Ludwig Wittgenstein: Die Grenzen der Sprache im Staunen

Ich war kurz davor, aufgrund von Krankheit den heutigen Artikel zu verschieben. Aber vielleicht wäre das erst recht Kapitulation. Also habe ich mich aufgerafft und bin zwischen Phasen der Erschöpfung und des Schlafes durch Wittgensteins Tagebücher gestreunt, auf der Suche nach einem Begriff von Grenze – den ich im Start-Artikel zu meiner Serie über Heidegger und Wittgenstein als charakteristisch für letzteren genommen habe.

wittgenstein_tagebuecher

Ausgangspunkt für den Weg, den ich in der Folge zum Erreichen dieses Ziels nehmen will  ist ein Zitat aus Manfred Geiers Buch, das ich vergangene Woche rezensiert habe:

„Von Anfang an ging es Wittgenstein, ebenso wie Heidegger, um […] [das] philosophische Staunen, das mehr und anders ist als eine alltägliche Verwunderung oder eine wissenschaftliche Problemsituation, die es zu klären gilt. Es handelt sich dabei um keine Verblüffung über etwas Seiendes, das ungewöhnlich ist und unser Forscherinteresse wachruft. Über die Existenz der Welt staunen übersteigt jede besondere Wahrnehmung einzelner Welttatsachen, mögen sie noch so sonderbar sein oder wissenschaftlich noch nicht erklärbar.“ (Geier, S. 211)

Dass hier eine Grenze erscheint, ist offensichtlich. Die Grenze der Unerklärlichkeit der Welt als Ganzes.

Immanuel Kant begriff diese als eine Grenze der reinen Vernunft, hinter der alles bloß Spekulation ist. Hinter der der Mensch sich nicht auf das besinnt, wozu er in der Lage ist, sondern kosmologische Erklärungen sucht, denen die Begrenztheit seines Vermögens zu denken nicht beikommen kann. Vorstellungen von Unendlichkeit, die er selbst nicht fassen kann – und deswegen in Unsicherheit stürzen

Ich will versuchen zu umkreisen, welche eigenen Ansatzpunkte Wittgenstein gesucht hat, diese Grenze des Staunens zu fassen und dabei trotzdem sicheren Schrittes zu gehen.

Charakteristisch ist für seine Gedanken von der Kriegsfront zwischen 1914 und 1916 vor allem eine neuartige Analyse der menschlichen Sprache. Sie unterscheidet sich von den strikt logisch inszenierten Untersuchungen des Tractatus-logico philosophicus darin, dass er viel stärker auf die Beziehung der Wörter untereinander und ihrer Bedeutung eingeht als auf das Gesamtkonstrukt der menschlichen Sprache.

Zusammenlaufen tut dann alles häufig – wie ebenfalls letzte Woche bereits betont – im Begriff des Bildes. So etwas hier:

9.11.2014
Den unendlichen Raum außerhalb kann ich nur mit Hilfe des Bildes herstellen, indem ich ihn durch dieses begrenze.

Oder hier, ganz verzweifelt staunend:

30.9.1914
Ein Bild kann Beziehungen darstellen, die es nicht gibt!!! Wie ist dies möglich?

Ein Verständnis davon, was Sprache ausdrücken kann und was nicht, erscheint dem Wittgenstein der Tagebücher als etwas, das erst durch den Vergleich von Bild, Bedeutung und Satz erscheint:

1.12.1914
Der Satz sagt gleichsam: Dieses Bild kann auf diese Weise keinen (oder kann einen) Sachverhalt darstellen.

Also nicht bloß in einzelnen Sätzen und deren klarer analytischer Aufteilung. Denn deren Darstellung ist noch nicht gleich Bedeutung – und schon gar nicht Wahrheit, obwohl sie Tatsachen sind:

12.6.1915
Man könnte eigentlich bei jedem Satz fragen: Was hat es zu bedeuten, wenn er wahr ist, was hat es zu bedeuten, wenn er falsch ist?

Denn wer dieses Spiel konsequent zu Ende denkt, trifft auf unvermeidlich auf eine infiniten Reihe. Wer versucht, die Bedeutung eines Satzes zu beschreiben, bedient sich natürlich wieder eines Satzes. Aber dann muss er diesen wiederum in seiner Bedeutung erklären – und so weiter. Sätze, anders als Wittgenstein es bisher angenommen hatte, begrenzen keine Bedeutung in sich, sie sind nur logisch sinnige Verbindungen von Wörtern, die in der Wahrnehmung ein Bild ergeben, das wiederum erst auf Wahrheit geprüft wird, um eine Welt zu konstruieren.

Aber diese Welt wiederum gibt noch eine weitere Grenze auf, an der sich Wittgenstein entlangtastet – die Grenze der Logik. Während ein Satz in sich geschlossen ist, logisch determiniert und bestimmt, so ist es seine Aussage – die im Bilde steckt – darum noch lange nicht:

26.11.1914
Wenn von einem Dinge alle positiven Aussagen gemacht sind, sind doch nicht schon alle negativen auch gemacht! Und darauf kommt alles an!

Was in ständigen Sinnfragen endet, wie etwa dieser hier:

26.9.1914
Worauf gründet sich unsere – sicher wohl begründete – Zuversicht, daß wir jeden beliebigen Sinn in unserer zweidimensionalen Schrift werden ausdrücken können?!

Diese Streifzüge gehen immer weiter in den Tagebüchern – während um Wittgenstein herum Bomben einschlagen, Menschen sterben. Inhaltlich ist davon nichts zu lesen. Aber sobald das Jahr 1916, das Jahr von Verdun, angebrochen ist, beherrschen diese Erfahrung die Gefühlslage der Einträge.

Zeitgleich tendiert Wittgenstein dazu, die Frage nach dem, was hinter der Grenze der Sprache, ihrer Aussagen und deren Sinn liegt, mehr mit dem Begriff des Glaubens zusammenzuführen:

9.11.1916
Ist der Glaube eine Erfahrung?
Ist der Gedanke eine Erfahrung?

Eine Tendenz, die ihn immer näher zu einer neuen Frage bringt: Was ist das, das gute Leben? Wie kann der Mensch Gutes wollen – gerade in Entgegengesetztheit, im Widerstand gegen das Böse, gegen schlechte Erfahrungen durch die äußere Lebenswelt? Es geht Wittgenstein um Ethik.

9.10.1916
Nun ist aber endlich der Zusammenhang der Ethik mit der Welt klarzumachen.

Wer sich ans späte Werk von Wittgenstein macht, sollte diese Forderung des Philosophen an sich selbst immer im Hinterkopf haben. Denn mit ihr verschiebt sich die Problemlage der Grenzfrage in Wittgensteins Werk.

Es geht nicht mehr um die Grenzen des Erfahrbaren, des Sagbaren – sondern um die zwischen Sinn und Unsinn, zwischen logisch-ethisch Gutem und logisch-ethisch Schlechtem. Entstanden ist diese Neuorientierung durch das Staunen vor den Grenzen der Sprache.

Anstatt Probleme zu lösen will Wittgenstein ab diesem Zeitpunkt Probleme auflösen, Zusammenhänge sichtbar werden lassen und so alles Logische einer guten, angstfreien, sinnvollen Lebensführung zuführen. Er beginnt zu erarbeiten, was es heißt, wenn das Ich etwas will – und wie es möglich ist, diesen Willen als gut oder schlecht einzustufen. Es ist in gewisser Weise eine Abkehr vom Mystischen in der Welt hin zum Mystischen im eigenen Ich – dem Urgrund aller Menschlichkeit.

das-ich-kein-gegenstand

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