Zum bedingungslosen Grundeinkommen

Undeutliche Überschrift, ich weiß. Aber sie hat einen roten Faden – an Martin Oettings Meinungsbeitrag zur Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen entlang, der ein hervorragendes Stück Recherche ist, spannend geschrieben, fast wie eine Reportage.

Martin hat eine klare Haltung zum BGE: Er lehnt es ab. Eine Haltung, die er sprachlich derart brillant formuliert, dass mir während der fast schon zu leichtfüßigen Lektüre in Ansehung meines Staunensklar wurde: Ich hab‘ mal wieder eigentlich keine Ahnung. Ich weiß nicht, ob ich für oder gegen das bedingungslose Grundeinkommen bin, geschweige denn mit welchen Argumenten für diese Ansicht ins Feld ziehen würde.

Doch ich bin froh darüber, dass ich sagen kann: Das macht auch nichts, gerade nicht in der Auseinandersetzung mit Martins Thesen zum Thema. Das ist erstens der Fall, weil ich ihm in seinem Urteil vertraue (eine Qualität an politischen Kommentaren, die nicht zu unterschätzen ist).

Zweitens weiß ich, dass es Martin nicht nur allein um das Thema BGE an sich geht. Denn sein Text handelt gar nicht so sehr vom Geld selbst und von Umverteilungstheorien der BGE-Befürworter als vielmehr mutig und konkret von einem Thema, das ich etwa der SPD, die derzeit damit erheblich wirbt, nicht abkaufe: Gerechtigkeit und mit ihr verbundene Freiheit.

Dazu an dieser Stelle ein längeres Zitat:

Anstatt Freiheit an einer banalen monetären Größe von „so um die 1.000 EUR“ festzumachen und sich damit von allen Ansprüchen freizukaufen, brauchen wir eine Debatte darüber, wie wir nach Jahrzehnten neoliberaler Politik den Blick abwenden von der einseitigen Frage, welchen monatlichen absoluten Mindestpreis der Wert eines Menschenlebens haben darf — und hin zu Fragen danach, was Freiheit wirklich bedeutet, welches neue Gesellschaftsmodell wir eigentlich brauchen, welchen Stellenwert Solidarität in unserer Gesellschaft haben soll, und wie Arbeit und gemeinsames Sinnstiften künftig funktionieren werden.

Recht hat er! Jawohl! Das wird man doch noch sagen dürfen! Eine Diskussion über die Gesellschaftsdebatte des BGE muss her, jawohl! Metadiskussion ahoi!

(Einseitigkeit, immer wieder diese Einseitigkeit. Es krankt allem derzeit so sehr an fehlender Perspektivierung. In meinen täglichen Forschungen durch die Nachrichtenflut wird mir immer und immer wieder klar, dass sich Überschriften so dermaßen oft wiederholen. Eine Welle folgt da unaufhörlich der nächsten, jede doppelt und dreifach mit den selben Informationen aus allen Kanälen. Macron, Von der Leyen, Kim-Jong Un, Horst Mahler, Christian Lindner – und immer wieder dieser eine Typ.)

Es ist so wichtig, dass öfter die Frage nach dem Grund der Diskussionsthemen gestellt wird. Ob es noch einen Meeresboden gibt, quasi – oder ob der Wind des Zufalls und der taktierenden Macht die Politik leitet und uns gleich mit.

Das hat nichts mit Verschwörungstheorien zu tun. Es bedeutet kritische Überprüfung und anschließendes In-sich-gehen und Betrachtung der eigenen Werte. Und ich bin sehr dankbar, Martins Blog zu kennen, der das immer wieder mit Geduld und ergreifender Sprache tut.

Dass eine solche Überprüfung notwendig ist, zeigt abschließen auch ein Blick in seine Kommentarspalten. Dort finden sich heute, nur wenige Tage später, schon einige differenzierte Gegenargumente, aber auch unterstützende Worte.

Das Faszinierende daran: Sie rufen alle komplett andere Referenzwerte, andere Ideen vom BGE auf den Plan als die, die Martin in seinem breit aufgestellten Artikel selbst anführt. Womit sie – und vielleicht ist das nicht allen Kommentierenden bewusst – Martins tatsächliche Hauptthese nur unterstreichen:

Lasst uns wieder über Investitionen in unser Gemeinwesen reden, anstatt immer weiter verschlanken, sparen, vereinfachen zu wollen. Damit Menschen, die heute als Fabrikarbeiter, Journalistinnen, Webdesigner, Kfz-Mechanikerinnen, Altenpfleger, Taxifahrerinnen arbeiten, sich auf die Zukunft freuen können. Und damit die, die ihren Job verloren haben […], eine Perspektive bekommen — derweil sie heute schon vom bedingten Grundeinkommen leben. Erst wenn uns das gelingt — ein neues gemeinsames Verständnis von gesellschaftlicher Teilhabe und Sinn des Lebens abseits von Shopping und Konsum und „Wer wird Millionär“ zu schaffen — können wir danach vielleicht eines Tages auch über ein BGE reden.

Aber das ist natürlich eine deutlich komplexere und anstrengendere Diskussion als zu sagen: „Lasst uns einfach allen ein Grundeinkommen überweisen, dann haben wir das Problem gelöst“— die Idee ist poppig, hip, einfach. Und falsch.

Es ist großartig zu sehen, was entsteht, wenn Komplexität anregend wirkt. Martins Beitrag hat das für die Debatte um das BGE geleistet.

1 Kommentar zu „Zum bedingungslosen Grundeinkommen“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s