicht leicht machen, die doch einen kleinen Schirm haben sollte am besten, aber er ist eben kein richtiger Arbeiter, so wie ich und so ganz anders als die Tausenden, Millionen die seit der Gründung dieser Stadt an Schienenteilen hockten, Loren schoben, Dächer deckten, alles in schwarz-weiß, wie es die Fotografien der Zeit erzählen, zu deren Machern, das habe ich jetzt gelernt, nicht nur Alfred Stieglitz oder August Sander gehörten, sondern auch Sam Shaw, dessen Bilder es gerade nach Oberhausen verschlagen haben, wie ich sah, viele, sehr viele hängen dort und haben mich aufgefordert, über sie zu schreiben mit ihren sprechenden Gesichtern, vielen Berühmtheiten und Geschichten aus Jahren, die mir verloren vorkommen und in denen ich wohl auch noch verlorener gewesen wäre als sie.

Sam Shaw und Marilyn Monroe gehörten am engsten zusammen, daran erinnere ich mich noch; wie Pech und Schwefel sagt man doch, nicht? und auch James Baldwin war zu sehen und wild mit den Armen wedelnde Schauspieler. Und so spontan wie sie werde ich wohl nie sein, immer brechen meine Gedanken ab und natürliche Leidenschaft liegen wohl selten so entfernt von einem Lebensentwurf wie heute hier, nicht in Manhattan, sondern im Ruhrgebiet, wo ich wirklich bin (und es auch schön ist).

Denn immerhin kann ich arbeiten und vor der Langeweile fliehen und habe Kunst erlebt, die mir in der Hitze des späten Mai erklärte, dass es Verbindungen gibt zwischen afghanischen Kunstfarbproduzenten des 16. Jahrhunderts und Cranach, ihrem Auftraggeber und Kunden – und zwischen ihm und seinen Freunden Dürer und Luther – und dank meinem Wochenende auch mit ihnen und einem Sport- und Zeitschriftsfotografen aus New York City namens Shaw und manchmal bilde ich mir ein, das wäre ja schon was – doch dann erzählt Jack Kerouac auf dem Heimweg weiter und Neues von Stierkämpfen in Mexiko und ich weiß, dass nichts von dem, was ich erzähle, wirkliches Erleben war, ich habe nur Bilder angesehen, Erinnerungen reanimiert und Farben verglichen…

– was aber nicht heißen soll, dass Jack das Leben nicht auch wie ein Traum vorkam und eines davon besser als das andere ist. Denn wie schnell kann ein Traum zur Realität werden, die wie die Selbstkasteiung des Hieronymus einfach andauert und immer wieder realer werden muss, damit er nicht zerplatzt – und wie schön der Wunsch nach einem Hitzschlag in praller Sonne, der das alles zunichte macht und uns alle einander annähert in Halluzinationen, ob von Jesus am Kreuz, vom Untergrund New Yorks oder einer flachen Asphaltstraße, die einfach verläuft und am Ende immer enger wird, bis der Kopf unter heißes, schwieliges Wasser taucht.

1 Kommentar zu „Über 30 Grad“

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