Uwe Wesel: „Geschichte des Rechts“

Nichts wird über Nacht zu dem, was es ist: Kein Werk, kein Mensch, keine Zivilisation. Jede Geschichte zeigt das, auch die Geschichte des Rechts. Wer über sie etwas lernen will, sollte mit dem gleichnamigen Buch von Uwe Wesel anfangen.

Sein Standardwerk liefert kompakte Abrisse historischer Rechtsformen einzelner Epochen, Völker und Länder, eingebettet in eine große Entwicklung, die unser jetziges Endergebnis – das letzten Montag besprochene Grundgesetz – umso erhabener und wertvoller erscheinen lässt. Ich möchte daher kurz darstellen, wie es mir geholfen hat, dies zu begreifen.

Eine allumfassende, erschöpfende Geschichte

Wesel versucht so früh wie möglich, den Begriff des Rechts zu fassen, dort wo es historisch beginnt, nicht mehr ganz glatt zu laufen – dort, wo Wissen auf Spekulation trifft, nämlich bei den Urstämmen indigenen Völker, die noch heute ihre ureigenen tradierten Riten beibehalten haben.

Sie hatten allerdings auch schon Rechtsformen, aber diese waren noch kodifiziert und fielen mit sozialen Konventionen zusammen. Die Grundlagen der Rechtswissenschaft verlegt Wesel damit in ein geschichtliches Stadium, das nicht über Dokumente, sondern über anthropologische Analysen zugänglich wird. Der Mensch analysiert das Verhalten des Menschen, um so eine abstrakte Kenntnis eines erarbeiteten Kulturguts zu erlangen.

Von dort nimmt die Geschichte des Rechts ihren Ausgang in Urformen rechtsstaatlicher Gesellschaften im soziologischen Sinne der Arbeits- und Ständeunterschiede: Ägypten, Mesopotamien, Israel.

Seinen ersten Höhepunkt findet Wesels Abriss dann im Römischen Recht. Die Römer und insbesondere ihr Kaiser Justinian, sind nämlich der Startpunkt des bürgerlichen Rechts, wie wir es heute kennen. Dieses soll deshalb auch in der kommenden Woche hier genauer untersucht werden, mit dem Verständnis von Grundpfeilern wie Eigentum, Vertrag, Familie und weiteren Anliegen wie etwa dem Strafrecht oder den staatlichen Institutionen.

Der Corpus Iuris Civilis, die sogenannte Kodifikation des Justinian, ist dann auch in der Folge grundlegender Referenzpunkt der Analyse jeglicher folgender, mittelalterlicher Rechtssysteme. Bis in die frühe Neuzeit wird ihr Aufbau praktisch nach dieser Vorlag systematisiert, verändert, der Gesellschaft angepasst – und entwickelt sich in ein Recht des Feudalsystems.

Die Neuzeit, insbesondere natürlich in der Folge der französischen Revolution, wandelt dies dann wiederum langsam aber sicher in ein bürgerliches Rechtssystem um, das spätestens nach den beiden Weltkriegen ohne Monarchie (denn die wurde bislang immer vorausgesetzt) auskommt.

Welterzählung und Reflexion

Immer wieder hat mich bei der Lektüre fasziniert, was für eine breite Linse das Recht ist, um die Geschichte der Welt, gesellschaftliche Verhältnisse, menschliche Psychologie, Vernunftbegriffe und mehr zu untersuchen. Ich war mir zwar immer bewusst, wie deutlich das Gesetz unser Leben bestimmt (ja bestimmen muss, um angstfrei zu leben=, aber nicht, wie sehr es auch seine Entwicklung formt und begreiflich machen kann.

Dies und die umfassende Erweiterung der Allgemeinbildung im historischen Bereich sind wohl die beiden wichtigsten Aspekte, die mich eine klare Empfehlung für dieses Buch aussprechen lassen, gerade für Nicht-Juristen – obwohl Wesels Werk eigentlich besonders den Studenten des Faches als unentbehrliches Arbeitswerkzeug immer wieder ans Herz gelegt wird.

Um zu demonstrieren, wie relevant ein Wissen um die Macht des Rechts für jeden auch im Alltag ist, möchte ich auch heute meinen Beitrag mit einem Zitat von Kant schließen. Es stammt aus der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ und definiert den Begriff des Gesetzes (unter anderem) wie folgt:

[N]ur das Gesetz führt den Begriff einer unbedingten und zwar objektiven und mithin allgemein gültigen Notwendigkeit bei sich, und Gebote sind Gesetze, denen gehorcht, d.i. auch wider Neigung Folge geleistet werden muß.

Von Belang ist hier insbesondere das Wort „gehorchen“. Ein Terminus, der in (vermeintlich) aufgeklärten Gesellschaften Gänsehaut wie kaum ein zweiter hervorzurufen vermag. Denn wer gehorcht – der ist doch nicht mehr frei?

Falsch. Denn Gehorsam ist nicht gleich Unterdrückung. Geschieht Gehorsam aus selbstbewusster Reflexion über den Inhalt dessen, dem gehorcht wird, ist Gehorsam ein Mittel der Definition und ein Zeichen selbstbestimmten Handelns. Es definiert Gesellschaftsgrenzen, Einflussbereiche und – in intellektueller Hinsicht extrem wichtig – Diskussionsgrundlagen. Denn wenn niemand mehr irgendeiner Autorität gehorchen will, zerfällt eine organisierte Gesellschaft in unreflektierte, dogmatisch an die eigene Unersetzbarkeit und Unhintergehbarkeit glaubende Scheinindividuen – was aber nichts mit Unterwerfung zu tun hat, sondern mit Einsehen von Notwendigem.

Das ist bei jeder Debatte im Hinterkopf zu behalten: Bevor diskutiert oder gestritten werden kann, ist eine Analyse der Diskussionsgrundlage vonnöten. Eine oft vergessene und darum Beleidigungen und schlussendlich wohl auch Gewalt produzierende Tatsache. Erst gemeinsame Grenzen und Sitten – wie Kant sagen würde – bestimmen, dann handeln.

Dies ist wieder zu lernen, und ich glaube, dass eine Beschäftigung mit dem Recht – historisch, philosophisch und juristisch –, wie ich sie letzte Woche, heute und auch in den kommenden Wochen hier praktizieren will, so gut ich kann, dabei hilft.


Die „Geschichte des Rechts“ von Uwe Wesel liegt preislich recht hoch, bei 43 Euro, bietet dafür aber auch 651 Seiten dichtesten Inhalt. Das Buch ist im Verlag C.H. Beck erschienen. (danke an Olaf für die Empfehlung)

1 Kommentar zu „Uwe Wesel: „Geschichte des Rechts““

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