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Ich schreibe den zweiten Samstag im Banne Kants. Auch heute tippe ich hier – und kann nicht anders, als erneut kurz über das Gelesene zu reflektieren.

Der Anlass

Von Anfang an galt mir hier das Ziel am meisten, eine kritische Position zu erarbeiten. Ich will in der Lage sein, Verhältnissen des Lebens auf den Grund zu gehen und ihre innere Struktur darzulegen. Das Ziel ist tatsächlich Aufklärung: Mehr Möglichkeiten zu schaffen, differenzierte Urteile zu bilden.

Immer wieder bin ich im Verlauf auf Schwierigkeiten gestoßen, die mir verhindern, dieses Ziel zu erreichen – und werde das auch sicherlich weiterhin tun. Das liegt daran, dass der Mensch aus Gewohnheit schnell in festgefahrene Strukturen ausweicht, sich schnell einrichtet und sagt: So ist die Welt und nicht anders.

Darin liegt eine große Gefahr. Kant würde sie als den Schein dogmatischer Urteile bezeichnen.

Dogmatische Urteile sind unreflektierte Urteile, die aus wiederkehrenden Gedankenmustern entstehen, welche ungehindert und ohne durch das Selbstbewusstsein gefiltert zu werden auftauchen. Als Schriftsteller schreibe ich dann effektiv so, wie ich es immer getan habe und denke nicht mehr über meine Wortwahl nach, nicht über ihre Strukturen und schlussendlich nicht einmal mehr über ihre Bedeutung.

Die Gefahr daran ist eine grundlegende Verwechslung. Denn das, was durch aus Gewohnheit praktizierte Dogmatik entsteht ist nicht, wie viele glauben, eine sich festigende Haltung zu Welt. Es ist Abstumpfung, die Kritikpotenzial und auch Kritikfähigkeit verstümmelt. Was eine Haltung zu sein scheint, ist nicht mal mehr das und erst recht keine kritische Position.

Kant erklärt, wie es anders geht.

Die Gegenwehr

Die Kritik der reinen Vernunft ist (unter anderem) dafür in zwei große Teile eingeteilt: Zunächst die lange, mühsame „transzendentale Elementarlehre“. In ihr legt Kant seine Theorie dar, wie der Mensch die Welt wahrnimmt und verarbeitet. Er erarbeitet mit dem Leser als begleitenden Denker, in wie weit wir Objekte erkennen, was wir (an ihnen) verstehen und zu welchen Schlüssen über die Beschaffenheit des Lebens wir kommen können.

Zum Schluss, auf rund 100 von 700 Seiten folgt dann der zweite Teil, die „transzendentale Methodenlehre“. Hier wird Kant urplötzlich gesellschaftlich engagiert, beinahe politisch – denn er will zeigen, wie das Wissen um die eigene Vernunft praktisch anzuwenden ist.

Er stellt dabei unter anderem die Frage: Wie benutzt der Mensch sein Wissen darüber, wie er die Welt wahrnimmt in der Diskussion mit anderen Menschen? Ist nicht jede Diskussion – gerade wenn sie politisch ist – ein Streit zwischen Gegnern und damit vorherbestimmt unkritisch, dogmatisch? Denn sonst würde ja niemand seinen Standpunkt verteidigen, geschweige denn behalten können, was ja wohl ein Nachteil wäre.

Ja, wäre es– wenn dogmatisch argumentiert würde. Sobald aber in Streitsituationen die Vernunft mit Bedacht einsetzt wird – was heißt, dass der Mensch sich selbst kritisch beäugt – ist er in der Lage, aus diesem Streit sich zu lösen:

Anstatt […] mit dem Schwerte drein zu schlagen, so sehet vielmehr von dem sicheren Sitze der Kritik diesem Streite geruhig zu, der für den Kämpfenden mühsam, für Euch unterhaltend, und, bei einem gewiß unblutigen Ausgange, für eure Einsichten ersprießlich ausfallen muß. Denn es ist sehr was Ungereimtes, von der Vernunft Aufklärung zu erwarten, und ihr doch vorher vorzuschreiben, auf welche Seite sie notwendig ausfallen müsse. (S. 636f.)

Wer Kritik unter diesem Vorzeichen praktiziert, der bringt sich ein ums andere Mal näher an die einzige wirklich immer gültige Haltung, die da lautet: Es ist nicht möglich, alles zu wissen. Nicht nur, weil der Mensch keine Zeit dazu hat, sich alles mögliche Wissen von der Welt anzueignen und außerdem jede Sekunde immer Neues, Unvorhergesehenes passiert – sondern weil es Dinge gibt, die wir uns nicht einmal vorstellen können: Ewigkeit etwa laut Kant, oder eine kosmologische Allgemeinheit (Gott) oder auch den Tod.

Das hat aber einen ungemeinen Vorteil: Immer ist es dann möglich, den Gegner auf eine Lücke in seiner Argumentation, einen blinden Fleck seines Dogmas hinzuweisen. Kritik üben heißt Wissenslücken aufzeigen – und dann zu hoffen, diese mit eigens erarbeiteter Erkenntnis füllen zu können.

Dazu noch einmal Immanuel:

Sinnet demnach selbst auf Einwürfe, auf die noch kein Gegner gefallen ist, und leihet ihm sogar Waffen, oder räumt ihm den günstigsten Platz ein, den er sich nur wünschen kann. Es ist hiebei gar nichts zu fürchten, wohl aber zu hoffen, nämlich, daß ihr euch einen in alle Zukunft niemand mehr anzufechtenden Besitz verschaffen werdet. (S. 658)

Kritik und aufklärerischer Impetus bedeutet nicht, am Ende mit letztgültigem Wissen dazustehen, sondern die Chance wahrzunehmen, nach diesem Wissen überhaupt zu streben.

Denn nicht nur ist es nicht selbstverständlich, dass Wissen besessen werden kann, sondern es ist nicht einmal selbstverständlich zu begreifen, was Wissen überhaupt ist.

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